„Der Hobbit: Smaugs Einöde“ – Mittelerde wird düsterer

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Nachdem mich “Eine unerwartete Reise” vor einem Jahr ziemlich enttäuscht hat, hatte ich gehofft, Peter Jackson würde mit dem zweiten „Hobbit“-Film eine erwachsenere Richtung einschlagen, die sich der genialen Inszenierung der „Herr der Ringe“-Trilogie wieder ein wenig annähert. Obwohl der Film tatsächlich merklich kurzweiliger, düsterer, atmosphärischer und weniger Kindermärchen als Teil 1 ist, bleibt „Smaugs Einöde“ erneut hinter seinen Möglichkeiten zurück. Ihn zu sehen macht Spaß, nur erwartet man von einem Mittelerde-Film ein wenig mehr. Neben künstlicher Optik und ermüdender Action enttäuschen vor allem die dünnen Dialoge, Figuren und Nebenplots, die den Film letztlich nur ein wenig besser als seinen Vorgänger erscheinen lassen.

Inhalt

Bilbo (Martin Freeman), Gandalf (Ian McKellen) und die Zwergengruppe unter Führung von Thorin (Richard Armitage) müssen sich erneut durch einige Abenteuer schlagen, um ihrem Heimatberg Erebor zu erreichen: Während Gandalf alleine die Identität des Nekromanten herauszufinden versucht, muss die restliche Gruppe mit einem Gestaltwandler, Spinnen im Düsterwald und den verfeindeten Waldelben des Königs Thranduil (Lee Pace) fertig werden. Auch Azog (Manu Bennett) und sein Sohn Bolg (Lawrence Makoare) sind ihnen noch immer auf den Fersen. Doch nach einem Abstecher zur Seestadt, wo sie den Bogenschützen Bard (Luke Evans) kennenlernen, gelangen sie endlich zum Berg. Doch dort steht Bilbos größte Herausforderung bevor, lauert zwischen vielem Gold der Drache Smaug (Benedict Cumberbatch) …

Rezension

Gesehen habe ich den Film sowohl im Originalton (HFR-3D) als auch in deutscher Synchronisation (2D). Achtung, ab hier wird gespoilert!



Was macht der Film besser als „Eine unerwartete Reise“?

Einiges! „Smaugs Einöde“ ist merklich temporeicher und nicht so zäh wie „Eine unerwartete Reise“ (EuR), dem insbesondere die verkrampfte Exposition misslungen ist. Bedingt durch die fortschreitende Handlung kommen endlich neue Schauplätze und Figuren ins Spiel, die dem Film etwas Eigenidentität verleihen. Auch die visuellen Effekte sind zwar nicht weniger, aber wenigstens besser geworden und sehen nicht pausenlos nach Bluescreen aus.

Düsterer, weniger Humor und kein Kindermärchen mehr!

Was aber am Wichtigsten ist: Im Gegensatz zu EuR hat sich Peter Jackson endlich gegen ein albernes Kindermärchen und für einen ernsteren Fantasy-Film für Erwachsene entschieden: In „Smaugs Einöde“ gibt es kaum störende Blödeleien, keine fröhlichen Lieder und zum Glück auch keinen Trollrotz- oder Zwergen-Fress-Rülps-Humor mehr. Selbst Radagast geht fast als ernstzunehmende Figur durch.

Zwar trifft der merklich reduzierte Humor auch in diesem Film nicht immer, aber im Vergleich zum Vorgänger gibt es deutlich weniger Fremdschäm-Szenen. Klar, der Drache spricht (was funktioniert!), die Spinnen auch (was mit dem Kniff, dass Bilbo sie erst mit Ring am Finger hören kann, geschickt gelöst wurde) und auch die betrunkenen Elben haben es ins Skript geschafft, aber die Grundstimmung des Films verschiebt sich stark in Richtung monumentale Ring-Trilogie. Auch Smaugs Schwachstelle oder Thorins Motivation, den Berg aufzusuchen, wurden klug und glaubhaft adaptiert. Gut so, dass Schluss mit dem krassen Zielgruppenspagat des Vorgängers ist, der letztlich niemanden wirklich zufriedenstellt.

