Die Filmstudios ruinieren den Film. Und auch sich selbst?

Schon oft wurde hier auf dem Flimmerblog über das einfallslose Hollywood und den Remake- und Fortsetzungswahn geklagt (Der Untergang der Filmindustrie?). Mittlerweile mehren sich auch negative Kommentare von angesehenen Regisseuren über die rein auf finanziellen Erfolg ausgerichtete Studiopolitik: Nach der umwerfenden „State of Cinema“-Rede von Steven Soderbergh fallen auch Robert Zemeckis, Steven Spielberg, George Lucas und Ausnahmeregisseur Danny Boyle mit kritischen Kommentaren auf. In diesem Artikel soll kurz zusammengefasst werden, was bisher über die anhaltende Blockbuster-Franchise-Politik gesagt wurde und welche kreativen Folgen diese Eingrenzung mit sich zieht.

Warum sich kleine Filme nicht mehr rechnen

Soderbergh rechnet die Budgetproblematik vor: Ein Film mit einem Budget von 10 Mio. Dollar muss weltweit stolze 140 Mio. Dollar einspielen, um rentabel zu sein. 30 Mio. gehen für US-Vermarktung, weitere 30 Mio. für internationale Werbung und 70 Mio. für den Vertrieb drauf, so dass am Ende selbst ein mäßig budgetierter Film das 14-fache seines Budgets einspielen muss!

Ein Skaleneffekt lässt die Filmfinanzierung weiter zu Ungunsten kleinerer Filme kippen: Bei einem Film, der 100 Mio. Dollar kostet, bleiben die Werbekosten trotzdem bei 60 Mio. Dollar. So müssten 320 Mio. Dollar eingespielt werden, um auf die schwarze Null zu kommen, was allerdings nur noch das 3-fache des Budgets ist. Daher erscheint es den Studio-Bossen machbarer als die Mammut-Aufgabe eines 10-Mio.-Dollar-Films.

Konzentration auf wenige Super-Blockbuster

Daher hat sich die Konzentration auf einige wenige Blockbuster-Produktionen mit Budgets im neun-stelligen Bereich in den vergangenen Jahren drastisch verstärkt. Und die Rechnung geht auf, wie Filme wie „Iron Man 3“ momentan demonstrieren. Warum sollte man als Studio kleine, kreativere Projekte unterstützen, wenn bei denen das Verlustrisiko merklich höher scheint?

Trotz Indie-Boom immer größerer Studioeinfluss

Das hat zur Folge, dass selbst in den USA momentan ein kleiner Independent-Boom entsteht. Laut Soderbergh hat sich die Zahl der unabhängigen US-Filmproduktionen zwischen 2003 und 2013 auf 550 pro Jahr verdoppelt. Hingegen sind die Studiofilme auf 130 pro Jahr um ca. 30 % zurückgegangen. Die Studios verlieren jedoch nicht an Macht, sondern haben ihren Marktanteil sogar noch von 69 auf 76 % steigern können! Sie machen also mit immer wenigeren Filmen mehr Geld. Was risikoreich ist, da Riesenflops wie „John Carter“ zum Ruin des ganzen Studios führen können.

Warum Franchise, Sequels und Remakes?

Da man sich also kaum noch Experimente leisten kann, wird vermehrt auf Franchises und Fortsetzungen gesetzt. Laut Soderbergh fällen Studiomenschen die Entscheidungen, die keine cineastische Grundbildung haben; ihnen gehe es ausschließlich ums Geld. Anstatt ins Archiv zu gehen und eine alte Idee auszukramen, die gut ist, aber seinerzeit keinen großen Erfolg hatte, macht man lieber zum x-ten Mal ein Remake einer alten, erfolgreichen Idee.

