Der Director’s Cut vom „Goldenen Kompass“ muss her!

Wie viele andere bin ich 2007 vom „Goldenen Kompass“ ziemlich enttäuscht aus dem Kino gekommen. Dabei hatte ich widersprüchliche Gefühle: Der Cast und die Visualität waren sehr gut, die Geschichte aber trotz einer potenziell komplexen Welt allerdings erstaunlich flach, gehetzt, unzusammenhängend, unlogisch und teilweise hatte man regelrecht das Gefühl, ganze Szenen verpasst zu haben. Kein Wunder: Regisseur/Drehbuchschreiber Chris Weitz hatte einen wesentlich besseren Film gedreht, der dann aber vom Studio gnadenlos ruiniert wurde. Dieser Artikel versucht nun alles zu sammeln, was über den ursprünglichen Schnitt bekannt ist.

Was ist geschehen?

Der Drehbuchautor und Regisseur Chris Weitz lieferte eine ca. 2,5 Stunden lange und 1:1 dem Buch entsprechende Rohschnittfassung ab, womit das Studio sehr unzufrieden war. Es nahm ihm daraufhin die Entscheidungsgewalt und ließ von einem neuen Cutter den Film auf 1 Stunde 50 Minuten komplett umschneiden:

„All I can say is that with The Golden Compass, I didn’t get to make the movie I had planned to make. […] It was a terrible experience because I was able to shoot what I wanted to – and then the cut of the movie was taken away from me and any reference to religion or religious ideas was removed. And the darkness and threat at the end of the story – anything that made it not a happy, popcorn-type movie – was removed“ (Weitz).

Doch es wurden nicht nur viele Passagen samt des eigentlichen, düsteren Endes herausgeschnitten, sondern auch große Teile innerhalb des Films hin- und hergeschoben, was den Film spätestens ab der Hälfte zum kompletten Flickenteppich werden lässt. Daher wirkt er nicht nur unabgeschlossen, sondern generell flach, lückenhaft und inkonsistent – im Wesentlichen wie ein langer Trailer für den richtigen Film. Auf die vier wesentlichen Problempunkte will ich ein wenig genauer eingehen:

1. Das eigentliche Ende fehlt

Das eigentliche Buchende wurde nicht nur gedreht, sondern auch anscheinend nahezu vollständig nachbearbeitet (siehe hier, hier oder hier). Für diejenigen, die vielleicht das Buch noch lesen wollen, habe ich dessen Beschreibung als Spoiler markiert:

SPOILER: Spoiler zeigen

Dadurch, dass im Kinoschnitt viele Thematiken, u. a. Staub und Parallelwelten, viele Völker/Institutionen (Gypter, Bären, Hexen, Tartaren, Magisterium …) oder die Enthüllung, dass Craig und Kidman Lyras Elterns sind, eingeführt wurden, aber nicht zu einem Ende kamen, wirkt der Film völlig abrupt sowohl storytechnisch als auch emotional unzufriedenstellend beendet.

Einige Teile des ursprünglichen Endes sind im Internet sehbar (siehe Deleted Scenes), jemand hat sogar aus allen Schnipseln (z. B. aus dem Computerspiel, Trailern und Storyboards) versucht, das Ende zu rekonstruieren (siehe hier).

2. Die Eisbären-Geschichte wurde in die Filmmitte verlegt

Dadruch, dass die Eisbärengeschichte, die eigentlich NACH dem jetzigen Filmende stattfindet und auch für Lyra entscheidenend ist, ihren Vater zu retten, in die Filmmitte verlegt wurde, funktioniert der Film spätestens ab dem Moment überhaupt nicht mehr. Das Ganze ist nicht nur storytechnisch relativ unlogisch, sondern die eigentliche Handlung wird gandenlos für eine (so wie sie jetzt vorkommt) völlig irrelevante Nebenhandlung ausgebremst.

Auch die anschließende Eisbrückenszene macht nun gar keinen Sinn mehr: Ursprünglich kurz vor dem Finale angesiedelt, wo es um Leben und Tod geht, ist es nun unlogisch, dass a) der Bär sie nun ganz alleine zu den Kindern bringen will und b) Lyra das Risiko eingeht, über die gefährliche Brücke zu gehen, während der Bär lieber den sicheren längeren Weg nimmt (!). Die Szene wirkt nun so kontextlos, unlogisch und völlig deplatziert … wie sie schlichtweg einfach ist.

Eine weitere Unlogik entsteht dadurch, dass ihr Vater nun WEDER bei den Bären NOCH in Bolvangar (bei den entführten Kindern) gefangengehalten wird. Irritierender Weise ist die Szene, wie er gefangengenommen wird, im jetzigen Film – nur damit man später in einem Nebensatz erfährt, dass er eigentlich nirgendwo wirklich gefangengehalten wird.