Bilbo in Aktion

Auch der in EuR sträflich vernachlässigte Bilbo, der nun „seinen Mut“ gefunden hat, darf endlich aktiver das Filmgeschehen vorantreiben und dadurch emotionale Teilhabe ermöglichen, was insbesondere die Spinnen-Szene stark aufwertet, aber auch dem Dialog mit Smaug Spannung verleiht. Martin Freeman spielt Bilbo erneut perfekt und schafft es, den Hobbit trotz der ihm immanenten Komik als ernstzunehmenden Charakter zu porträtieren – Idealbesetzung! Leider gerät Bilbo auch hier zeitweise aus dem Fokus; besonders auffällig in der Seestadt-Episode.



Schablonenhafte Charakterbeziehungen

Auch versucht der Film, die in EuR vernachlässigten Zwerge (außer dem immer noch stummen Bombur) stärker in den Vordergrund zu rücken. So darf z. B. Glóin seinen Sohn Gimli erwähnen oder Fíli wird als Thronerbe Thorins gehandhabt. Auch die (wenngleich ziemlich schlecht konstruierte) Trennung der Zwerge halte ich für eine gute Idee, den Zwergenhaufen ein wenig zu strukturieren und Smaugs Angriff auf Seestadt ein wenig interessanter zu machen.

Doch leider ist die Dynamik innerhalb der Zwergengruppe weiterhin relativ schwach. Es ist mir z. B. schleierhaft, warum Peter Jackson (PJ) die im Buch ausführlich behandelte Beziehung zwischen Thorin und seinen Neffen Fíli und Kíli sowie deren enge Bindung so stiefmütterlich behandelt und diese erstmals lediglich kurz erwähnt. So sehr man Mühe darin gesteckt hat, den Zwergen durch ihr Äußeres Identität zu geben, so wenig schafft es der Film, ihnen innerliche Tiefe zu verleihen.

Endlich neue Figuren und Orte!

Dies gilt leider auch für viele Neuzugänge. Vor allem sah ich Potenzial durch die neuen Figuren wie Thranduil, Smaug, Bard, Beorn oder Tauriel sowie die neuen Schauplätze. „Eine unerwartete Reise“ litt nicht zuletzt darunter, über weite Strecken den Weg von „Die Gefährten“ nachzuzeichnen und somit wie ein müder Aufguss von diesem zu wirken. Dies hat in diesem Teil zum Glück ein Ende.

Neben alten Bekannten wie Ian McKellen, der seine Sache erneut souverän macht, können auch viele neue Schauspieler überzeugen; insbesondere Lee Pace als Thranduil und Luke Evans als Bard haben mir gut gefallen. Doch hatte ich auch bei ihnen ein wenig mehr Vielschichtigkeit erwartet: Bards lange Einführung als Schmuggler war toll, ebenso seine Gesinnungswandlung, als er Thorin erkennt, aber das radikale „Oh, ein Erbeben! Dann töte ich mal den Drachen. Junge, spann die Balliste!“ war dann doch ein wenig platt. Auch der großartig gespielte Thranduil bekam leider wenig Leinwandzeit, Beorns Figur hinterlässt nicht mehr als ein großes Fragezeichen und Stephen Frys Seestadt-Meister und sein Grima-Reloaded fand ich ebenfalls gelungen, beide wirkten in ihren Miniauftritten aber eher überflüssig.



Smaug der Goldene

Besonders gespannt war man natürlich auf den Drachen. Bereits del Toro hat vor Jahren ein riesiges Fass aufgemacht, dass Smaug das Unglaublichste werde, was man sich vorstellen könne (teilweise waren wirklich experimentelle Concept Arts im Umlauf). PJ und sein Team haben diese hohen Erwartungen dann weiter geschürt.

