„Black Swan“ – Ein ballettistischer Höllentrip

nur miesschlechtfast mittelmäßigmittelmäßigfast gutgutfast sehr gutsehr gutfast einzigartigfast einzigartig   8,43 (7 Stimmen)
Loading...

Darren Aronofskys Melodrama „Black Swan“, für welchen kürzlich Natalie Portman als beste Hauptdarstellerin mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte einer Balletttänzerin, die sich in all ihrer schweißtreibenden Perfektion in ein Nirvana tanzt, welchem sie selbst nur schwer entfliehen kann. Mit einer unglaublich passionierten Intensität erzählt Aronofsky dieses düstere, moderne Märchen eines Milieus, in dem nur eines zählt: Erfolg, und zwar um jeden Preis.

Inhalt

Knackende Zehen, hart mit der Nagelschere bearbeitetes Schuhwerk und eine Mutter, die einen trotz des vorangeschrittenen Alters immer noch wie ein kleines Kind behandelt, gehören zum perfektionierten Alltag der Hauptfigur Nina Sayers (Natalie Portman). Alles nur, um den einen Traum zu erfüllen: Die Hauptrolle in Tchaikovskys „Schwanensee“. Der allseits bekannte auf Zehenspitzen ausgetragen zerrüttete Kampf zwischen Weiß und Schwarz, hell und dunkel, Licht und Abgrund. Der selbstverliebte Trainer Thomas (Vincent Cassel) fordert allerdings, dass die von ihm auserwählte Nina beide Rollen tanzt. Während der krampfhafte Perfektionismus und Anmut ihren weißen Schwan dominiert, fehlt ihr die Gelassenheit und das offenherzige, gar sexuelle des schwarzen Schwanes. Als dann auch noch die neue Tänzerin Lily (Mila Kunis) in die Akademie aufgenommen wird und sämtliche Eigenschaften des schwarzen Schwanes mit Leichtigkeit erfüllt, beginnt ein Kampf, den Nina nur zwischen sich selbst austragen kann.

Review

Ballett ist so eine Sache für sich. Auf der einen Seite steht eine zumeist wunderschöne Inszenierung. Fesselnd, dramatisch, manchmal gar episch. Auf der anderen Seite hingegen sieht man die dürren Tänzerinnen, zerfressen von ihrem eigenen Perfektionismus, ihrer selbst auferlegten Moral, immer besser, immer perfekterimmer besessener zu werden. Aronofsky schafft es, nach seinem filmischen Meisterwerk „The Wrestler“ aus dem Jahre 2008, nochmal eine Schippe drauf zu legen und wird trotz der eher feminineren Thematik nicht weniger brutal.

„Black Swan“ kreist um die Oscar-reife Vorstellung von Natalie Portman. (Sie trainierte zehn Monate für die Ballettszenen). Nicht selten während des Films dachte ich an Zach Braffs „Garden State“ und konnte kaum glauben, wie sehr diese Frau in den vergangenen Jahren an schauspielerischer Größe gewonnen hat, denn: auch damals war sie schon gut. Niemals zuvor musste sie einen Charakter spielen, welcher derart von Selbstzweifeln und Ängsten zerfressen war.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter Erica (Barbara Hershey) ist nicht minder gestört. Wir als Rezipienten erfahren nicht, wie Nina zum Ballett kam, aber wir wissen, dass ihre Mutter auch getanzt hat und die vermeintliche Karriere für ihre Tochter aufgeben musste. Die Kommunikation in der kleinen Familie ist zwar intakt, aber das dysfunktionale Verhältnis schwimmt bei jedem Wort, bei jedem Abendessen, selbst bei jeder Umarmung mit. Der Regisseur arbeitet hierbei durchaus plakativ, so lässt sich Nina auch als 20-jährige immer noch von der Mutter anziehen und ins Bett bringen, um sich von dem sanften Klang der Spieluhr (fast schon obligat mit einer pinken Ballerina als sich drehender Puppe) in den Schlaf zu wiegen.

Mila Kunis, die rivalisiernde Tänzerin, spielt nicht minder großartig. Die Interpretation der konträren Lily gelingt ihr mit Bravour, wenn sie mit ihrer fast schon natürlichen Erotik und Gelassenheit Nina die Hauptrolle streitig macht, wenngleich das niemals ihr Vorhaben ist, so spielt sich ein großer Teil der im Film vorhandenen Rivalitätsstrukturen lediglich in Ninas Kopf ab.

Der Score von Clint Mansell („Requiem for a Dream“; „The Wrestler“) ist wie erwartet solide bis sehr gut und unterstreicht die großartigen Stücke aus Tchaikovskys „Schwanensee“. Nina wird – so viel sei an der Stelle gesagt und auch nicht zu viel verraten – am Ende es Filmes fallen. Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an all die besessenen Trainer und Tänzerinnen da draußen.

Fazit

Darren Aronofskys Film ist plakativ. Er spielt derart mit den konträren Farben Schwarz und Weiß, so dass es selbst dem kaugummikauenden Realschüler in der siebzehnten Reihe klar werden sollte, dass Nina sich selbst in den beiden Schwänen verliert. Das macht den Film nicht unbedingt schlechter, schmälert aber ein wenig die schauspielerischen Glanzleistungen der drei Hauptcharaktere Portman, Kunis und Cassel. Dennoch sollte man sich den Film nicht entgehen lassen und meiner Ansicht nach auch auf der großen Leinwand schauen. Und sei es nur wegen Tchaikovsky.

Bildergalerie


Verwandte Artikel

4 Kommentare

  1. Der Kritik kann ich zustimmen. Ein wirklich guter Film, der meiner Meinung nach den gigantisch großen Rummel aber nicht so ganz verdient hat – der Film ist gut, aber in meinen Augen kein umwerfendes Meisterwerk, auch wenn ich Respekt vor den (Tanz-)Darstellungen von Natalie Portman habe. Vier Sterne kann man guten Gewissens aber noch geben.

  2. Ich kann dem auch zustimmen, der Film ist kein Meisterwerk, aber anspruchsvolles, solides Handwerk. Aber da „Black Swan“ nun doch eher in die Independentschiene einzuordnen wäre, ist es schon nervig, wie man derzeit versucht, ihn zu vermarkten. Und der so absolut nichtssagende Werbeslogan „Der Film, über den jeder spricht“ ist schon ziemlich abwertend, das haben weder Film, noch Regisseur und schon gar nicht die grandiosen Darsteller verdient.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.