3. Düstere und kirchenkritische Aspekte wurden entfernt

Die katholische Kirche (mal wieder), die auch beim jetzigen Schnitt massiv gegen den Film Stimmung gemacht hat, ist ein Faktor gewesen, weshalb das Studio den Großteil der Religionskritik entfernen ließ. Während der Buchautor immer betont hat, einen Gegenentwurf zum christlichen „Narnia“ entwerfen zu wollen, sei Weitz aber bereits vorsichtig gewesen: „I was careful not to offend anyone’s sensibilities while at the same time including the religious ideas and the intellectual ideas that are in the book.“

Doch nicht nur Handlungsstränge mit dem Magisterium (und Anspruch) fielen der Schere zum Opfer, sondern auch sonst einiges, was ein wenig düsterer und weiter weg von einem Popcorn-Weihnachtsfilm gewesen wäre: „When I turned in my director’s cut for „The Golden Compass,“ the studio concluded that I was trying to turn a popcorn movie into the world’s most expensive art film; they fired my editor and took the cut from me“ (Weitz).

Nicht nur das teils tragische Ende fehlt, sondern ebenfalls der Tod eines Gypters auf dem Schiff (der Lyra verdeutlicht, dass ihre Reise gefährlich ist) oder das Verbleiben (Sterben) des in einer Hütte im Eis gefundenen Sohnes der einen Gypterin. Geschweige denn Lord Asriels (Craig) dunklere Seiten, die schon als Wahn bezeichnet werden können.

Dadurch und durch die Tatsache, dass generell viele Szenen mit den erwachsenen Darstellern geschnitten wurden, verschiebt sich der Film stark in Richtung harmloser, eindimensionaler Kinderfilm.

4. Viele Dialoge wurden auf ihren Handlungskern reduziert

Emotionale Tiefe oder Charakterentwicklung kommt im Film nicht nur aufgrund des unzusammenhängenden Neuschnitts nicht auf, sondern da generell fast alle Szenen auf ihr Handlungsminimum beschnitten wurden. Dadurch wirkt der Film sehr gehetzt und oberflächlich. Einige Charaktere verlieren so viel Story/Leinwandzeit/Sinn, dass ihr Auftreten nun völlig unbegründet erscheint; besonders auffällig bei der Hexe (Eva Green), Lee Scoresby (Sam Elliot) und den Gyptern, die allesamt völlig blass und unscheinbar bleiben. Man versteht nicht einmal, warum sie Lyra helfen.

Auch Lyra, Lord Asriel (Craig – der nach einem starken Auftritt zu Beginn komplett aus dem Film verschwindet) und Miss Coulter (Kidman) können so keine Tiefe oder Emotionalität erzeugen. Es beginnt schon mit einem plumpen erklärenden Prolog, den der Regisseur ebenfalls nicht vorgesehen hat, sondern der vom Studio nachträglich hinzugefügt wurde. Diese vielen Charakter-Schnitte sind angesichts der jetzt ziemlich kurzen Laufzeit meiner Meinung nach besonders unverständlich.

Hoffnungen auf den Director’s Cut

Alles in allem kann man also zusammenfassen, dass der jetzige Film kaum noch etwas mit dem ursprünglichen zu tun hat. Nicht nur der Regisseur, auch Graig, Green und andere Darsteller haben sich für einen Director’s Cut ausgesprochen. Während das ursprüngliche Ende eigentlich für den Anfang eines zweiten Teils aufgehoben werden sollte, ist dies angesichts der Tatsache, dass kein solcher mehr kommen wird, nun auch nicht mehr entscheidend.

Bleibt also nur zu hoffen, dass Warner (da New Line Cinema ja nicht mehr exisitiert) irgendwann einen Director’s Cut herausbringen lässt und sich „Der goldene Kompass“ zusammen mit „Troja“, „Königreich der Himmel“ oder „Blade Runner“ in die Liste der Filme einreiht, die durch einen nachträglichen Originalschnitt deutlich an Qualität gewinnen können.

Bis jetzt gibt es leider keine Meldungen, die Hoffnung machen würden, dass ein solcher bald geschehen könnte. Bis dahin bleibt eigentlich nur eines: Das Buch und seine Fortsetzungen lesen! Wen der ursprüngliche Filmschnitt interessiert, der sollte bei den nachfolgenden Links auf jeden Fall mal hereinschauen!

Empfehlenswerte Links:

Fragmente des ursprünglichen Endes (für das Computerspiel genutzt):
Deleted Scenes

Rekonstruktion des ursprünglichen Endes:
Rekonstruiertes Ende

Ein früherer Trailer, der Einstellungen verwendet, die nicht im Film sind (inklusive des ursprünglichen Finales):
Extended Preview

Gute Beschreibung des ursprünglichen Schnitts und den Problemen der Kinofassung:
Beschreibung des Director’s Cut

Verwandte Artikel

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.