„Schatzinsel“ à la Pro7 – Früher Untergang

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Privatsender Pro7 wagte es, eine weitere Adaption des legendären Piratenstoffs von Stevenson in den Ring zu werfen, diesmal ein fast 8 Mio. teurer Fernsehzweiteiler. Das Ergebnis war, wie bereits befürchtet, leider nicht besonders gelungen. Ausgezeichnet hat sich diese Variante durch enorme Abwandlungen der Vorlage, kaum ein Charakter oder Handlungsstrang blieb davor verschont.

Inhalt

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Die Geschichte beschreibt die Fahrt des jungen Jim, der u.a. mit Piraten und der verkleideten Tochter Flint’s auf Schatzsuche geht. Doch auf der Insel bekämpfen sich alle gegenseitig und wollen an die Schatzkarte kommen. Dabei müssen sie sich vor einem geisteskranken Einsiedler und seinen Fallen in Acht nehmen. Flints Tochter erfährt mehr über ihre Vergangenheit und es knistert zwischen ihr und Jim …

Rezension

Großen Aufwand hat man betrieben, das merkt man z.B. an der Ausstattung. Auch, wenn sich diese doch recht oft an der (halben) Piratenparodie „Fluch der Karibik“ orientiert und Piraten mit Rastazöpfen und -bärten zeigt, ist diese ansehnlich. Auch Schiff und Drehorte sind gut gewählt, kaum Studioaufnahmen.

Kameraführung und Regiestil, welche beide ziemlich deutlich „Fernsehproduktion: Kein Wagnis“ schreien, fallen nicht besonders auf. Im Gegensatz zur 66er-Version, wo es eigentlich nur Totalen gab, wartet man hier meist vergeblich auf welche. Es ist immer noch eine Fernsehproduktion im Stil von „Jeanne d’Ark“ oder „Cleopatra“ (in denen es allerdings keine Zurschaustellung von Brüsten gab, obwohl die Hauptperson weiblich war).

Die meisten Schauspieler machen ihre Sachen ganz solide, Überflieger gibt es nicht. Jim ist ganz gut besetzt worden, fällt in keine Richtung auf. Selbst Christian Tramitz gibt sich Mühe, ernst herüberzukommen, kann aber leider nicht über diese unglaubliche Fehlbesetzung aufgrund von Bekanntheitsgrad hinwegtäuschen. Silver wurde auch schon mal schlechter als von Tobias Moretti gespielt, aber den eigentlichen intelligenten Manipulator, der zunächst sehr sympathisch auf Jim wirkt und auch später zwischen Gentleman und Kaltblut mit Grips wechselt, stellt er nicht dar. Und wenn er Jim bei Verhandlungen direkt anspricht, wirkt das ein wenig komisch, da die besondere Beziehung zwischen diesen beiden Personen nie ausgebaut worden ist. Flints Tochter ist die ganze Zeit doch fast schon ein wenig zu grimmig und/oder nackt. Jürgen Vogel als Hands ist einfach nur krank/mordlustig. Ben Gunn wird hier als tötender Rächer dargestellt. Ein netter Gedanke, hat leider nichts mit dem Buch zu tun.

Das Drehbuch ist leider vernichtend. Es wird deutlich, dass es wohl niemals eine zeitgemäße Verfilmung geben wird, die dem Original zumindest halbwegs treu bleibt und somit die Ande-Variante von Platz 1 der Verfilmungen vertreiben könnte. Der Regisseur musste anscheinend etwas Eigenes in den Film bringen – nun gut, jeder kann die Aspekte des Buches aufgreifen, die er aufgreifen möchte. Gerade beim „Herr[n] der Ringe“ sieht man, wie man gut im Sinne des Buchs verändern kann. Doch wenn nicht einmal mehr die grobe Story des Buches überbleibt oder neue Elemente zugunsten von Buchelementen hinzugedichtet werden, sondern der gesamte Film nur aus neuen Personen, Handlungen und Aussagen besteht (und dies meist recht offensichtlich für Massentauglichkeit und Quoten) ist das keine neue Interpretation des Stoffes, sondern ein eigenständiger Film, der sich frech „Schatzinsel“ betitelt.

Dr. Livsey hat eine Affäre mit Jims Mutter und ist ein unsensibler, geldgieriger Antipathieträger, der zum Schluss sogar stirbt.

