„Carlos – Der Schakal“ – Lang, aber überzeugend

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Neben der gekürzten deutschen Kinoversion (185 Minuten) des Biopics über Ilich Ramirez Sanchez, den zeitweise meistgesuchtesten Terroristen der Welt, gibt es vereinzelt auch die ungekürzte Langfassung von sage und schreibe 330 Minuten in den Kinos zu sehen; und genau diese wird hiermit rezensiert. Regisseur Olivier Assayas serviert einem eine zwar lange, aber nie wirklich langweilige Mischung aus „Der Baader Meinhoff Komplex“ und dem „Public Enemy No. 1„-Zweiteiler. Wen die gigantöse Lauflänge nicht abschreckt, sollte dem Film zumindest eine Chance geben.

Inhalt

Ilich Ramirez Sanchez (Édgar Ramírez), genannt Carlos, wird Anfang der 70er zur berüchtigten Leitfigur des internationalen Terrorismus, zudem ist er Macho und Frauenheld. Er startet seine Karriere mit kaltblütigen Anschlägen und Aktionen, u. a. dem Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier 1975 in Wien. Er ist beteiligt an Waffenhandel, gründet später eine eigene Gruppe und beweist beeindruckendes Organisationstalent, wird irgendwann Söldner, bis er letztlich nach Ende des Kalten Krieges von allen abgeschoben und von zahlreichen Geheimdiensten gejagt wird…

Kritik

Édgar Ramírez spielt die Titelfigur großartig. Der berühmte Terrorist wirkt mit all seinen Facetten glaubhaft dargestellt und trotz extremer Arroganz nicht überzogen. Auch die körperlichen Veränderungen des Schauspielers, wie die Gewichtsunterschiede oder das Bart- und Frisurenstyling, runden die Darstellung von Ilich Ramirez Sanchez ab. Aber es wurde selbst bis in die kleinste Nebenrolle perfekt gecastet, so legen alle Darsteller eine tolle Leistung ab – und das ist bei einem so langen Film schon bemerkenswert. Neben Alexander Scheer und Christoph Bach hat in meinen Augen besonders Nora von Waldstätten als Magdalena Kopp einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Inszeniert ist „Carlos“ zweifelsfrei äußerst hochwertig: Nicht nur wegen des Ultrawidescreen-Formats wird einem Kino-Optik geboten, von billiger TV-Ausstattung ist generell keinerlei Spur zu sehen. Alleine die Tatsache, dass in ganzen neun verschiedenen Ländern gedreht worden ist, macht das Ausmaß der französisch-deutschen Produktion deutlich und gehört sicherllich zu den aufwendigsten Produktionen der Fernsehgeschichte. Auffällig am Bild ist, dass der Magenta-Farbton nahezu völlig herausgenommen worden ist und das Bild somit durchgängig einen starken Gelbstich aufweist, was „Carlos“ aber eine interessante, eigene Optik verleiht und dies einem nach kurzer Zeit auch nicht mehr auffällt oder gar störend wirkt.

„Carlos“ verfolgt das Leben des Terroristen durch zahlreiche Länder und deckt eine lange Zeitspanne ab. Das Thema Terrorismus wird vielschichtig dargestellt und ist sehr interessant; besonders, wie die Staaten im letzen Drittel des Filmes mit dem berühmten Terroristen umgehen. Für alle, die sich bereits näher mit dem Thema auseinandergesetzt haben oder dies möchten, ist dieser Film ohnehin Pflicht. Denn eine ausführlichere Darstellung, und gleichzeitig auch noch dermaßen filmisch hochwertig, wird schwierig zu finden sein. Dabei gibt der Film nicht exakt das Leben von Carlos wieder, sondern entwirft frei mögliche Abläufe der terroristischen Anschläge und versucht eher, Ilich Ramirez Sanchez‘ Leben im Kern zu treffen.

