„Der Baader Meinhof Komplex“ – Vorwissen erforderlich

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Ich bin im „Deutschen Herbst“ 1977 geboren, wenige Tage nach der Ermordung Schleyers, mein Vater war damals bei den Studentenunruhen in Berlin dabei, das Thema RAF ist daher ein Thema aus der deutschen Geschichte, was mich in den letzten Jahren sehr interessiert hat. Daher habe ich mich sehr gefreut, das Geschehen auf Basis der Buchvorlage mal in einem Kinofilm erleben zu dürfen. Danach ärgere ich mich jetzt aber doch, vorher nicht noch mal die großartige 3-Stunden-Doku der ARD gesehen zu haben, denn ohne Vorwissen ist es oft schwer dem Film zu folgen.

Als 1967 die Polizei sehr hart gegen eine Studentendemo vorgeht, bildet sich in Deutschland die RAF, angeführt durch Andreas Baader und Gudrun Ensslin, um Zeichen gegen Faschismus und Kapitalismus zu setzen. Immer mehr Leute gesellen sich zur Organisation, die mit immer härteren Methoden vorgeht. Auch die Journalistin Ulrike Meinhof schließt sich der Gruppe an und wird ihr Sprachrohr. Doch immer mehr trennen sich die urprünglichen Ansichten von den ausgeführten Taten. Als Baader, Meinhof, Ensslin und weitere wichtige Köpfe der RAF im Gefängnis landen, eskaliert die Gewalt in den nachfolgenden Generationen der RAF, die mit immer brutaleren Methoden die Freilassung ihrer Vorbilder erzwingen wollen.

Gleich vorweg, der Film ist großartig aufgenommen, die Schauspieler spielen einfach fantastisch und Regisseur Uli Edel ist vermutlich die bestmögliche Umsetzung der Buchvorlage von Stefan Aust gelungen. Doch mehr als eine Momentaufnahme schafft er nicht, das Thema bietet einfach so viel Stoff, dass vieles nur angerissen wird, schließlich umfasst der Film die ganze Zeit von den Studentenunruhen 1967 bis zur Ermordung Schleyers 1977. Man merkt, wie sehr Stefan Aust als Berater fungiert hat, jeder Satz, jede Einstellung wurde nach bestem Gewissen „authentisch“ umgesetzt. Wenn am Anfang die Polizisten wahllos in die Menschenmenge schlagen, fühlt man sich einfach unwohl und will nicht glauben, dass so etwas in Deutschland vor so kurzer Zeit möglich war. Generell sind alle Elemente der RAF-Geschichte, die man ausgewählt hat, hervorragend und sehr detailliert in Szene gesetzt worden. Zudem merkt man, dass sich auch die Schauspieler umfangreich mit ihren Charakteren auseinander gesetzt haben. Moritz Bleibtreu spielt den Macho Andreas Baader großartig, er hätte auch ein cooler Hauptdarsteller in einem Tarantino-Thriller sein können und doch ist er einfach zu sehr Arschloch, als dass eine lange Identifikation möglich wäre. Auf Johanna Wokalek bin ich erst vor kurzem in „Barfuss“ aufmerksam geworden und war begeistert von ihrer Wandlungsfähigkeit, denn sie spielt die Gudrun Ensslin wirklich mit so viel Einsatz, dass man echt Angst bekommen kann. Und natürlich noch Martina Gedek als Ulrike Meinhof, die großartig den Wandel darstellt von einer linksgerichteten Journalistin, die so sehr an die Revolution glaubt, dass sie dem falschen Weg so lange folgt und sogar ihre zwei Kinder verlässt, bis sie selber nur noch den Selbstmord als Ausweg sieht. Aber auch ansonsten ist der Film mit deutschen Stars wie Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Jan Josef Liefers, Heino Ferch, Tom Schilling und vielen mehr großartig besetzt und jeder macht seine Sache wirklich gut.

