„Dunkirk“ – Audiovisuell intensiv, erzählerisch leer

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Dass sich insbesondere die englischsprachigen Kritiken geradezu mit Superlativen bezüglich „Dunkirk“ überschlagen, hat mich letztlich doch noch ins Kino gelockt, obwohl ich Kriegsfilmen skeptisch gegenüberstehe und mich die Trailer bisher kaltgelassen haben. Nolans minimalistische Fokussierung auf das nackte Gefühl vom Überleben ist interessant, auch technisch ist der Film klar das Meisterwerk, zu dem es momentan mitunter erklärt wird. Sounddesign und Kamera sind fantastisch, sodass der Film eine intensive Kriegserfahrung ermöglicht. Erzählerisch hat der Film jedoch so wenig zu bieten, dass man trotz temporeicher Musikuntermalung und Schnittfolge irgendwann durch die repetitiven Szenen, die Gesichtslosigkeit der Figuren und die patriotischen Anklänge auf die Uhr guckt. Ich habe mich irgendwann eher gelangweilt. Der Gang ins Kino lohnt sich, wenn man sich einfach von den Bildern und Geräuschen berauschen lassen will.

Inhalt

Während des Zweiten Weltkriegs werden Hunderttausende Engländer und Franzosen in der nordfranzösischen Stadt Dunkerque (deutsch: Dünkirchen; englisch: Dunkirk) von den Deutschen hoffnungslos eingekesselt und warten auf die schwierige Rettung von Seeseite aus. Commander Bolton (Kenneth Branagh) koordiniert den Truppenabzug am Strand von Dünkirchen. Dort wartet auch der britische Soldat Tommy (Fionn Whitehead) und versucht, auf ein rettendes Schiff zu kommen, während der Strand von Deutschen bombardiert wird. Die Royal Air Force soll zur Hilfe eilen, ein Trupp Jagdflugzeuge unter Führung von Farrier (Tom Hardy) soll die Evakuierung über das Meer unterstützen und deutsche Flugzeuge abschießen. Währenddessen segeln Zivilisten mit Privatbooten von England aus nach Dünkirchen, auch Mr. Dawson (Mark Rylance) macht sich mit dem Jungen George (Barry Keoghan) auf den Weg. Dabei nehmen sie unterwegs einen abgeschossenen britischen Piloten (Cillian Murphy) auf. Das Warten auf die Rettung und der Kampf ums Überleben nimmt seinen Lauf …

Review

Kann Nolan dem Genre etwas Neues beisteuern?

Viele namenhafte Regisseure haben dem ziemlich ausgereizten Kriegsgenre schon markante Filme beigesteuert. So stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es für Nolan überhaupt noch etwas Neues zu erzählen gibt. Er versucht es mit einem ungewöhnlichen Ansatz: Strikt wird das Augenmerk auf drei Schauplätze beschränkt: Strand, Meer und Luft. Nicht nur springt der Film örtlich zwischen diesen drei Orten hin- und her, sondern auch in der Zeit: Der Strand-Teil spielt innerhalb einer Woche, der Meer-Teil innerhalb weniger Tage, der Luft-Teil innerhalb einer Stunde. Es wird kaum gesprochen und über das historische Setting oder die Figuren erfahren wir nahezu nichts. Der Ansatz ist frisch, aber hat er auch einen erzählerischen Mehrwert?

Technisch umwerfend und fesselnd

Durch diese starke Reduzierung beschränkt sich Nolan auf die sinnliche Ebene und zeigt eher unkommentierte Momentaufnahmen. Dass der Film tatsächlich ermöglicht, in das Kriegsgeschehen einzutauchen, liegt vor allem in der technischen Brillanz.

Nolans Inszenierung des Kriegssettings ist beeindruckend. Er hat keinen Aufwand gescheut und viel real gedreht. Wirklich nichts sieht animiert oder unecht aus. Herausstechend sind dabei die Luftaufnahmen: Nolan hat Nachbauten der englischen Spitfire-Flugzeuge tatsächlich fliegen lassen und auf komplizierteste Weise mit IMAX-Kameras gefilmt. Derartige Aufnahmen hat man so noch nie gesehen. Auch die Detailarbeit im authentischen Ton erzeugen gerade in den Cockpits eine geradezu hypnotische Wirkung, die einen in seinen Bann zieht.

