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Wie soll man zu Michael Moore stehen, der einerseits das korrupte amerikanische System bloßstellt und doch bei seinen Dokumentationen die gleichen Methoden anwendet, die er der Regierung vorwirft. Eine große Fangemeinde und zahlreiche Auszeichnungen loben ihn in die Höhe und doch bekommt Moore gerade in einem potentiellen Erfolgsjahr angesichts seines neuen Films “Sicko” einen kleinen Dämpfer. Die kanadische Dokumentation “Manufacturing Dissent” stellt ihn nach ihren Recherchen bloß als Egoisten, Aufrüher und Betrüger.

Interessant an “Manufacturing Dissent” ist, dass das kanadische Team ursprünglich eine Lobeshymne an ihr Idol Moore drehen wollte, doch angesichts der Informationen, die sie dann von den Leuten erhielten, die über die Jahre mit diesem zu tun gehabt hatten, änderten sie ihre Meinung. Über Monate versuchten sie, ein Interview zu bekommen, wurden aber immer rüder abgewiesen. Sehr bezeichnend fand ich einen Ausschnitt aus einem Interview mit Moore, wo ihn eine Frau aus seiner Heimatstadt Flint fragt, dass er die kritisieren würde, die nichts für die Stadt tun würden, aber was er denn tun würde. Seine abwertende Antwort war nur: “Soll ich mich jetzt schuldig fühlen, nur weil ich einen Film gemacht habe, den die Leute sehen wollen?”

Mit dieser Doku im Hinterkopf habe ich jetzt “Sicko” gesehen, Moores neue Dokumentation über das amerikanische Gesundheitssystem. Und schockiert musste ich feststellen, wenn auch nur ein Bruchteil von dem wahr ist, was da über die katastrofalen Zustände des Gesundheitssystems gezeigt wird, dann ist es doch wieder gut, einen Michael Moore zu haben, der, wenn auch nicht gerade auf lupenreine Weise, aufmerksam macht auf eine Situation, die man sich hierzulande überhaupt nicht vorstellen könnte.

Sicher, er stellt seine Sicht der Dinge wieder sehr einseitig dar, aber er dürfte in Amerika schon einen Nerv treffen, wenn er Kanada, England und Frankreich besucht, und demonstriert, wie umfassende staatliche medizinische Versorgung funktioniert und dass man auch ohne Angst ins Krankenhaus gehen kann, dass Medikamente viel billiger sein können, ja, dass es einfach egal ist, ob man sich eine Bahandlung leisten kann oder nicht. Interessant, dass den Amis staatliche Gesundheitsversorgung immer als kommunistisches Schreckgespenst ausgeredet wurde.

Natürlich drückt er wieder auf die Tränendrüse, aber die Schicksale, die er zeigt, sind schon erschreckend. Da ist die Frau, die ihr Kind verloren hat, weil man sie zu einem anderen Krankenhaus schickte, der Mann, der sich zwei Finger absägte und sich dann für den “günstigeren” zum Annähen entscheiden musste, die Leute, die umziehen mussten, weil ihre Krankheit sie ihr ganzes Geld gekostet hatte, die Frau, die halb operiert vom Krankenwagen vor einem Obdachlosenheim abgesetzt wurde, weil sie ihre Rechnung nicht bezahlen konnte, und und und…

Den Vogel schießt Moore aber ab, als er mit einem Trupp seiner Kranken auf dem Seeweg versucht, ins Gefängnis von Guantanamo zu kommen, weil es selbst dort bessere medizinische Versorgung geben soll. Als man sie dort natürlich nicht reinlässt, besucht man kurzerhand ein Krankenhaus in Kuba, und stellt fest, dass selbst der “Erzfeind” bessere Versorgung hat und Inhalatoren, die in Amerika 100 Dollar kosten, hier für 5 Cent zu bekommen sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass “Sicko” erschüttert. Und auch, wenn viele Anklagen aus “Manufacturing Dissent” sich bestätigt sehen können, hat Moore es doch wieder geschafft, seinen Werken eine Daseinsberechtigung zu geben. Schade nur, dass man Extremen offensichtlich nur mit anderen Extremen begegnen kann…

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