„Babylon Berlin“ – Geniales, deutsches Serien-Monstrum!

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Erst kürzlich habe ich „Stranger Things“ zur besten Serie der Welt gekürt, dann kam „Babylon Berlin“ um die Ecke! Die millionenschwere deutsche Serie über das Berlin Ende der 1920er Jahre kann sich nicht nur optisch mit den besten Serien aus den USA messen, die Handlung ist nicht nur überragend spannend, abwechslungsreich und überraschend, die Thematik ist einfach etwas Besonderes, schließlich bietet die Serie einen grandiosen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Zustände während der Weimarer Republik in Berlin und damit einen interessanten Einblick in die deutsche Vergangenheit. Was das Regie-Trio Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries aus dem Romanstoff herausgeholt haben, ist wirklich einzigartig! Tolle Schauspieler, eine fesselnde Handlung, die zugleich Kriminalthriller und doch auch Geschichtsunterricht ist, garniert mit einer unfassbar realistischen Optik! „Babylon Berlin“ ist ein wahres Serien-Monstrum und die jetzt verfügbaren ersten beiden Staffeln mit jeweils acht Folgen sollten für jeden in unserem Land Pflichtprogramm sein!

Inhalt

Als Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) aus Köln 1929 nach Berlin kommt, um einen politisch brisanten Erpressungsfall aufzuklären, zieht ihn der Sündenpfuhl Berlin immer mehr in seinen Bann. Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen sorgen überall für Konflikte, politisch ist die Stadt mehr als aufgeheizt. So gerät Rath nicht nur mit der schwarzen Reichswehr, die im Geheimen eine neue Armee aufbaut und den Kaiser zurück will, aneinander, auch die revoltierenden Arbeiter und Kommunisten machen seine Ermittlungen nicht einfacher. Zwischen Korruption und Prostitution, zwischen Demokratie und Chaos, zwischen Zügen voller Giftgas und Verschwörungen aller Art versucht Rath, seinen Gerechtigkeitssinn aufrecht zu erhalten und gleichzeitig eine Kriegsneurose mit Drogen zu bekämpfen. Ihm zur Seite stehen die junge Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die sich gerne beruflich verbessern würde, sich aber privat auch als Edelhure was dazu verdient, und Raths zwielichtiger Kollege Bruno Wolter (Peter Kurth), der sich zwar perfekt in allen Abgründen Berlins auskennt, bei dem Rath aber nie genau weiß, auf wessen Seite er wirklich steht.

Review

Ich hatte vorher schon viel Positives gelesen, aber dass mich „Babylon Berlin“ dann so abholen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber spätestens ab der wirklich großartig choreografierten Tanzszene am Ende der zweiten Folge hatte mich die Serie voll in ihren Bann gezogen. „Babylon Berlin“ war für mich nicht nur eine weitere Serie, es war ein wirkliches Erlebnis. Man kann hier von jeder Seite schauen, die Serie ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Mit 40 Millionen die bisher teuerste deutsche Serienproduktion aller Zeiten, die erste Serienproduktion des Bezahlsenders Sky, in Zusammenarbeit mit X Filme Creative Pool, ARD und Beta Film. Ins Leben gerufen von drei gleichwertigen Erschaffern, die sich während der ganzen Produktion hervorragend beim Drehbuchschreiben und Regieführen ergänzten und das Ergebnis konsequent in gemeinsamer Abstimmung realisierten und nicht wie üblich folgenweise alleine Regie führten. Für die Produktion wurde eigens eine beeindruckende Neuversion der „Berliner Straße“ in den Filmstudios Babelsberg errichtet, die es möglich machte, auf begrenztem Raum eine ganze Stadt aus den 1920ern zum Leben zu erwecken. Zu den tollen Drehorten kommt die bis ins kleinste Detail authentische Ausstattung, von den Kostümen, Fahrzeugen und Möbeln bis zum kleinsten Element auf dem Tisch in der Ecke. „Babylon Berlin“ lebt in jeder Sekunde, die Serie wirkt echt, wie kaum etwas zuvor. Doch die bahnbrechende Produktion ist nicht alles, was die Serie so weit abhebt, da ist zum einen noch die historisch extrem interessante Handlung und auf der anderen Seite eine wirklich einzigartige Riege fantastischer Schaupieler, die ihre Charaktere bis in die kleinste Nebenrolle so perfekt spielen, dass es eine wahre Freude ist, ihnen dabei zuzusehen.