Laut schmettern die unpräzisen Schüsse umher und das Flugzeug knarrt, wenn der Pilot nur nach Augenmaß seinen Feind anvisiert. Das markante, kreischende Sturzflug-Geräusch der Kampfjäger geht einem ebenso ins Mark wie die übertrieben lauten und unangekündigten Kugelhagel. Man fühlt sich mittendrin und kann nachempfinden, in jeder Sekunde auf der Hut vor dem nächsten plötzlichen Angriff des Feindes zu sein. Der Gang ins Kino lohnt insofern, als dass die Seherfahrung auf der großen Leinwand sicherlich wesentlich intensiver ist.

Dazu wummert den ganzen Film hindurch der wie eine Stoppuhr tickende Score von Hans Zimmer, während in hohem Tempo zwischen den drei verschiedenen Szenarien hin- und her geschnitten wird. Oscars in den technischen Bereichen Kamera, Ton, Schnitt und Tonschnitt sind berechtigt in Griffweite.

Doch trotz dieser eindringlichen Erfahrung und des inszenierten Nicht-zu-Ruhe-Kommens verfliegt leider die Spannung irgendwann.

Emotionsloser, erzählerischer Stillstand

Das liegt am geringen erzählerischen Gehalt des Films. Nolan selbst erklärt, dass er weniger einen Kriegsfilm, sondern mehr einen Film über das Überleben machen wollte. Es ist kein Actionfilm, sondern ein intimer Blick auf einzelne Figuren.

Nur für die interessiert man sich leider kaum, da der Film auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den namenlosen Figuren verzichtet. Wir wissen nichts über den einfachen Soldaten Tommy oder den von Tom Hardy gespielten Piloten – der hinter seiner Fliegermaske sogar wortwörtlich gesichtslos bleibt. Man kennt die Hintergründe der Figuren nicht und lernt sie nicht kennen.

Zudem ist die Handlung natürlich sehr vorhersehbar, lediglich das Schicksal einzelner Figuren ist ungewiss. Doch wieso sollte man um diese zittern? Mich hat der Film erschreckend emotional kaltgelassen. Somit verkommt er eher zu einer glaubwürdigen, faszinierenden Flugsimulator-Erfahrung.

Die Schauspieler machen ihre Sache dabei allesamt solide, lediglich Kenneth Branagh und Mark Rylance wirken durch ihre aufgesetzten patriotischen Aussagen bisweilen eher wie Schauspieler.

Die Uhr tickt, aber es geht kaum voran

Die insbesondere für Nolan kurze Laufzeit von ca. 100 Minuten erklärt sich auch durch den weitgehend vorliegenden erzählerischer Stillstand. Der Film ist zudem sehr repetitiv. Die Figuren bewegen sich, aber die Handlung nicht. Richtig zur Ruhe kommt man als Zuschauer zwar kaum, irgendwo knallt einem immer eine Kugel um die Ohren. Doch auch das nutzt sich ab.

Trotz des hohen Schnitttempos und der temporeichen Synthesizer-Untermalung à la Hans Zimmer habe ich schließlich auf die Uhr geguckt. Irgendwann merkt man: Es geht nicht voran, aller dramatischer Inszenierung zum Trotz. Im Vergleich sind z. B. die ersten Minuten von „The Dark Knight“ musikalisch ähnlich unterlegt, aber da gibt es einen treffsicheren Payoff mit dem ersten Blick auf den Joker. In „Dunkirk“ bleibt eine solche Auflösung weitgehend aus und die Musik bleibt den ganzen Film über gleichförmig.

Auch gibt es kein richtiges Finale, sondern die Soldaten sind antiklimaktisch dann auf einmal in England ankommen. Die Uhr tickt, die Zeit läuft, aber die Dringlichkeit der Rettung oder der Schlusspunkt, an dem die Zeit abgelaufen ist, werden kaum deutlich.

