„Die Welle“ – Gelungene Neuauflage!

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Vermutlich gibt es kaum einen Schüler, der während seiner Schulzeit nicht entweder das Buch „Die Welle“ gelesen oder die gleichnamige US-Verfilmung aus den 80ern gesehen hat. Ich hatte mich vor anderthalb Jahren mal auf die Suche nach der alten Verfilmung gemacht, da sie mir seit der Schulzeit im Gedächtnis geblieben ist. Daher war ich natürlich absolut begeistert, als ich von der Neuverfilmung gehört habe und war gleich gestern am Premierentag im Kino. Und auch wenn die neue Fassung sich schon etwas von der Vorlage entfernt und den realistischen Kontext manchmal etwas überreizt, erziehlt der Film doch seine Wirkung.

Rainer Wenger ist ein sehr beliebter Lehrer an einem Gymnasium, die Schüler duzen ihn und sprechen ihn mit seinem Vornamen an. Als er während einer Projektwoche das Thema „Autokratie“ behandelt, kommt die Frage auf, ob eine Diktatur wie im Dritten Reich überhaupt wieder möglich wäre. Als die Mehrheit nicht daran glaubt, startet Rainer ein Experiment. Er beginnt, seine Klasse zu mehr Disziplin zu erziehen, stärkt ihren Gemeinschaftssinn, führt „uniforme“ Kleidung ein, einen Gruß und ein Logo: „Die Welle“ ist geboren! Raffiniert nutzt er die Vorzüge der „Gleichschaltung“ aus, Außenseiter gewinnen Freunde, Versager bekommen Anerkennung, Alleingelassene bekommen Zuneigung, Schweiger und Mauerblümchen bekommen Aufmerksamkeit, für jeden bietet die Gemeinschaft etwas. Und doch gibt es ein paar Schüler, die sich der Bewegung nicht anschließen wollen. Als „Welle“-Mitglieder dann anfangen, diese auszugrenzen und sogar anzugreifen, gerät das ganze Experiment völlig außer Kontrolle…

Sicher war es ein Wagnis, das Experiment, das es in den USA in den 80ern wirklich gegeben hat, nach Deutschland zu verlagern, das Land, in dem das Dritte Reich existiert hatte. Aber dies gelingt hervorragend, denn die Probleme der Jugendlichen (die sicher auch auf Erwachsene übertragbar wären) sind global, jeder trägt diese Gefühle und Probleme in sich, die das Gemeinschaftsdenken verführbar erscheinen lassen. Leider bewegt sich der Film hier und da mal über realistische Bereiche hinaus, in einer Woche wären derartige Ausmaße sicher nicht möglich gewesen und die Auswirkungen gehen hier auch weit über das hinaus, was bei dem wirklichen Experiment damals passiert ist, aber sie wirken, und das ist für mich die Hauptsache. Die Gemeinschaft wächst am Anfang so positiv zusammen, dass man sich selber mitunter genervt fühlt von den „Außenseitern“, die sich nicht anschließen wollen, zu deutlich sieht man die Vorteile der Schüler, die auf einmal viel besser miteinander klar kommen. Doch das ungute Gefühl ist immer präsent, wenn Schüler sich zu sehr mit der Bewegung identifizieren und immer mehr eine Klassenbildung einsetzt, die sich zuletzt sogar in psychischer und körperlicher Auseinandersetzung mit „Andersdenkenden“ äußert.

Jürgen Vogel spielt großartig, die Leistungen der Schüler lassen hier und da zu wünschen übrig, aber insgesamt stellen sie eine facettenreiche Gruppe unterschiedlicher Charaktere dar, die demonstrieren, dass Mitläufer nicht unbedingt bestimmten Bevölkerungsgruppen angehören müssen. Der Film bemüht sich bei der Darstellung der Charaktere immer darum, möglichst realistische Personen zu schaffen, was ihm auch weitestgehend gelingt.