Aber auch als Laie wird der Film trotz seiner Länge nicht unspannend. Wem die zwei „Public Enemy No. 1“-Filme schon zu langwierig und ausführlich waren – Finger weg von „Carlos“! Ansonsten bietet der Film jedoch auch für Nicht-Kenner der Materie neben großartigen Bildern auch eine interessante und verständliche Handlung. Die Inszenierung ist inhaltlich gut in drei Teile einzuteilen, dennoch bleibt der Film stets ein Ganzes und wirkt nicht fragmenthaft. Allein im letzten Drittel zieht sich der Film ein wenig in die Länge. Vielleicht macht es mehr Sinn, sich das 330-Minuten-Epos in der ebenfalls vorhandenen dreiteiligen Serienform anzuschauen als am Stück. Für viele wird auch die gekürzte Kinoversion ausreichend sein, dennoch besticht und überzeugt gerade die Langfassung in ihrer Detailliebe und Ausführlichkeit.

Fazit

„Carlos“ ist mit seinen fünfeinhalb Stunden und der aufwendigen Produktion ein wahres Epos zum Thema Terrorismus der 70er und 80er. Wer mit dem Thema nichts anfangen kann, der wird vermutlich auch von „Carlos“ nicht besonders angetan sein bzw. braucht ein solcher vermutlich nicht diese Langfassung. Dennoch überzeugt der Film insbesondere durch die grandiose, packende Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen. Der Film ist also vielleicht stellenweise etwas langwierig, aber nie wirklich langweilig.

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2 Kommentare

  1. Der Filmbeschreibung kann ich nur zustimmen. Leider konnte ich nur die 3-Stunden Kinoversion sehen. Obwohl ich glaube, mich mit der Thematik auszukennen, fand ich das Ganze ziemlich knapp. Wer sich nicht auskennt, wird selbst mit 3 Stunden Probleme haben, das Thema zu erfassen.
    Für mich ist das ein toller Film, der nicht wie sonst üblich die Titelfigur verherrlicht, sondern Carlos mit all seiner Brutalität und seinem Egoismus deutlich darstellt. Er hat einerseits ohne Skrupel gemordet und andererseits ziemlich komfortabel gelebt. Ich habe zufällig vor wenigen Wochen die Biografie seiner Frau Magdalena Kopp gelesen, aus der noch viel deutlicher hervorgeht, welch Egomane und menschliches Schw… er tatsächlich gewesen ist, solange er noch frei war und wer ihn auf der anderen Seite hofiert und unterstützt hat; von der Stasi und anderen Geheimdiensten bis in höchste politische Kreise im Nahen Osten.
    Neben der fast schon dokumentatorischen Darstellung (auch, wenn der Vorspann etwas anderes aussagt …) finde ich die Hauptrolle fantastisch besetzt. Es ist fast unglaublich, wie nuancenreich Carlos dargestellt wird (inklusive Gewichtsveränderungen und ähnlichem). Das gleiche gilt für die Darstellung seiner Ehefrau.

    Die Zeit von Carlos‘ Terroranschlägen hat viele Jahre den Nahen Osten und Europa beeinflußt; und auch hier waren – natürlich – deutsche Terrorriste beteiligt. Daher ist der Film für mich auch ein Stück Zeitgeschichte. Ich hoffe, irgendwann die über 5-stündige Fassung sehen zu können (denn hier „fehlen“ über 2 Stunden), sonst bringt ja vielleicht auch die angekündigte 3-teilige Fernsehfassung noch mehr.

    Wer sich etwas für die jüngere Geschichte interessiert, sollte sich diesen Film ansehen. Es ist erschreckend, wie brutal und menschenverachtend und ohne Rücksicht auf andere die Interessen eines einzigen oder weniger Menschen umgesetzt wurden.

  2. Nachdem ich jetzt die 330 Minuten-Fassung gesehen habe, kann ich meine gute Kritik nur bestätigen und jedem, der den Film sehen möchte, empfehlen, nicht die 180 Minuten Kinofassung zu nehmen.

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