Das liegt auch daran, dass der Feind bewusst diffus bleibt. Etwas merkwürdig mutet es an, dass die Deutschen nicht nur ausgeklammert werden und nie zu sehen sind, sondern sogar im Eingangstext und in den Gesprächen nur als „der Feind“ bezeichnet werden. Dies soll das bedrohliche Gefühl verstärken, vereinfacht und verfremdet das Setting jedoch auch. Auch dadurch wird die brisante Lage nicht klar, weil man keinen Überblick hat, wie lange die Soldaten nun schon am Strand sind und ob der Feind näher rückt oder nicht.

Minimalistisch und trotzdem unübersichtlich

Die zeitlichen Dimensionen sind leider insgesamt kaum erkennbar herausgearbeitet – auch nicht in Bezug auf die drei Orte. So wird man das Gefühl nicht los, die verschachtelte Konstruktion des Films ist eher Selbstzweck ohne Funktion. Warum sieht man das gleiche Ereignis an drei verschiedenen Zeitpunkten des Films aus drei verschiedenen Perspektiven? Bleibt unklar. Es ist nicht so, dass dadurch irgendwelche grundlegenden neuen Erkenntnisse oder andere Blickwinkel eröffnet würden.

Und noch eine deutsche Maschine wird von Tom Hardy abgeschossen. Und noch eine. Oder war es die gleiche nochmal aus einer anderen Perspektive? Who cares. Und wieder sind Soldaten im Wasser. Und noch ein Zerstörer versinkt. Oder war es der gleiche aus einer anderen Perspektive? Who cares.

Die Verschachtelung hat somit kaum Mehrwert. Schlimmer noch: Auch wenn dadurch schnitttechnisch ein hohes Tempo erreicht wird, wird die Handlung unübersichtlich bis unverständlich. Die Schiffe und Flugzeuge von Deutschen und Engländern sehen auch noch für das ungeübte Auge gleich aus, weshalb noch unklarer wird, welche Zerstörer gerade untergehen und welche Flugzeuge gerade abgeschossen werden.

Doch so viel mehr bleibt unklar. Wer ist gerade wo? Warum ist das alles so dringlich / Wo ist der Feind? Wie weit sind England und Dünkirchen überhaupt auseinander? Wie viele Soldaten sind schon gerettet, wie viele noch am Strand? Wie weit ist es zum rettenden Ufer?

Viel problematischer ist jedoch die Frage: Wieso sollte ich mich für einzelne Figuren interessieren, über die ich nichts weiß und die in der gleichförmigen Soldatenmasse untergehen?

Über das historische Setting lernt man nichts

Den wirklichen Überblick behält man somit nicht mal in dem kleinen reduzierten Setting, das Nolan wählt. Doch „Dunkirk“ klammert vor allem ansonsten alles an historischem Kontext aus. Eine einleitende Tafel am Anfang, ein kurzer Blick auf eine Karte, ein paar Worte von Kenneth Branagh – das war es. Nolan macht deutlich, dass er nicht Geschichte lehren will.

Als Zuschauer weiß man nach dem Film kaum etwas über die wahre „Operation Dynamo“ – die nicht nur aus ein paar zivilen Schiffen bestand. Auch die Bedeutung der vorangegangenen Schlacht um Dünkirchen oder die Ausmaße der Rettung werden nur angedeutet: Bei Nolan sieht man relativ wenige Soldaten am Strand (es waren 400.000!), das Meer wirkt bis auf ein paar Schiffe leer und nur eine Handvoll Flugzeuge sind unterwegs.

Dass der deutsche Verleih den Zuschauer mit dem reißerisch klingenden Titel „Dunkirk“ in die Kinos lockt, anstatt den Film (wie auch im Film) „Dünkirchen“ oder „Dunkerque“ zu nennen, ist ziemlich armselig und der Historie nicht angemessen.

Über die problematische Ästhetisierung des Krieges

In meinen Augen wäre dabei die Tatsache, dass man auf „einfache“ Art etwas über geschichtliche Ereignisse und ihre Auswirkungen lernt, eine Daseinsberechtigung für Kriegsfilme. Schließlich sehe ich solche eher problematisch, besteht bei ihnen – neben fragwürdigen Botschaften – immer die Gefahr, dass die realen Hintergründe zu Unterhaltungszwecken verharmlost werden.

Obwohl es (zum Glück) Usus geworden ist, in Kriegsfilmen die Grausamkeit des Krieges darzustellen, gibt es in all diesen Filmen immer ein Spannungsverhältnis aus Antikriegsaussage und Unterhaltung bzw. „positiven“ Kriegskomponenten wie Patriotismus, Kameradschaft und Heldenmut.