Unrealistisch bleibt aber weiterhin der Rahmen des Experiments, viel zu schnell lassen sich die Schüler auf den Lehrer ein, hier passt es zwar, dass sie zu diesem speziellen Lehrer eine besondere Bindung haben, aber trotzdem hätte man den zeitlichen Rahmen über mehr als eine Woche strecken sollen, um aus normalen Schülern Krawallmacher und egoistische Arschlöcher zu machen. Den systematischen Wandel der Schüler und auch des Lehrers finde ich aber abseits des Zeitraums glaubhaft und erschreckend zugleich in Szene gesetzt. Natürlich wird hier übertrieben und pauschalisiert, aber es ist schließlich auch immer noch ein Film. Auch die Eskalation am Ende des Films, die deutlich über die Vorlage hinausgeht, bei der ich zuerst dachte, sie würde den Rahmen sprengen, merkte ich, dass aber die richtige Wirkung erzielt wurde. Der Film soll einen Extremfall zeigen, der aber so viel realistische Aspekte bietet, dass er möglich erscheint. Vielleicht wäre es so schnell und so krass nicht möglich gewesen, aber man kommt doch wieder ins Grübeln und sieht das ganze Thema plötzlich mit ganz anderen Augen.

Für mich ein wirklich gelungener Film mit kleinen Schwächen, die aber das Gesamtwerk trotzdem nicht davon abbringen, einer der besten deutschen Filme des Jahres zu werden.

Ich hoffe ja immer noch, dass jetzt auch mal die kurze TV-Verfilmung aus den 80ern auf DVD erscheint. Auch wenn diese im Vergleich zur Neuauflage sehr lieb und brav daherkommt.

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5 Kommentare

  1. Hmm… da kann ich gar nix wirklich hinzufügen, ohne zu wiederholen, was Pau eh schon gesagt hat :D Ich fand den Film jedenfalls ziemlich gelungen. Klar gibts einige kleine Schnitzer, wo man sagen könnte „naaa… ob das mal so gehn könnte“ aber im prinzip denke ich schon, gerade wenn man einige der Charaktere betrachtet, dass sich genug Leute finden ließen, die sich soeinem ‚Verein‘ anschließen würden.
    Also insgesamt ziemlich gut gelungen. Vorallem beginnt man darüber nachzudenken, wie leicht man sich doch verleiten lassen könnte, auch wenn man vorher nicht daran gedacht hat, was für Konsequenzen es haben könnte.
    Erschreckend gut ^^

  2. Hat mir gut gefallen, wobei ich mich der Kritik an dem Zeitrahmen nur anschließen kann. Trotzdem finde ich, dass der Film in der zweiten hälfte unheimlich an Tempo und Stil verliert. Klar kann man jetzt sagen, dass dies ein gewollter Effekt sei, aber ich glaube es hat dem Film eher geschadet. Das Ende war zwar ein guter neuer Ansatz, aber meiner Meinung nach kam der Umschwung zu unvorbereitet und damit zu belanglos. Der „Huch“-Effekt aus der Vorlage war natürlich sehr amerikanisch und leider sehr platt. Schön, dass die Macher hier kreativer waren. Insgesamt ein guter Film, der für vier Sterne seinem Stil hätte treuer bleiben sollen. Also verdiente drei Sterne von mir.

  3. Ach und noch ein Nachtrag. Ich weiß nicht, wie es heutzutage an Schulen ist, aber zu meiner Zeit wurden wir bis auf Sport und Mathe in jedem Fach fast durchgehend mit dem Thema Drittes Reich konfrontiert, leider erzielte das eher den Effekt, den diese Jamba-Klingelton Werbung hat, was ich sehr schade finde.
    So gesehen hab ich mich sehr über die neue Herangehensweise des Films, der zwar eine alte Vorlage hat, jedoch den Sprung in die Neuzeit schafft, sehr gefreut und wurde nicht enttäuscht.

  4. da muss ich euch recht geben ist wirklich sehr gelungen, am anfang war ich doch sehr kritisch da es (meiner Meinung) eigentlich fast gar keine guten deutschen Filme gibt, aber hier bin ich eines besseren Belehrt worden.
    Gibt net viele deutsche Filme die mir wirklich gefallen haben um mal ganz ehrlich zu sein, Schlaraffenland fand ich jedoch auch nicht schlecht

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