Auch Boyle klagt: „Es ist ein großes Glück, zum Kreis potentieller Oscar-Regisseure zu gehören, denn das ist momentan fast der einzige Schutzraum für unabhängige Filme. Der Rest: Sequels und Franchises. [Die Studios] nutzen die derzeitige Vorliebe des Publikums, das schon vorher wissen will, was es erwartet – alles ist dann nur noch größer und spektakulärer als beim letzten Mal. Die CGI-Technik hat ja überhaupt erst dafür gesorgt, dass Geschichten in endlose, unmögliche Längen gedehnt werden können. Früher war das anders. Ich erinnere mich noch daran, als der dritte und vierte Teil von ‚Der weiße Hai‘ kamen: Jämmerlich! Jeder rümpfte die Nase. Damals machten die Studios diese Filme, weil sie so ein bisschen Geld verdienen konnten, aber es wurde von Sequel zu Sequel weniger. Heute ist es genau umgekehrt!“

Je mehr Geld, desto mehr kreative Einschränkungen

Zemeckis bestätigt, dass die Budgets einschränken: „Außerdem engen einen solche Budgets kreativ unglaublich ein. Wenn Sie mit einem Film, der 200 Millionen Dollar gekostet hat, Geld verdienen wollen, müssen Sie mindestens 800 Millionen Dollar umsetzen. Und um das zu erreichen, müssen Sie jeden Menschen auf der Welt, der sich auch nur flüchtig für den Film interessiert, dazu bringen, ins Kino zu gehen. Aber wenn die Zielgruppe so riesig ist, kann ein Film gar kein echtes Thema haben.“

Daher versucht Danny Boyle, seine Filmbudgets klein zu halten: „Mit Ausnahme von ‚The Beach‘ habe ich bei jedem Film versucht, mit so wenig Geld wie möglich auszukommen. […] Und natürlich bewahrt man sich eine gewisse Unabhängigkeit beim Casting und beim Look eines Films, je weniger Geld man verbraucht. […] Ich drehe zu einem Preis, der mir und dem Studio garantiert, dass nicht gleich die Welt zusammenbricht, wenn der Erfolg ausbleibt.“

Erwachsenenfilme waren früher nicht nur Pornos

Unter dem Begriff „Pixarfication“ beschreibt Boyle, dass es keine Erwachsenenfilme mehr gibt. Während in den 1970ern Filme mit guter, auch mal komplizierterer und mit Gewalt garnierter Story gab (in Deutschland FSK-18-Filme), scheint es solche Filme nicht mehr zu geben. Mit Blick aufs Geld wird alles verniedlicht, um eine niedrige Altersfreigabe zu bekommen, um den potenziellen Markt zu erweitern. Im gleichen Film wird dann den Männern stumpfe Action serviert, den Frauen eine schlechte Lovestory und den Kindern ein dümmlicher Comedy-Charakter. Heute dienen nicht nur doofe Witze oder CGI-Actionfeste als Story-Ersatz, sondern auch das 3D. Denn damit lässt sich noch mehr Geld machen.

Marktanalysen bestimmen die Filminhalte

Viele Filme sind heutzutage Konstrukte der Marktforschung: Kreativität wird abhängig von erhobenen Daten. Das Studio will aus finanziellen Gründen nichts dem Zufall überlassen, weshalb erhobene Daten festlegen, was gut ankommt und was nicht. Filme mit Bowlingszenen waren in der Vergangenheit nicht erfolgreich, also werden in Drehbüchern in Zukunft keine Bowling-Szenen mehr erlaubt. Umgekehrt wird ermittelt, was das Publikum mag, und in den Film reingeschrieben. Dann hat halt eben jeder Film denselben Witz. Die Zuschauer werden trotzdem lachen.

Denn das Publikum macht es ja mit

Zemeckis schreibt, dass das Publikum ja anscheinend nichts gegen diese Entwicklung hat: „In den vergangenen 10, 15 Jahren sind die Zuschauer deutlich anspruchsloser geworden. Das stellt einen Filmemacher vor das Dilemma, ob er das ignorieren und einen Flop riskieren soll.“

Droht das System zusammenzubrechen?