Volker Bruch ist ein wahrer Glücksgriff für den Kommissar Gereon Rath, er spielt ihn ebenso überzeugend als coolen Ermittler wie als fertigen Junkie mit Kriegsneurose. Getoppt wird er nur noch durch Liv Lisa Fries, eine echte Berliner Göre, die einem sofort ans Herz wächst und wohl die größte Identifikationsfigur der Serie darstellt. So echt, so lebenslustig und zugleich doch so verzweifelt, Fries ist das Sahnehäubchen der Serie, jemand, der einen immer wieder überrascht und so schnell zum Lachen oder Weinen bringt, ein echtes Unikat. Doch hier könnte man ewig weitermachen, vom grandios rücksichtslosen Peter Kurth zum herrlich fiesen Benno Fürmann. Die Serie bietet so viele facettenreiche Charaktere, die alle perfekt besetzt wurden. Trotz zahlreicher bekannter Gesichter wie Hannah Herzsprung, Matthias Brandt, Fritzi Haberlandt, Thomas Thieme, Misel Maticevic oder Karl Markovics verzichtet die Serie bewusst auf die typischen Verdächtigen aus der deutschen Filmwelt. „Babylon Berlin“ braucht nicht durch Stars getragen werden, wird aber sicher aus einigen bisher unterschätzen deutschen Schauspielern welche machen.

Womit wir bei der Handlung, dem absoluten Herzstück wären. Selbst der Autor der Romanvorlage Volker Kutscher war beeindruckt, wie viele interessante Aspekte die Serie seiner Handlung noch hinzugefügt hat. Die Grundhandlung des Kölner Kommissars, der im Moloch Berlin zwischen alle Fronten gerät und es gleichzeitig mit einem pikanten Erpressungsfall, einem Zug voller Giftgas und Gold, einer Verschwörung in den höchsten Regierungskreisen und korrupten Machenschaften innerhalb der Polizei zu tun bekommt, hätte schon locker alleine ausreichend für Spannung, Action und kurzweilige Unterhaltung sorgen können, doch man merkt jeder Einstellung an, wie sehr sich die Macher im Jahr 1929 vergraben haben, von den armen Arbeitern bis zu den reichen Ganoven, von den Frauen, die gleichberechtigte Arbeit suchen, zu den Männern, die die Nächte im Bordell verbringen, von der „roten“ Bewegung gegen die Unterdrücker zu den „schwarzen“ faschistischen Verschwörern mit dem Ziel, die Monarchie wieder aufleben zu lassen. Und in der Mitte die Polizei, von allen Seiten gehasst und immer auf dem dünnen Pfad zwischen Korruption, Überlebenstrieb und Gerechtigkeit. Diese Mischung macht „Babylon Berlin“ einzigartig, bis zum Ende der 16. Folge gibt es immer wieder überraschende Entwicklungen und Enthüllungen, nichts läuft so, wie man es erwarten würde. Eine amüsante Tanzszene ist nur Sekunden weit weg vom nächsten brutalen Mord, ein glücklicher Tag am See ganz nah am nächsten Tag voller Tränen. Spätestens wenn Stresemann oder Hindenburg direkt in der Handlung auftauchen und am Ende auch die ersten Hakenkreuze zu sehen sind, kann man nur hoffen, dass Geschichtsunterricht irgendwann so aussehen und Schüler und Lehrer gleichermaßen beeindrucken wird.

Was mich am meisten verblüfft hat, ist die Tatsache, das einem so vieles bekannt vorkommt. Wir sind heute gar nicht so weit weg von der damaligen Situation, vielleicht nicht auf dem gleichen Level, aber mit den gleichen Grundzügen. „Babylon Berlin“ führt einem ganz unbemerkt vor Augen, wie sich die Geschichte wiederholt und welcher Pfad uns wieder bevorstehen könnte. Gleichzeitig stellt man sich unweigerlich die Frage, wie sich Deutschland wohl weiterentwickelt hätte, wenn sich die Demokratie damals gegen ihre Feinde und zugleich die Ungleichheit und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung hätte durchsetzen können und uns das Dritte Reich nicht so weit zurückgeworfen hätte. Auch das gelingt der Serie, trotz des zeitlichen Abstands von fast 90 Jahren fühlt sich vieles doch nicht so weit weg von heute an.

Viele Worte und doch fühle ich mich so, als hätte ich nicht mal ansatzweise alles ausdrücken können, was mir bei dieser Serie durch den Kopf gegangen ist. Daher kann ich jeden nur animieren, sich selber ein Bild zu machen, zusammen mit Gereon und Charlotte in die Abgründe Berlins abzutauchen und sich dort von allen Aspekten, die „Babylon Berlin“ so sehenswert machen, voll und ganz einnehmen zu lassen. Um bestenfalls danach mit mir zusammen zu hoffen, dass Staffel 3 und 4 nicht zu lange auf sich warten lassen, denn die Jahre nach 1929 dürften für Berlin und Kommissar Gereon Rath noch so einiges parat haben.

Fazit

„Babylon Berlin“ ist nicht nur als deutsche Serie ein Meisterwerk, sondern auch international eine echte Hausnummer. Deutscher Geschichtsunterricht trifft 1929 in Berlin auf einen überaus spannenden Kriminalfall, in bahnbrechender Ausstattung und Optik, einzigartig inszeniert und hingebungsvoll gespielt. Eine absolute Empfehlung für so viele unterschiedliche Zielgruppen!

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