Christopher Nolan – Konstruktivist ohne Emotionen?

Aufgrund des Erfolgs seines letzten Filmes „Inception“ ist es wohl an der Zeit, dem Autorenregisseur Christopher Nolan einen eigenen Post zu widmen. Denn auch nahezu alle weiteren Werke der Filmographie des mittlerweile 40-Jährigen werden weitgehend von Kritikern und Zuschauern gelobt: „Memento“, „Insomnia“, „Batman Begins“, „Prestige„, „The Dark Knight„. Wobei insbesondere letzteres den absoluten Durchbruch erwirkt hat und zeitweise auf Platz 4 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten stand. Nolan wird überall in den höchsten Tönen gelobt und gilt als einer der innovativsten Köpfe in Hollywood. Und doch gibt es auch Kritik an Nolan.

Christopher Nolan ist einer jener Autoren, die auch partitiell das Skript zum Film verfassen („Inception“ hat er alleine geschrieben). Auffällig ist, dass dabei auch Originalwerke oder sehr eigenwillige Adaptionen entstehen. Meist schreibt er mit seinem Bruder Jonathan Nolan zusammen das Drehbuch („Memento“, „Prestige“, „The Dark Knight“).

Generell hat Nolan ein sehr gutes Händchen für Besetzungen, wobei auch die überraschenden funktionieren: Den Coop schlechthin hat er mit Heath Ledger als Joker gelandet (dessen Leistung sicherlich auch ohne dessen Tod gewürdigt worden wäre), aber auch Robin Williams als psychopathischer Mörder oder Gary Oldman als durch und durch guter Polizist haben einen letztlich begeistert.

Technisch ist er perfekt. Seine Bilder sind durch und durch streng komponiert, die Handlung ebenfalls. Absprechen kann man Nolan nicht, dass er stets den Kopf des Zuschauers fordert. Virtuos konstruiert er Handlungen und montiert Szenen oft unchronologisch. Neben dem verwirrenden Anfang von „Prestige“ und „Batman Begins“ fällt dies natürlich besonders deutlich bei „Memento“ auf, dem Film, dessen Szenenabfolge rückwärts verläuft und welcher dennoch einen exzellenten Spannungsbogen aufweist.

Sehr auffällig ist Nolans Drang nach Realismus und sein absolutes Desinteresse an Fantastik. Bei den Batman-Filmen ist das kaum zu übersehen, da er bei diesen Adaptionen auf alles Fantastische verzichtet. Dies wird aber auch gerade bei „Inception“ kritisiert – seine Traumwelten sind streng erklärbar und weisen kaum surrealistische Elemente auf und wirken völlig real.

Auch deutlich wird dieser Realitätsdrang in der technischen Umsetzung: Nolan animiert so wenig, wie es geht und reist oftmals um die ganze Welt, um an exotischen Orten zu drehen, oder nimmt Aufwand in Kauf, Actionszenen mit sich überschlagenden Lastern oder Leuten in Schwerelosigkeit unanimiert einzufangen. Dieser Mangel an CGI ist angesichts der weiteren Filme Hollywoods besonders auffällig und erinnert sehr an die letzten beiden James-Bond-Filme, die den gleichen Weg gegangen sind.

Und doch hört man oft die Kritik, dass er virtuos sei im Umgang mit technischer Umsetzung und Storytelling, dass er aber ein Problem mit Tiefe und emotionalem Kontext der Figuren habe. Seine Charaktere bleiben oft blasse Schablonen, die nur die Handlung vorantreiben. Solche Kritiker sagen, dass ihm seit „Memento“ nicht mehr gelungen sei, den Zuschauer auch emotional zu involvieren. Seine Filme kann man sich wie eine perfekte Maschinerie angucken, aber er schafft es nur, einen intellektuell, selten emotional zu fordern. Wie ich es in den Weiten des Internets so schön gelesen habe: „Nolan ist wie ein Zombie und er will dein Gehirn“. Doch selbst die Jammerer geben meist zu: Das ist Jammern auf hohem Niveau!

Also technische Perfektion, emotionale Armut? Wie seht ihr das? Was ist eure Meinung zu Christopher Nolan?