Lucas und Spielberg sehen einen Kollaps des ganzen Systems nahen, auch wenn das Prinzip momentan noch jede Menge Geld in die Studiokasse spült. Nach Lucas werden die „nach Gold grabenden“ Studios immer eingeschränkter in ihrem Fokus, wovon das Publikum irgendwann genug haben wird. Spielberg befürchtet: „Es wird eine Implosion geben, dann werden drei oder vier oder vielleicht sogar ein halbes Dutzend dieser riesig budgetierten Filme eine Bruchlandung hinlegen und das wird das ganze Paradigma wieder verändern.“

Die Folge davon wären aber nach Lucas und Spielberg nicht wieder kreativere Projekte und eine breitere Filmauswahl. Nach Lucas werde es weniger, größere Kinos geben: Der Kinobesuch wird 50 Dollar oder mehr kosten, vergleichbar mit dem Broadway oder Sportereignissen. Filme werden für ein ganzes Jahr zu sehen sein, wie man es vom Broadway gewohnt ist. „Das wird das sein, was man als Filmgeschäft bezeichnet.“

„Star Wars“ als trauriges Paradebeispiel

Doch gerade „Star Wars“ kann als Paradebeispiel der Mainstreamisierung gesehen werden: Während in „Episode 4“ auch mal ein Arm abgeschlagen wurde und blutgedrängt auf dem Boden lag und Lucas enorme Probleme hatte, seine originelle Idee von einem Studio finanziert zu bekommen, führt er zunächst in „Episode 6“ die kinderfreundlichen Ewoks ein, um durch „Episode 1“ (FSK 6!) mit Jar Jar selbst aus den Kleinkindern Geld zu pressen und „Star Wars“ anschließend endgültig zum CGI-beladenen harmlosen Popkornkino werden zu lassen. Schließlich verkauft er seine einst aus Frust gegenüber den Hollywoodstudios gegründete Firma ausgerechnet an Disney, das momentan mit den abertausenden Marvel-Verfilmungen, Pixar und Franchises wie „Fluch der Karibik“ der Inbegriff der angeprangerten Studiopolitik ist und aggressiv alles ausschlachtet: Nicht nur „Star Wars 7 – 9“ wurden angekündigt, sondern direkt 3 Spin-Offs.

Die neue Macht der TV-Produktionen

Im in den letzten Jahren sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch qualitativ merklich aufsteigenden Fernsehen liegt nach Spielberg und Lucas die Zukunft. Nicht nur Soderbergh dreht mittlerweile Filme für HBO; selbst Spielbergs Oscar-Abräumer „Lincoln“ hat es fast nicht ins Kino geschafft und wäre dann bei HBO gelandet. Also selbst Publikumsmagneten wie Spielberg bekommen ihre starbeladenen, teuren Filme nur noch mit Mühe in die Kinos. Schon jetzt kann man sich an vielen sehr intelligenten und aufwändig inszenierten TV-Serien und TV-Filmen erfreuen.

Wie geht es weiter?

Es bleibt nur abzuwarten, wie sich das Ganze entwickelt. Immerhin tut es gut, diese seit Jahren anhaltenden Entwicklungen auch vermehrt von Regisseuren kritisiert zu sehen. Immerhin kann man sich über die vielen tollen Serien und Indie-Filme freuen.

Was ist eure Meinung zu dem Ganzen? Geht es mit Hollywood tatsächlich zu Ende?

Quellen:

Spiegel.de: Filmfestspiele in Cannes: Das Millionen-Begräbnis
Deadline.com: Steven Soderbergh’s State of Cinema Talk
Filmjunkies.de: Steven Spielberg und George Lucas warnen vor Hollywood-Kollaps
Moviejunkies.de: Steven Soderbergh und Danny Boyle über den heutigen Film

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