„39,90“ – Kriegsansage an die Werbeindustrie

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Gleich vorweg: Der französische Originaltitel des Films, den es diesmal in der lübecker Sneak Preview gab, lautet „99 F“. Also wieder einmal eine unglaublich unnötige und dämliche Übersetzung. Dieser Film, der schon beinahe ein Jahr alt ist, demonstriert dem Zuschauer auf rasante, experimentelle und humoristische Art und Weise, wie erschreckend aufwendig, unnötig und gesellschaftsbildend die Welt der Werbeindustrie ist. Äußerst kurzweilig, schrill inszeniert und mit einer überfälligen Thematik ist dies ein echter Insidertipp! Sehr gutes französisches Kino!

Octave ist ein äußerst erfolgreicher Kreativer der Werbeindustrie. Er ist reich, talentiert, legt die schönsten Models flach, kokst ohne Ende und weiß, dass er zum Abschaum dieser Welt gehört. Doch erst nachdem er die Arbeitskollegin Sophie für sich gewinnen kann, dann allerdings auch schnell wieder verliert, will er sein Leben ändern. Er plant, einen Werbespot für Joghurt zu sabotieren und seinen Vorgesetzten in der Werbeindustrie eins auszuwischen…

Dieser Film kritisiert unsere Konsumgesellschaft. Und dies auf sehr innovative Art und Weise. Der Film ist schnell, hektisch, laut und schrill, gleichzeitig auch lustig, voller Ironie und wird von einem interessanten Hauptcharakter getragen. Schnelle Schnitte und Zeitraffer sind völlig normal. Von einem Moralhammer ist nichts zu merken, und dennoch wird die Aussage des Films schnell klar. Die Bildsprache und visuelle Bilderflut ist enorm, oft ist der Film dem Thema entsprechend selbst wie ein Werbefilm inszeniert. Er ist so voll mit Bildsymbolik, dass man teilweise gar nicht mehr weiß, was nun wirklich passiert, was stilbildende Metapher ist oder was Octave nur in seinen nie endenden Drogentrips durchlebt. Diese interessante Filmart macht sich der Regisseur auch zu nutzen, insbesondere bei und nach einer Zeichentricksequenz, wo sich der Zuschauer fragt, ob das nun wirklich geschehen ist oder nicht.

Der Film ist der bessere „Free Rainer“ gegen die Werbung, nur in sich absolut schlüssig, völlig klischeefrei und sehr viel psychedelischer. Ein genialer Dialog folgt dem anderen und eine originelle Idee jagt die nächste, auch inszenatorisch. Ob es nun die vielen Humoreinlagen sind (Ich habe mich mehr amüsiert als in allen amerikanischen Komödien dieses Jahr zusammen) wie die mit Koks gedopte Ratte, oder das genial-verwirrende Ende, bei dem man das Gefühl hat, man sei in einem ganz anderen Film: Der Film ist einfach unheimlich unterhaltsam, optisch ansprechend und gefällt einfach. Es gelingt dem Film, trotz Kreativität und Künstlertum, Humor, Parodie und Überzeichnung, die Moral und gerechtfertigte Kritik nicht in den Hintergrund zu drängen. Und die Botschaft des Films kommt an.

Interessant zu erwähnen ist auch, dass der Film auf einem größtenteils autobiographischen Buch basiert.

Mein Fazit: „99 F“ ist abwechslungsreich, äußerst speziell und hat eine Aussage, die einem auf der Seele liegt. Es macht einfach wahnsinnigen Spaß, dem innovativen Bildermix aus Werbekritik, Drogenhalluzinationen und Ironie zuzusehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film anzugucken. Beide Daumen nach oben!

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5 Kommentare

  1. Kann mich nur anschließen, toller Film! Da sieht man mal wieder, dass man der Sneak in Lübeck dankbar sein sollte, dass sie immer einen Bogen um Blockbuster machen und immer ganz tief in die Trickkiste der Independentfilme greifen. Dieser Film wäre sonst vermutlich völlig an mir vorbei gegangen.

    Aber schon witzig, wenn in der Sneak ein Film läuft, der zwei Enden hat, die mit dem Text getrennt werden, hier würde es sich um eine Testvorführung handeln und man müsse sich nach dem Film für ein Ende entscheiden. Ganz sicher war man sich dann doch nicht, ob das ernst gemeint war… ;)

  2. Und nur so nebenbei: Für nächstes Jahr ist ein neuer „Lucky Luke“-Film aus Frankreich in Planung. Und kein anderer als Jean Dujardin (Octave) spielt Lucky Luke!

  3. Der Film hat mir sehr gut gefallen, da ich sowieso ein sehr grosser Fan der französischen Filmkunst bin , ist es schwierig, mir einen Film madig zu machen. Anfangs vermischten sich ein Gefühl der Faszination und des Ekels und ich wusste zuerst nicht, wie ich 99 F. einzuschätzen habe. Im Endeffekt wurde ich sehr gut unterhalten, der Film ist schrill, abwechslungsreich, gesellschaftskritisch und sehr bunt UND SCHNELL. Ich kann mir durchaus vorstellen, diese DVD zu kaufen, wenn ich auch sagen muss, das einige Filmsequenzen (Bolzenschuss an einer Kuh etc.) mich etwas abgeschreckt haben.
    Ich sage jedoch nur: PARTY, Unwohlsein und die Badewanne… herrlich! :)

    Es gab ein „sehr gut“ von mir!

  4. der teil mit kritik an der werbung, da hätte ruhig noch mehr kommen können. ich fand der drogen- und frauenproblem-teil ist zu sehr in den vordergrund gerückt, der film hat dadurch zu ausgelutsche elemente aufgegriffen und ist dann zu sehr ins gewöhnliche gerutscht (kerl nimmt drogen-kerl nimmt noch mehr drogen-kerl nimmt zu viel drogen-kerl macht entzug-kerl nimmt weiter drogen-kerl stirbt).
    also die idee mit werbung ist ein diktat und ist so billig aus den fingern gesogen war echt innovativ, aber leider zu spärlich vertreten, dafür dass der film davon handeln könnte.
    für mich also bloß ein weiterer (anti-)drogenfilm, der zwar ganz innovativ gemacht war (hier besonders hervorzuheben das ende), aber diese innovation nicht weiter führen konnte.
    Fazit: für 5 sterne reicht’s definitiv nicht!

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