„Somewhere“ – Poesie im goldenen Käfig

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Sofia Coppola besinnt sich nach dem eher durchschnittlichen Besuch in Versailles zurück auf das, was ihr im Jahre 2003 den Oscar für „Lost in Translation“ einbrachte. Ihr (inzwischen bekanntes) Rezept: Man nehme einen erfolgreichen, aber unglücklichen Schauspieler, ein berühmtes Hotel und einen weiblichen, ähnlich unglücklichen Gegenpart, wenngleich dieser in Form von Elle Fanning (Schwester von Dakota Fanning) dieses Mal deutlich jünger ausfällt. Dazu packt man eine kleine Geschichte, welche irgendwo im Nirgendwo stattfindet, oder aber auch: SOMEWHERE.

Inhalt

Dem Hollywood-Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff) könnte es eigentlich nicht besser gehen. Er residiert im berühmten Hotel Chateau Marmont in L.A., wird von meist nur kärglich bekleideten Frauen umworben, brettert mit seinem schwarzen Ferrari durch die nächtlichen Straßen und zelebriert die wildesten Partys in seiner Suite. Der Haken: Johnnys Leben ist langweilig. Der einzige Lichtblick in seinem so kargen Leben ist seine elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning), welche ihn einmal in der Woche besuchen darf. Als diese aus unerwarteten Gründen mehrere Tage bei ihm verweilen muss, sieht der so vom Erfolg gequälte Schauspieler seine einstige Fassade erstmals bröckeln und muss schmerzvoll damit beginnen, sein Leben aufzuräumen.

Kritik

Sofia Coppola ist ja bereits seit ihrem ersten Kurzfilm „Lick The Star“ dafür bekannt, sich für ihre Filme respektive die meist detailliert kostruierten Charaktere in eben jenen sehr viel Zeit zu lassen. Wer mit der vorstädtischen Einöde der Selbstmordschwestern, Bob und Charlottes ewig langen Nächten und Marie Antoinettes stiller Revolution gegen den königlichen Hof nichts anfangen konnte, wird an den 98 Minuten „Somewhere“ verzweifeln und kann an diesem Punkt vermutlich bereits aufhören, diese Kritik zu lesen.

Ein schwarzer Ferrari kreist auf einer von der Außenwelt isolierten Strecke. Während wir als Zuschauer nur die Hälfte der Strecke sehen, hören wir dennoch den ohrenbetäubenden Lärm des Fahrzeuges. Isolation ist selten lauter gewesen. Sofia Coppola gibt wie gewohnt keine Blöße und zeigt dem Zuschauer bereits mit der ersten starren Einstellung, auf welche Reise er sich begeben wird, denn Johnny Marcos Leben verhält sich ähnlich wie die Rennstrecke, auf welcher er unentwegt seine Runden dreht. Es dauert Minuten, bis er seinen Wagen letztendlich am Streckenrand abstellt und aussteigt. Die ersten dreißig Minuten des Filmes beschränken sich darauf, das sich ebenso im Kreis drehende Leben des Schauspielers so langweilig zu zeigen, wie es auch tatsächlich ist; Coppola scheut sich zu keiner Sekunde davor, Längen zu produzieren, so dürfen wir bspw. den Protagonisten dabei beobachten, wie er rauchend auf seinem Sofa flaniert oder in seinem Automatik-Ferrari durch die Straßen von Los Angeles donnert.

Wirklich interessant wird es dann, wenn seine Tochter Cleo erstmals auftaucht und Johnny feststellen muss, dass er sein deformiertes Leben in den Griff bekommen muss. „Somewhere“ punktet hierbei enorm, denn versucht ein Großteil der obligaten Hollywood-Väter, die disfunktionale Beziehung mit der Tochter durch übersteigerte Liebesbekundungen und große Gesten zu egalisieren, macht Coppola resp. Johnny Marco das genaue Gegenteil. Cleo und er verbringen zwar ab sofort jede Minuten miteinander, sprechen aber erstaunlich wenig. Sie spielen Tischtennis, gehen zusammen im Pool schwimmen, duellieren sich bei Guitar Hero und reisen nach Italien, da Johnny dort bei einer sehr obskuren Preisverleihung eine Auszeichnung für seinen aktuellen Film entgegen nehmen muss. Manchmal kommt man sich bei einem nächtlichen Eis vom Zimmerservice oder vor der Spielekonsole doch näher, als man vielleicht glauben mag.

