„Tintenherz“ – Deutscher Fantasyroman als US-Film

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Wenn man vor einem Film zuerst die Buchvorlage gelesen hat, kann man bei der Verfilmung eigentlich nur enttäuscht werden. Ich habe gerade gestern den dritten Band der „Tintenwelt“-Reihe von Cornelia Funke zu Ende gelesen und war gerade von „Tintenblut“ und „Tintentod“ sehr begeistert. Der erste Band „Tintenherz“ ist im Vergleich dazu noch sehr schwach, doch nicht einmal dem wird die Verfilmung gerecht. Allerdings hatte ich es nach den Trailern noch schlimmer erwartet.

Mo repariert Bücher, doch er kann auch ganz besonders aus ihnen vorlesen. So hat er vor 12 Jahren den Bösewicht Capricorn, dessen Handlanger Basta und den Feuerschlucker Staubfinger aus dem Buch „Tintenherz“ gelesen, gleichzeitig verschwand seine Frau. Zusammen mit seiner Tochter Meggie holt ihn jetzt die Vergangenheit ein, denn Staubfinger spürt ihn auf und möchte von ihm zurück in sein Buch gelesen werden. Doch auch der Bösewicht will sich Mos Talente zunutze machen, allerdings mit weitaus böseren Absichten…

Die Qualität der „Tintenwelt“-Trilogie der deutschen Autorin Cornelia Funke erkennt man eigentlich erst, wenn man alle drei Bücher gelesen hat, gerade im ersten Teil passiert nicht viel, hier wird nur das Grundgerüst und aus der Entfernung die Tintenwelt eingeführt, so richtig losgehen tut es erst im zweiten Band, ab da kann man auch nicht mehr von Kinderbüchern reden. Doch das ist den Filmemachern wohl entgangen, denn gerade im ersten Teil wird alles so einfach und kindgerecht dargestellt, dass man sich eine gelungene Fortsetzung der anderen beiden Bände gar nicht vorstellen kann. Kein Bösewicht kommt wirklich böse rüber, Capricorn wirkt wie ein Spinner, Basta wie ein Trottel und Mortola wie eine Kräuterhexe. Doch auch von der Gegenseite hat mir eigentlich keiner richtig gut gefallen, Meggie und Resa waren nicht besonders interessant, Elinor war vom Typ her vielleicht getroffen, ist aber im Buch viel dicker und Staubfinger kam seiner Vorlage wohl noch am nächsten, allerdings hätte man seine Narbe viel deutlicher zeigen müssen, so dass man sie nicht nur in Großaufnahmen hätte erkennen können. Und obwohl Brendan Fraser schon immer Funkes Vorlage für Mo gewesen sein soll, weiß ich noch nicht, ob er mir in der Rolle gefällt. Ich bin gespannt, wie er mit der weiteren Entwicklung seines Charakters in den Fortsetzungen umgehen wird.

Doch das Problem sind gar nicht die Schauspieler, schließlich hat der Film mit Brendan Fraser, Andy Serkis, Helen Hirren, Paul Bettany und Jim Broadbent schon eine recht hochkarätige Riege zu bieten, der Film verliert einfach sehr viel durch die geänderte und gekürzte Handlung im Vergleich zur Vorlage. Hier versucht man, durch Hinzudichten von Fantasyelementen aufzumotzen, spart aber gleichzeitig an Logik, Handlung und Charakterentwicklung.

Spoiler zeigen

Dabei war der Film sehr kurz und wurde mit einer sehr seltsam neu zusammengebastelten Handlung versehen, man kann also nicht sagen, für Logik wäre keine Zeit übrig gewesen. Ich vermute, dass auch Leuten, die das Buch nicht kennen, diese Fehler in der Logik auffallen werden, Freunde des Buches werden aber auf jeden Fall enttäuscht sein, da die Vorlage wirklich böse verändert und heruntergekürzt und zusätzlich mit sehr viel Ami-Kinder-Kitsch versehen wurde. Dabei traut sich Deutschland doch inzwischen selber an Filme wie „Krabat“ heran, vielleicht wäre eine deutsche Umsetzung ja etwas weniger bunt und kitschig geraten. Angeblich soll Cornelia Funke ja viel Mitspracherecht gehabt haben, aber glücklich dürfte sie mit der Umsetzung nicht sein. Ich habe mal in einem Interview den Kommentar von ihr dazu gelesen, dass man bei einer Verfilmung den Machern gewisse Freiheiten lassen müsste, da es sich hier ja um ein anderes Medium handelt. In die Aussage kann man viel hinein interpretieren.

Nach dem Ende der Buchreihe hatte ich mich doch wieder auf die Filme gefreut, doch wenn bei der wirklich einfachen und überschaubaren Story des ersten Teils schon so ein Humburg herauskommt, kann das bei der Masse an Story und Charakterbildung in der Fortsetzungen nur noch daneben gehen. Zudem hat man sich mit den Modifikationen bei „Tintenherz“ viele Stolpersteine für die weiteren Teile in den Weg gelegt.

Fantasy-Fans seien generell gewarnt, dass auch die Fantasy erst ab dem zweiten Band richtig los geht, sie werden ohnehin vom ersten Teil enttäuscht sein. Fans des Buches kann ich ebenfalls nur erneut abraten, da sie hier weder die Handlung noch ihre lieb gewonnenen Charaktere wiedererkennen werden. Und allen anderen würde ich aufgrund der Logikschwächen und der unverständlichen Handlung abraten. Hmm, eigentlich wüsste ich nicht, wem man den Film überhaupt empfehlen könnte und das, obwohl er nun auch wieder nicht so schlecht ist. Aber er ist eben auch definitiv nicht gut. Leider, kann man nur wieder sagen, bei dem Budget, der Vorlage, den Mitteln und den Schaupielern hätte man deutlich mehr rausholen können.

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4 Kommentare

  1. Jo, war enttäuschend. Kannte das Buch auch nicht, von daher hatte ich schon mehr Fantasy erwartet und war von der Geschichte an sich nicht gerade begeistert. Aber auch sonst wirkte der Film recht lieblos und wenig detailliert gestaltet.

  2. Meinereiner gehört zur Gattung der Bücherfresser & darüber hinaus reizen mich Bücher über Bücher. Nachdem ich mit Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“ einen erfolgreichen Blindkauf getätigt hatte, erwarb ich, gleichfalls spontan die Hardcover-Ausgabe von Tintenherz. Ich war enttäuscht & betrachte es bis heute als ärgerlichen Missgriff.
    Das der Film hanebüchener Blödsinn sein würde, war durchaus zu erwarten und lediglich Mr. Bettanys Mitwirkung und die reizende englische Lady waren für mich von Interesse. So habe ich mir den Schmonzes angetan, was sonst unterblieben wäre, obwohl mich dies im Gegensatz zum Buchkauf keinen Cent gekostet hat.

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