Was ich an der ganzen RAF-Thematik so interessant finde, ist die Tatsache, dass ein logisch denkender Mensch die Ursprünge der RAF durchaus verstehen kann. Baader, Ensslin und Meinhoff waren zu Beginn nicht einfach Killer und böse Terroristen und es ist bei näherem Hinsehen auch heute nicht verwunderlich, dass in den 70ern ein Viertel der Deutschen Sympathien für die Bewegung hatten, meiner Ansicht nach ein besserer Ansatz als die Mitläufer des NS-Systems. Natürlich steht außer Frage, dass es sich bei den Mitgliedern der RAF um Verbrecher handelt und ihre Taten zu verurteilen sind, aber für mich war es spannend zu sehen, wie in der Zeit Menschen aus Deutschland tatsächlich noch für ihre Ansichten gekämpft haben und nicht wie heute einfach mal kategorisch von ihrem Sofa aus gegen alles sind. Es ist auch wieder typisch, dass die Presse wieder die Diskussion startet, ob man Terroristen so darstellen dürfte. Ja, darf man! Wenn sie doch so waren! Um das Gesamtthema RAF zu verstehen, muss man sich doch gerade dem Kerngedanken stellen und verstehen, dass nicht einfach nur böse Absichten dahinter steckten. Wer die Bilder der prügelnden Polizisten auf Pferden live gesehen hätte, hätte vielleicht auch zu der Zeit anders gehandelt, schließlich wollte man keinen neuen NS-Staat.

Was der Film aber ebenfalls hervorragend schafft, ist eben dieser Spagat, die RAF eben nicht nur als den schönen Mythos des Aufbegehrens gegen den bösen Staat darzustellen. Eine Meinhof wirkt nicht mehr nett, wenn sie bereit ist, ihre Kinder verschleppen und ihren Freund erschießen zu lassen, ein Baader kann noch so cool sein, wenn man aber ständig an seinem Menschenverstand zweifeln muss, ist auch jede Coolness dahin, und eine Ensslin kann noch so intelligent wirken, wenn sie hörig ihrem Andreas folgt und ihr alle Mittel für die Durchsetzung ihrer Interessen wichtig sind, ist sie nicht besser als der Faschismus, den sie bekämpfen will. Und die RAF-Generation um Brigitte Mohnhaupt hat dann jegliche Identifikationsmöglichkeit verloren.Der Film endet daher zwar etwas gestellt aber trotzdem sehr passend mit dem Satz „Hört endlich auf, an den Mythos zu glauben.“

Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger ist es gelungen, wichtige Eckpunkte der Thematik auszuwählen und so ein spannendes Portrait einer aus dem Gleichgewicht geratenen Zeit vorzubereiten. Allerdings sollte man sich vorher doch ein wenig mit der Thematik beschäftigt haben, der Film verzichtet fast völlig auf die Einführung von Charakteren, gerade am Ende hat man nur noch Gesichter, Charaktere außerhalb von Baader, Ensslin, Meinhoff und Mohnhaupt können sich nicht wirklich einprägen. Wer aber Interesse an der ganzen Thematik hat, dem sei der Film auf jeden Fall ans Herz gelegt, doch wer einen spannenden Thriller erwartet, sollte lieber zu Hause bleiben. Auch zum Vertiefen der Thematik und zum Verständnis vieler nur angerissener Aspekte sollte man sich auf jeden Fall die ARD-Doku ansehen. Ich werde mir auch noch den Film „Todesspiel“ ansehen, eine alte Verfilmung der Schleyer-Entführung, außerdem soll dieses Jahr noch der TV-Film „Mogadischu Welcome“ laufen, der die Flugzeugentführung 1977 zeigt, die im „Baader Meinhoff Komplex“ nur am Rand gezeigt wird.