Die schauspielerische Leistung von Stephen Dorff ist solide bis sehr gut und mich würde es nicht wundern, wenn er sogar die ein oder andere reale Auszeichnung für sein Portrait des Protagonisten entgegen nehmen darf. Große Erwartungen darf man ab sofort nun auch an Elle Fanning stellen, welche ihrer Schwester (und auch Abigail Breslin aus „Little Miss Sunshine“) so langsam den Rang als beste Jungschauspielerin ablaufen dürfte. Überrascht war ich auch von Chris Pontius, der die Rolle Johnnys besten Freundes verkörpert, da dieser bisher lediglich durch die zahlreichen Auftritte als Partyboy mit der Jackass-Truppe auf sich aufmerksam machen konnte. Es wäre für ihn wünschenswert, die Karriere mit dem Stuntteam an den Nagel zu hängen und sich auf die Schauspielerei zu konzentrieren; zuzutrauen ist es ihm auf jeden Fall.

Fazit

Ja, ich bin ein Liebhaber von langsamen Filmen. Ebenfalls ist es korrekt, dass ich Sofia Coppola mag und selbst den auch aus meiner Sicht ziemlich trägen und eher durchschnittlichen „Marie Antoinette“ im DVD-Regal stehen habe. Richtig ist allerdings ebenso, dass ich so glücklich wie selten in diesem Jahr aus dem Kinosaal marschiert bin. „Somewhere“ ist nicht massentauglich und versucht auch nicht, dies zu sein. Wird ein Großteil der Zuschauerschaft ob der ewig langen Einstellungen, welche meist nicht einmal durch den sowieso schon äußerst minimalistischen Soundtrack der Rockband Phoenix unterstützt werden, nach dreißig Minuten entnervt den Kinosaal verlassen oder aber gleich an Ort und Stelle weggenickt sein, können sich Diejenigen, welche ein wenig Gespür für zwischenmenschliche Emotionen und post-modernen Realismus zeigen, auf ein Meisterwerk der Poesie einstellen. Wer ein zweites „Lost in Translation“ erwartete, wird allerdings enttäuscht werden.

„Somewhere“ bekommt dennoch von mir die Höchstnote. Well done, Ms. Coppola!

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5 Kommentare

  1. Ich mag eigentlich keine Filme, die bewusst so independent erscheinen wollen, dass ihnen dadurch jegliche Dramaturgie abhandenkommt. Zum Glück schafft es dieser Film dann doch nach einer halben Stunde aus seiner Langeweile auszubrechen und ein recht gefühlvolles Drama mit netten, lustigen Einfällen zu werden. Sofia Coppolas „Lost in Translation“ und „The Virgin Suicides“ waren wirklich großartige Filme, mit „Marie Antoinette“ konnte ich nicht so viel anfangen und „Somewhere“ hat mich auch nicht auf voller Länge überzeugen können. Ich bin trotzdem gespannt auf ihren nächsten Film.

  2. Ich habe den Film nun auch gesehen und kann mich anschließen, dass Sofia Coppola großartig ist, wenn es darum geht, Zwischenmenschliches in allen Kleinigkeiten und scheinbaren Banalitäten einzufangen. Das ist wirklich grandios.
    Dennoch fragt man sich, wieso sie „Somewhere“ derart minimalistisch inszeniert hat; nahezu ohne Musik, wenig Dialog, sehr langen Szenen und Einstellungen und einer Optik, die aussieht, als hätte man den Film selbst mit einem kleinen Camcorder aufgenommen. Ein wenig mehr wäre dem Film meiner Meinung nach sehr zuträglich gewesen und wäre nicht störend.
    Einige großartige Momente hat der Film aber definitiv zu bieten. Alleine die allererste Einstellung, wo die Hauptperson mit seinem Wagen (ziemlich lange) im Kreis fährt, schließlich aussteigt und man ihm direkt ansehen kann, dass er keine Ahnung hat, was er nun tun soll, ist großartig und in meinen Augen obsolut geglückt. Auch die Einlagen der Stripperinnen fand ich extrem komisch, alleine durch die unglaublich gut eingefangene, absolut unerotische Atmosphäre und einem Stephen Dorff, dessen Gesichtsausdruck undefinitert bis gelangweilt-amüsiert ist.
    Solche durchaus gelungenen Momente gibt es so einige, doch um einen vollständig zufriedenzustellen, hätte der Film dann doch ein wenig mehr haben müssen als – zugegebenermaßen – großartig real eingefangene Momente. Wenn man aber mit der Erwartungshaltung an den Film herangeht, auch nicht mehr zu wollen, ist er sicherlich gut. Aber wie perfekt in der Kritik geschrieben: Wer ein zweites „Lost in Translation“ erwartet, wird trotz des sehr ähnliches Themas dennoch enttäuscht werden, ist die Herangehensweise und der Fokus völlig anders. Man sollte gewarnt sein, dass der Film nicht nur langsam, sondern sehr langsam ist.
    Man kann in der Tat gespannt sein, was Sofia Coppola als nächstes macht; talentiert ist sie sicherlich.

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