Letztlich ist Smaug in erster Linie eines: Ein normaler Drache mit ziemlich unspektakulärem Design. Selbst seine Vierbeinigkeit scheint man im letzten Moment wieder verworfen zu haben (erst in der SEE des Prologs von EuR wurden Smaugs Vorderpfoten durch Flügel ersetzt). Ein Meilenstein, wie es Gollum seinerseits gewesen war, ist Smaug weder technisch noch schauspielerisch. Was aber nichts daran ändert, dass er klasse ist! Er ist gut animiert, sein zwar schlichtes Design ist passend und die Schuhschnabelvisage lässt ihn kontinuierlich hämisch grinsen. Auch gefiel mir die interessante Idee, dass sein Körper vor dem Feuerspucken aufglüht.

Doch ganz unabhängig von der visuellen und technischen Umsetzung wird Smaug als ernstzunehmende, intelligente Figur eingeführt, indem das Gespräch zwischen ihm und Bilbo fast 1:1 aus dem Buch übernommen wurde und somit sehr der Gollum-Szene aus dem Vorgängerfilm gleicht. Cumberbatchs verfremdete Stimme ist passend bedrohlich, auch wenn Smaug nun doch entgegen älterer Behauptungen lippenähnliche Bewegungen und ziemlich viel Mimik hat. Cumberbatch scheint sich ziemlich ausgetobt zu haben: siehe hier, was mir schon fast ein wenig zu viel war. Leider wurde diese stimmige und wirkungsvolle Einführung als eloquentes, scharfsinniges Wesen wieder ein wenig revidiert, indem Smaug im Actionfinale zum plumpen „Hierher“-Rufen hinterhertapernden Tier degradiert wird.

Komplexere Handlung? Eher nicht.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass der Film durch die neuen Figuren und Orte sowie die Mehrsträngigkeit der Handlung (Erebor-Zwergentrupp, Seestadt-Zwergentrupp, Gandalf und Waldelben) an Komplexität gegenüber Teil 1 gewinnt (entsprechend „Die zwei Türme“). Dies scheint zwar auch versucht worden zu sein, dennoch wirkte vieles einfach zu oberflächlich: Seestadt, der Gandalf-Plot um Sauron und Azog sowie alles, was mit den Waldelben und den Verfolger-Orks zu tun hat, macht die Handlung zwar unübersichtlicher, aber kaum komplexer. Zu plakativ scheinen die Figuren und deren Motivationen gestrickt zu sein, zu oft wäre mehr drin gewesen.



Tempo und Action, aber kaum Charaktermomente

Dies liegt auch daran, dass der Film zwar actionreich ist, aber ruhige Charakterszenen rar bleiben. Dadurch lässt der trotz seiner Länge zwar kurzweilige Film ein wenig Tiefgang vermissen: Tolle Momente wie „What did you find?“ – „My courage“ sind selten.

Entgegen des ersten Films, der durch viele Längen über weite Strecken im Leerlauf lief, wirkt der zweite Film nun teilweise sehr gehetzt. Insbesondere im Anfang springt man von einer Szene zur nächsten: Warum man Beorn nicht komplett gestrichen hat, ist mir ein Rätsel. Denn so schnell und nutzlos für die Story, wie er hier abgehandelt wurde, schadet er dem Film mehr, als dass er ihn bereichert. Auch der Weg durch den Düsterwald wird schnell abgehakt und die Gespräche im Waldlandreich zum Großteil auf unnötiges Liebesgeplänkel reduziert.

Kurioser Weise lässt ausgerechnet die Action den Film stellenweise langatmig wirken: Die übertriebene Fässerflucht (die zu Zweiteiler-Zeiten das ursprüngliche Ende des ersten Films sein sollte), das konsequenzenlose Orkmetzeln in Seestadt und der lange Smaug-Showdown zeigen erneut Peter Jacksons Liebe für einschläfernd lange Actionszenen, gerne auch mal over-the-top. Tiefpunkte an dieser Stelle sind sicherlich Bomburs Fässerpanzer-Szene, Thorins Ich-steh-auf-Smaugs-Schnauze-King-Kong-Hommage oder der blödsinnige finale Goldzwerg.