Verwandte Artikel

7 Kommentare

  1. Es ist auf jeden Fall gerechtfertigt, dass er einen eigenen Post bekommt.

    Nun, ich sehe es nicht so, dass er seinen Charakteren keine Emotionen zugeteilt werden. Sie sind ganz einfach nicht so weinerlich, was Handlungen und Konversationen in seinen Filmen angeht. Sie sind nun einmal sehr realistisch und gestrickt. Man merkt oft eine gewisse Härte in seinen Filmen.

    Ein Genie, zweifellos, und auf keinen Fall emotionslos.

  2. Kurze Randbemerkung zum neuen „effektfreien“ Bond:
    also beim letzten 007 wurde doch extrem am Ende mit (zum Teil unrealistischen) Effekten „gefeuert“. ;-)

    So.. zu Nolan:
    Also als ich nach dem ersten Inception-Besuch aus dem Kino kam, hatte ich genau den gleichen Eindruck, dass die Charaktere relativ kalt rüberkamen.
    Beim zweiten Besuch war der Eindruck aber schon wesentlich besser.
    Vielleicht hat das mit der Aufmerksamkeit und den Erwartungen zu tun, die der Zuschauer hat. Wenn ein Film viel Inhalt und Details hat, kann man sich schnell an Nichtigkeiten aufhalten.

    „The Dark Knight“ fand ich emotional schon ziemlich geladen… Schmerz, Zorn, Leid, Zerissenheit… das kam da sehr gut rüber.
    Insofern: nein, Nolan macht keine emotionslosen Filme! Punkt!

  3. Ich denke schon, dass im Vergleich zu anderen Filmen der Focus bei Nolan sehr auf der Handlung liegt und nicht auf emotionalem Hintergrund der Charaktere. Aber das gefällt mir eigentlich ganz gut – vermutlich, da es sonst so wenig Filme mit gut durchdachten Geschichten in Hollywood gibt. Mir war beispielsweise Rachels Tod völlig egal – er war nur storymäßig interessant. Das ist, glaube ich, ein recht passendes Beispiel.
    Eine gewisse Distanz hat man zu Nolans Figuren dann doch meist; alles wirkt recht steril.

    Dass die Charaktere teils oberflächlich bleiben, stimmt vielleicht auch teils ein wenig (gerade bei den ganzen Leuten in „Inception“, finde es für den Film aber nicht wirklich störend).
    Auch, wenn man DiCaprio in „Shutter Island“ und „Inception“ vergleicht (und dieser zwängt sich einem bei den zwei so ähnlichen Rollen förmlich auf) wird deutlich, wie unterschiedlich tief jeweils in dessen Psyche eingedrungen wird.

    Aber das sind höchstens kleine Schönheitsfehler in seinen Filmen meiner Meinung nach und nichts, was wirklich negativ aufstößt. Und dass sehr rational erzählt wird und wenig auf die Tränendrüse gedrückt wird, ist mir sogar sehr recht und in einiger Hinsicht vielleicht sogar positiv!

    Für einen Genie halte ich ihn auch so oder so.

    @ FM014:

    Zu „Dark Knight“: Ich denke aber schon, dass diese aber auch in erster Linie nur thematisch gut rübergebracht worden sind und weniger emotional. Man saß da und hat gesehen, dass Batman leidet und es hat einen interessiert, wie es weitergeht und wie sich das entwickelt, aber wirklich mitgefühlt hat man eher nicht, hätte ich nun gesagt.

    Und japp, mir ist auch negativ aufgestoßen, dass im „Quantum Trost“ schon wieder mehr animiert gewesen ist als im Vorgänger. Aber insgesamt gesehen im Vergleich zu den anderen Actionfilmen heutzutage nach wie vor sehr wenig, wenn man sich mal „Transformers“ oder irgendeine x-beliebige Superheldenverfilmung mit ihren CGI-Orgien anschaut. Und da mit den Bond-Filmen ja auch ein Reboot erfolgt ist mit der Präsmisse, ihn realistischer und ernsthafter zu machen, kann man die schon mit dem Nolan-Batman vergleichen, denke ich. ^^

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.