Ben Gunn hat seine Zeit auf der Insel damit verbracht, um diese mit einer Vielzahl von Fallen auszustatten und ist so wahnsinnig geworden, dass er gar nicht versucht, von der Insel zu kommen oder in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen, er meuchelt alle in krankem Gehabe. Aber den Dschungelrasierer scheint er erfunden zu haben.

Flints Tochter ist die ganze Zeit nur grimmig und zerstreut, ohne Zweifel soll sie nur durch einen höheren weiblichen Zuschauerteil die Einschaltquoten erhöhen und den Männern des Öfteren (!) ihre Brust entblößen. Sehr traurig, ist sie da nicht einmal die Einzige. Ihr ausgedachter Handlungsstrang bekommt leider auch noch sehr viel Raum und dient nur einer Hassliebe-Romanze, aber nicht der Handlung. Absolut die falsche Entscheidung, um den alten Stoff aufzupeppen.

Auf die ganzen restlichen inhaltlichen Abweichungen will ich sonst nicht mehr eingehen, das würde den Rahmen dieser Kritik sprengen, nur soviel: Der schwarze Hund ist mit auf der Insel, die Situation von einem Kapitän, der weiß, dass die Crew früher oder später meutern wird, entsteht erst gar nicht, Silvers Manipulationsvermögen gibt es nicht, Jim zerreist die Karte und die Schiffscrew fährt ohne das Ziel zu kennen los, Silver flüchtet in einem Ruderboot von der Insel, da ja Tortuga um die Ecke ist, der Schatz wird unter völlig anderen Umständen gefunden und versinkt dann sogar stillschweigend im Sumpf, etc, etc, etc.

Es gibt keine Ruhepausen im Film, sondern ununterbrochen Action, wobei leider keine Atmosphäre entstehen kann. Es wird deutlich, dass das Ganze aufgepeppt werden sollte, mit zahlreichen erfundenen Details wie Fallen oder erzwungenen Liebesgeschichten. Dazu natürlich mehrere Nacktszenen und sogar eine absolut unpassende Sexszene mit Jim und einem Freudenmädchen. Sex sells, erhöht die Einschaltquoten. Baut man auch noch Frau und Teenagerliebe ein, wird noch mehr Zielpublikum erreicht, mit Gewaltdarstellung noch ein wenig mehr. Dann sehen so viele wie möglich den Film, prinzipiell kann man gar nicht mehr von einer Zielgruppe sprechen.

Das Ergebnis wirkt dann so, wie man es vermutet hat: Eine Geschichte, die die „Schatzinsel“ lediglich streift mit einem Haufen von Publikum anziehenden Elementen, die fehl am Platz sind. Schade. Vermutlich werde ich ewig auf eine gute, wenigstens halbwegs getreue, aktuelle Verfilmung dieses tollen Stoffes warten. Bis dahin greife ich dann doch wieder zur überaus gelungenen 60er ZDF-Variante, wo Silver wenigstens noch seinen Papagei haben darf.

Aufgrund des Aufwands und der Ausstattung gebe ich noch ein eigentlich unverdientes „mittelmäßig“. Doch es hätte auch noch schlimmer kommen können, mit fliegenden Riesenkäfern oder so.

Hier noch drei weitere Kritiken, die mir prinzipiell aus der Seele gesprochen haben:

www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,519654,00.html
www.welt.de/welt_print/article1400208/Erotisch_aufgeruestet_und_fern_der_literarischen_Vorlage.html
www.sueddeutsche.de/,ra4l2/kultur/artikel/85/144756/

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4 Kommentare

  1. Mein Fazit ist, dass es schlimmer hätte kommen können. Doch diese Aussage zeigt schon, dass ich nie damit gerechnet habe, dass es sich hier um eine ernstzunehmende Konkurrenz für den klassischen Vierteiler handeln könnte. So kann ich positiv auch nur die Ausstattung erwähnen, wobei das Aussehen der Piraten mitunter schon sehr „experimentell“ ausgefallen ist.

    Die „Liebesgeschichte“ habe ich mir schlimmer vorgestellt, immerhin gibt es kein Happy-End, Tramitz bemüht sich immerhin, eine halbwegs ernste Darstellung abzugeben, Silver und Ben Gunn bieten auf den ersten Blick interessante Neuinterpretationen, die auf den zweiten Blick dann aber doch nicht so gelungen ins Gesamtkonzept passen. So muss man sagen, dass es deutlich schlechtere „Schatzinsel“-Verfilmungen gegeben hat, aber trotzdem kann man diese sicher nicht als gelungen bezeichnen.