Die Faszination des Regisseurs und der Zuschauer am Krieg ist meist doch deutlich erkennbar. Krieg wird in jedem Kriegsfilm zwangsläufig stilisiert und ästhetisiert. Es hat sich ja geradezu eine eigene entsättigte Visualität bei Kriegsfilmen mit ihren immer gleichen Motiven und Narrativen eingestellt. Egal ob „Apocalypse Now“, „Der Soldat James Ryan“ oder „Full Metal Jacket“ – trotz kriegskritischer Intention kommt es zu einer zwangsläufigen Ästhetisierung, was der intendierten Kriegskritik zuwiderläuft.

Auch Nolan konstruiert und stilisiert den Krieg dabei in höchstem Maße. Auch stellt er die Grausamkeit des Krieges nicht realistisch dar. Dieser bewusst gewählte Ansatz, sich auf das Überlebensgefühl zu beschränken, ist diskutabel: Ist ein PG13-Rating ohne Blut, abgetrennte Gliedmaßen und Leichen verharmlosend oder kreativ gerechtfertigt?

Oh nein, doch wieder Patriotismus, Pathos und Heldentum

Doch unabhängig dieser Gedanken um problematische Kriegsästhetik schwingt Nolan dann gerade zum Ende hin noch einmal so richtig die Pathos-Keule. Für den Regisseur untypisch dreht sich Kenneth Branagh pathetisch zu den zivilen Schiffen um und haut dann auch noch den aufgeladenen Begriff „Heimat“ heraus. Auch Tom Hardy wird bis zum Schluss knallhart und heroisch dargestellt.

Leider ist das Setting um den Hobbysegler Mr. Dawson dabei besonders bitter in seiner Darstellung. Hätten doch gerade die zivilen Figuren das Potenzial gehabt, dass man sich tiefergehend mit ihrer schwierigen Situation auseinandersetzt, zeigt Mr. Dawson keinerlei Bedenken und betont kontinuierlich seine patriotische Pflicht, gegen alle Vernunft nach Dünkirchen zu tuckern. Selbst zivile Opfer werden – selbst wenn sie durch einen dummen Unfall sterben – am Ende in der Zeitung als große Helden gefeiert.

Während Nolan ansonsten seinen Film als sinnliche Momentaufnahme inszeniert, kommt hier auf einmal einseitige, undifferenzierte patriotische Motivation ins Spiel. Da wird dann doch etwas zu sehr der Tod für das Vaterland beschönigt.

Nolans zentrale Aussage des Films wird dann schließlich überdeutlich formuliert: „Jeder war ein Held, auch wenn man nur überlebt hat.“ Aha. Auf den gruseligen Patriotismus um Edelmut, Tapferkeit und Heldentum – eben die typischen und problematischen Themen in Kriegsfilmen – verzichtet Nolan leider nicht, auch wenn er weite Strecken des Films eher als glaubhafte Momentaufnahmen darstellt. Schade.

Fazit

Christopher Nolan hat ein audiovisuell ins Mark gehendes und technisch insbesondere in den Flugszenen faszinierendes Kriegsepos in die Kinos gebracht. Reduziert und etwas unnötig verschachtelt beschränkt er den Blick auf wenige Schauplätze und Figuren. Über die lernt man allerdings kaum etwas, sodass die Spannung trotz tickender Musikuntermalung und die auf Unruhe und Tempo angelegte Inszenierung abhandenkommt. Den Figuren gegenüber empfindet man eher Gleichgültigkeit, die Settings wiederholen sich immer mehr und die Erzählung macht wenig Progress. Wer Kriegsfilme mag, um sich an der Kriegsästhetik sattzusehen und etwas Heldenpathos serviert zu bekommen, ist in dem Film goldrichtig. Auch technisch kann der Film einen sehr beeindrucken und in seinen Bann ziehen. Nolan scheint mehr an der audiovisuellen Inszenierung zu liegen als am historischen Hintergrund. Ob die Reduzierung auf ein sinnliches Spektakel über das Überlebensgefühl dem historischen Stoff gerecht wird, muss jeder für sich entscheiden.

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