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Zwölf Jahre nach “Titanic” meldet sich Regisseur James Cameron wieder zu Wort und hat sein seit über zehn Jahren geplantes Science-Fiction-Abenteuer “Avatar” endlich realisiert mit dem Ziel, Filmgeschichte zu schreiben. In technischer Hinsicht ist ihm das gelungen, die Story hingegen ist einfach und wenig überraschend. Die Effekte und die Visualität stehen ganz eindeutig im Vordergrund, Handlung und Charaktertiefe weniger. Wer sich auf ein familienfreundliches CGI-Spektakel einlassen will, bekommt gute Unterhaltung.

Inhalt

Der gelähmte und desillusionierte Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) tritt im Jahr 2154 eine Reise zum exotischen Planeten Pandora an, den die Menschen aufgrund von Bodenschätzen ausbeuten wollen. Dort soll er an Stelle seines kürzlich verstorbenen Zwillingsbruders an dem von Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) geleiteten Avatar-Projekt teilnehmen, bei welchem menschliche DNA mit der der einheimischen Rasse, den 3-Meter-großen, blauen Na’vi, kombiniert worden ist. Diese gezüchteten Körper lassen sich nun von Menschen steuern. Sully erhält den Auftrag, sich bei den Na’vi einzuschleusen und diese schließlich zum Umsiedeln zu überreden. Doch abseits davon, dass er sich in die Na’vi Neytiri (Zoe Saldana) verliebt, versteht er den außergewöhnlichen Planeten immer mehr…

Kritik

Mit einem geschätzten Produktions- und Marketingbudget von 460 Millionen US-Dollar ist der Film einer der teuersten Filme aller Zeiten. Er ist stolze 162 Minuten lang und besteht zu 60% ausschließlich aus CGI-Einstellungen. An der speziellen Motion-Capturing- und 3D-Technik hat Cameron lange entwickeln lassen; sie sollte eine technische Revolution darstellen. Cameron hat mit dieser Idee 15 Jahre gewartet, da er wollte, dass die Technologie weit genug dafür entwickelt sei. Zusätzlich hat er über das Projekt bis zum ersten Teaser lange nichts bekanntgegeben, keine Sceenshots oder dergleichen und damit eine enorme Erwartungshaltung hervorgerufen, zumal das Projekt vom “Aliens”-, “Abyss”-, “Terminator 1 & 2″-Regisseur kommt, der also schon oft mit Sciene-Fiction-Filmen Filmgeschichte geschrieben hat. Doch der erste Teaser ließ eine große Ernüchterungswelle durch das Netz gleiten.

Die CGI-Revolution ist dem Film weitestgehend gelungen: Weta Digital hat gute Arbeit geleitet und widersteht beispielsweise im Gegensatz zu Industrial Light and Magic der Versuchung, pausenlos künstliche, störende Blendflecke einzusetzen. Die Bewegungen sind vielleicht nicht hundertprozentig perfekt, aber gerade in Anbetracht der Menge schon sehr gut. Die Mimik der Na’vi hingegen ist nicht allzu überzeugend. Vollends punkten kann die CGI hingegen bei den Landschaften und Lichtverhältnissen, die einem Fotorealismus schon sehr nahe kommen. Da ich den Film in 3D gesehen habe, ist die Optik von mir natürlich ein wenig schwer zu beurteilen, gerade was Bildkompositionen und dergleichen angeht; in 3D bietet der Film aber zweifellos visuelle Highlights. Camerons Leidenschaft am Tauchen wird dabei im Design der Fauna und Flora des exotischen Planeten deutlich: Seepferdchenkopf-Pferde, Muränenkopf-Flugsaurier und ein Haufen fluoreszierender korallen- und quallenähnlicher Gebilde prägen das Bild. Diese faszinierende Welt ist das eigentliche Highlight von “Avatar”.

Der Plot hingegen fungiert einzig allein als Aufhänger für buntes Effektgewitter. Die Story ist leider nicht nur minimalistisch, sondern auch einfach zu sehr stereotyp und vorhersehbar. Überraschende Wendungen gibt es nicht, graue Charaktere sucht man auch vergebends; es herrschen ganz eindeutige Gut-Böse-Verhältnisse mit den Kapitalisten auf der einen Seite und den Naturburschen auf der anderen Seite.

Die Geschichte ist nahezu identisch mit anderen bereits bekannten, in welchen eine neue Welt erorbert wird: Ob Pocahontas oder Karl May - dass “Avatar” Sci-Fi-Elemente aufweist, täuscht über die mehr als hundertmal gesehen Story nicht hinweg: Menschen mit überlegender Technologie wollen “wilde” im Einklang mit der Natur lebende Menschen aus Profitgier vertreiben, einer von ihnen verliebt sich aber in die Häuptlingstochter und kämpft nachher mit primitiven Mitteln auf der Seite der Ökos gegen die Eroberer.