    Ich sehe mich bestätigt in der Aussage, dass es eine gelungene werkgetreue Verfilmung niemals wieder geben wird, da so etwas leider immer der entsprechenden Zeit angepasst wird. Gerade im zweiten Teil weicht das Geschehen so von der Vorlage ab, dass es einem dann doch weh tut. Ben Gunn ist am Ende nur noch wahnsinnig und somit kein Verbündeter, Doc Livsey passt auch nicht zu dem gierigen, unsympathischen, unrasierten Typen der Neuverfilmung, irgendwie verhalten sich alle extrem dämlich, aber dass man den Schatz am Ende nicht findet und mitnimmt, hat mich aber wohl am meisten gestört. Und die Liste der Kritikpunkte lässt sich wie auch schon von THREEPWOOD erwähnt, noch länger fortsetzen.

    Und auch, wenn ich es noch schlimmer erwartet hatte, ist es traurig, dass auch bei reinen „Männergeschichten“ heute noch eine „weibliche Note“ reingemischt wird. Flints Tochter gehört einfach nicht in die Geschichte und es ist dann natürlich doppelt peinlich, wenn man ihre Daseinsberechtigung bei den kritischen Männern versucht, mit ein paar freizügigen Szenen zu erlangen. So plump fällt uns Männern das beim Sabbern dann doch wieder auf…

  2. Ich finds klasse, dass ich von den bisherigen Fazits den Film wohl noch am besten fand. Ich muss dazu eins sagen. Ich kenne den Roman nicht und bin bei dem 4 -teiler eingeschlafen. Ich bin quasi ziemlich uneingenommen an den Zweiteiler heran gegangen. Damit will ich nicht sagen, dass er schlecht ist. Von dem, was ich mitbekommen habe, scheint es die beste Verfilmung zu sein.
    Das, was ich in den letzten Tagen sehen konnte, war etwas anderes. Es war von der Story abgewandelt und bewies Mut zur Neuinterpretation. Die Charaktere waren überwiegend grau. Es gab keinen netten Doc, genauso wenig wie die bösen Piraten. Sie bewiesen, dass sie alle eigene Ziele und Wünsche hatten. Ebenso erfreut war ich über die Kulissen und Ausstattung, denn hier wurde wirklich nicht gespart. Allein der riesige Dreh in Thailand zeigt, wie man eine Fernsehverfilmung richtig macht.

    Christian Tramitz ist definitiv eine Fehlbesetzung gewesen, Jim und Flints Tochter fielen relativ positiv auf und meines Erachtens waren Tobias Moretti und Jürgen Vogel der Hammer.
    Die Macher waren bezüglich der Geschichte mutig, da viele Sachen gut und glaubhaft rüber kamen. Ja, es gab eine Liebesgeschichte, und ja, sie war komplett unnötig, aber sie hatten das beste daraus gemacht. Es ist überwiegend nicht kitschig und hätte fast einem anderen Film (Constantine) geglichen, der dieses Thema auch recht klug behandelt hatte. Gerade bezüglich Flints Tochter haben sie sich den Kitsch gespart. Ihre Vergangenheit wird am Ende aufgedeckt und zeigt damit wieder Mut für einen 20:15 Abenteuerfilm, denn ich kenne keinen anderen Charakter eines Fernsehfilms, der quasi erfährt, dass ihre Mutter von Dutzenden vergewaltigt wurde und einer von denen ihr Vater sei.

    Der Film besaß ab dem zweiten Teil nur noch Action, was ihn dann zu stark zu einem Actionfilm verkommen ließ. Ein bischen mehr Länge und ein wenig mehr Mut zu großen Kamerafahrten wäre schön gewesen. Hier merkte man dann wieder, woran es doch gefehlt hatte.

    Fazit: Menschen, die auf eine originalgetreue Verfilmung der Schatzinsel gewartet haben, werden sehr stark enttäuscht, aber für alle andere ist einer der wenigen Fernsehfilme, die durch ihre Professionalität heraus stechen. Wäre dies z.B. eine Comicverfilmung, wo ich die Vorlage kennen würde, wäre die Sache wieder ganz anders für mich, dementsprechend wohl eine Ansichtssache.

  3. Also ich fand den Film auch nicht schlecht, sehr professionell gemacht und durchweg gut gespielt, besonders von Tobias Moretti und Vogel. Hat insgesamt Spaß gemacht, auch wenn die Vorlage sehr verfälscht wurde.

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