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10 Kommentare

  1. Ich muss das ganze erstmal sacken lassen. Der Film hat mich unheimlich beeindruckt. Das einzige Manko, was ich überhaupt ausmachen kann ist die Länge des Films, zu lang. Aber wie will man es anders machen? Ich wüßte keine Möglichkeit! Im Grunde wurde schon viel gekürzt und gerade das Ende mit Schleyer fast Stiefmütterlich behandelt. Man hätte aus dem Stoff etliche Stunden füllen können.
    Auf jeden Fall einer der Großen Filme dieses Jahr und auf jeden Fall einer der ganz großen deutschen Filme überhaupt. Deutschland ist spätestens mit diesem Film in die Riege der guten Filmnationen aufgestiegen.

  2. Sehr passende Kritik! Jeder sollte diesen Film gesehen haben.
    Läuft die ARD-Doku nochmal demnächst im Fernsehen?

  3. Man hörte ja schon immer einige Sachen on der RAF – hier und da Informationen, aber dieser Film zeigt einem auch die Geschichte sehr schön in chronologischer Reihenfolge und lässt einen besser verstehen.
    Bei den Szenen am Anfang hatte ich ein gaanz unwohles Gefühl im Magen, als man sah wie die Studenten von den Scha-Sympathisanten verhauen werden und die Polizisten lustig mitkloppen, anstatt den Streit zu schlichten… das ist harter Stoff. Aber toller Film!

  4. Fand den Film ebenfalls sehr gut. Bin der Meinung, man konnte den Film mit der ausgesuchten chronolgischen Zeitspanne, die der Film anreißt, nicht besser machen, allerdings ist diese Zeitspanne einfach zu lang. Man hätte den Film um eine halbe Stunde runterkürzen können. Noch dazu war die Erzählweise später zu wirr und es gab zu viele Charaktere bzw. Namen im Film. Für mich machen diese Kritikpunkte den Film relativ schlecht, deswegen nur 3 Punkte, obwohl es wohl der beste deutsche Film 2008 war (neben Chiko, ebenfalls mit Bleibtreu) und wirklich verdammt gut war. Am meisten stach die tolle Schauspielerriege hervor.

  5. Auch aus meiner Sicht ein guter Film und gleichzeitig ein Dokument der Zeitgeschichte. Ich habe das Ganze selbst miterlebt, war 1967 in Berlin als B. Ohnesorg erschossen wurde und habe insbesondere 1972 bei zahlreichen Autobahnfahrten zwischen Lübeck und Münster die Polizeikontrollen auf der Autobahn miterleben dürfen. Alle Autos raus, unzählige Polizisten, zum Teil mit MP im Anschlag und bei der Aufforderung „Papiere zeigen“ die Bange Frage, was passiert, wenn man in Jackeninnentasche greift ? Hysterie auf Polizei- bzw. Staatsseite, Angst in der Bevölkerung und die Anfangs -auch bei mir – vorhandene Sympathie für die RAF angesichts der sinnlosen und brutalen Morde längst dahin. Aber diese Zeit hat viel in der Republik verändert, von eingreifenden und einschränkenden Änderungen in unserem Rechtssystem, die heute noch gelten, bis zur Tatsache, dass ein Rechtsanwalt wie Schily sich hinterher als Law and Order – Mann profiliert hat, den selbst Schäuble kaum überbieten kann. Für mich als Zeitzeugen war der Film sehr realistisch, ich habe erlebt, wie vor der Deutschen Oper berittene Polizisten auch auf wehrlose Frauen in Abendkleidern eingedroschen haben (bleibende Erinnerungen an eine Klassenfahrt im Anschluß an das Abitur). Beim Ansehen dieser Szenen hatte ich wieder eine Gänsehaut. Aber veines stimmt: wer gar kein Hintergrundwissen hat, wird den Film kaum bestehen.

  6. Fand den Film trotz Vorkenntnisse verdammt gut. Lese mich gerade in den Stoff hinein, um mehr zu verstehen, denn es stimmt schon, dass man wirklich Probleme beim Film hat, wenn man nichts vorher über die RAF wusste.

    Gerade die Schauspieler stachen positiv bei dem Film hervor. Insbesondere Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek!

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