Dass Cameron keine Originalität in die Geschichte bringt, ist bedauerlich. Die Kapitalismuskritik ist nicht zu übersehen und sehr oberflächlich, die Botschaft eines Umweltbewusstseins ebenso. Da hatte man sich von den angekündigten “philosophischen Themen” ein wenig mehr versprechen können. Die Na’vi sind dabei auch nicht so originell, fremdartig und fantasiereich, wie man im ersten Moment vielleicht denkt, sondern weisen extreme Parallenen zu Indiandern auf und so manches Esotherikgebärde stellt den einen oder anderen Zuschauer schon ein wenig auf die Probe, spätenstens wenn alle Hand an Hand um einen Baum sitzend hin- und herwackeln. Der Soundtrack unterstreicht dabei die Naturvölker- und Spiritualistenparallelen zusätzlich in einem nicht notwendig gewesenen Maße.

Die Geschichte ist also wenig überraschend und sehr oft leider auch noch dazu richtig kitschig. Tiefgründigkeit, auch in der Konzeption der Na’vi, ist nicht zu finden. Das Filmende war nach bereits 20 Minuten abzusehen. Die Filmlänge und viele der ruhigen, langwierigen Szenen hätten nicht Not getan. Tiefe verleihen sie dem Film leider nicht, und da der Film ausschließlich mit den Effekten punkten möchte, hätte man die langwierigen, doch meist recht naiven Szenen kürzen können.

Schauspielerisch ist alles souverän und niemand sticht hervor, “Perseus”-Sam Worthington und Zoe Saldana sieht man eh selten unanimiert. Auch Leute wie Michelle Rodriguez haben wenig Chance, Charakterzüge einzubringen; Sigourney Weaver hat vielleicht noch am ehesten Charisma.

Wer einen großen, harten Science-Fiction-Actionfilm erwartet, sollte ebenfalls aufpassen: Für Cameron sehr untypisch ist der Film sehr bunt und familiengerecht inszeniert; Blut wird man so gut wie nie sehen (unanimiertes schon gar nicht). Und bis auf den optisch sehr ansprechenden finalen Kampf beschränkt sich die Action vorher auch weitestgehend auf Rennen und Fliegen im/über die Landschaften von Pandora. Hart, realitätsnah oder dreckig ist hier gar nichts; der Film ist aalglatt.

Obwohl die Animationen insgesamt überzeugen, fragt man sich, ob nicht teilweise doch mehr real hätte dargestellt werden können. Eine Sigourney Weaver in “Aliens” in einem real gebauten menschenähnlichen Robotter wirkt dann einfach doch mehr als hier der Antagonist, der mit einem animierten durch die Gegend springt (Mal abgesehen davon, dass man diese Teile nun seit “Matrix 3″ und “Terminator 4″ auch wirklich über hat). Ich als Freund von echten Sets und Kulissen bin positiv von den animierten Landschaften überrascht worden; dennoch kam man sich oft vor wie in einem Computerspiel. Die Welt wirkte eben doch künstlich und nicht, ironischerweise im Widerspruch zur Aussage, natürlich.

So oder so verschenkt der Film viel zu viel Potenzial. In der Story und den Charakteren zweifellos, aber wenn ich mir das Ganze ohne animierte blaue Wesen vorstelle, sondern mit einem Volk, welches mit Maske à la “Pans Labyrinth” realisiert worden wäre, welches vielleicht durch die eine oder andere echte Landschaft gestapft wäre, hätte das für etwas mehr Realismus gesorgt und mich persönlich vermutlich auch mehr angesprochen. Aber das ist wohl Geschmackssache.

Dass Cameron anscheinend plant, “Avatar” zur Trilogie werden zu lassen, kann man nun sehen wie man will. Mir persönlich reicht ein Film als Technikdemonstration; für zwei weitere gibt die Story eigentlich nicht so viel her. Da sollte man meines Erachtens ruhig ein neues Projekt angehen. Die Fans der blauen Wesen können sich somit aber Hoffnungen auf zwei Fortsetzungen machen.

Mein Fazit

Cameron hat eindrucksvoll bewiesen, was mit CGI, Motion Capturing und 3D-Technologie mittlerweile alles zu machen ist und setzt neue Maßstäbe. Auch wenn das Design der blauen Na’vi sicherlich ein wenig gewöhnungsbedürftig und der Film insgesamt sehr familienfreundlich ist, kann er optisch und technisch überzeugen. Alleine daher ist er wohl einen Besuch ins Kino wert. Ob allerdings zweieinhalb Stunden nötig gewesen wären und ob die Bildgewalt die vorhersehbare, karge Story und stereotype Gut-Böse-Charaktere und -Handlungsmuster entschädigen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer fantastische Welten mag und sich auf die blauen Wesen einlassen kann, der bekommt eine geballte Ladung bunter CGI-Bilderflut und Effekt-Blockbusterkino, was offensichtlich keinen inhaltlichen, lediglich einen optischen Anspruch hat, Maßstäbe zu setzen. Unterhaltend ist der Film auf jeden Fall. Ein Meisterwerk hingegen leider nicht.

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