Einschläferndes Orkschlachten vs. gelungene Spinnenszene

Und wie schon in EuR ist gerade der Handlungsstrang mit den Orkverfolgern Azog und Bolg auch im zweiten Film einfach nur nervig. Er soll die Geschichte weniger episodisch machen, scheint der Story aber eher undienlich zu sein. Wenn Legolas und Tauriel zum x-ten Mal überstilisiert auf irgendwas rumsurfen, Kanonenfutterorks im Sekundentakt schnetzeln und Bolg dazu wie ein Affe in die Kamera stöhnt, herrscht gähnende Langeweile und man wünscht sich, die Screentime hätte man Charakterdialogen zugestanden.

Mal davon abgesehen, dass der Ork-Handlungsstrang immer unlogischer wird: Kurioser Weise beginnt der Film damit, dass Azog kurz davor ist, den Heldentrupp einzuholen, obwohl doch am Ende des Vorgängers die Verfolgungsjagd durch die Adler beendet war und Azog ohnehin kurz darauf nach Dol Guldur geschickt wird. Später kann dann Bolg problemlos am anderen Ende des Düsterwalds auftauchen und in Seestadt auf den Dächern tanzen, wo doch die Zwerge große Strapazen durchstehen mussten, durch den Wald und in die Seestadt zu gelangen.

Sehr stimmungsvoll hingegen waren die Spinnen! Die Szene hatte im Gegensatz zu vielen anderen PJ-Actioneinlagen ein gutes Gespür für Timing. Zudem sahen die Spinnen auch noch hervorragend aus – in Sachen Ekelfaktor stellen sie selbst Kankra problemlos in den Schatten und lassen die Szene wirklich unheimlich werden. Dass Bilbo nicht nur Hauptakteur der Szene ist, sondern dies auch mit der beginnenden Wirkung des Rings verbunden wurde und er kurzfristig zum brutalen Babyspinnenmörder mutiert, gehört vermutlich zu den am besten inszenierten Momenten des Films. Hier zeigt sich, dass PJ doch noch gelungene Atmosphäre mit Action und Spannung verbinden kann.



Design und Visualität

Während ich einige Designs des ersten Teils ziemlich misslungen fand, gefällt mir vieles im zweiten Film recht gut. Die mongolisch angehauchte, vereiste Seestadt fügt sich hervorragend in die Jackson-Mittelerde-Optik ein, ohne etwas aus den Ringe-Filmen zu kopieren (auch wenn Seestadt etwas widersprüchlich zum mediterran aussehenden Thal nebenan wirkt). Auch Dol Guldur und der Erebor konnten mich diesmal entgegen ihrer kurzen Auftritte in Teil 1 designtechnisch überzeugen.

Ich muss hingegen zugeben, dass es mir einige Zwergendesigns auch im zweiten Film noch schwer machen, mit den Figuren zu fühlen, da sie für mich einfach nicht nach Mittelerde passen. Hier herrscht im Gegensatz zum HdR-Realismus teilweise Comiclook. In diese Kategorie gehört auch Beorn, bei dem das Team wirklich völlig versagt hat: Während er in Tiergestalt immerhin einem Riesenfaultier gleicht und ich mich gefragt habe, wo Bilbo denn einen Bären gesehen haben will (warum nicht dieses schlichte ursprüngliche Design?), ist seine oberkörperrasierte 80er-Jahre-Werwolf-Gestalt hingegen wirklich misslungen. „Teen Wolf“ lässt grüßen.

Der artifizielle Look bleibt

Positiv zu bemerken ist jedoch, dass das CGI deutlich besser als in Teil 1 aussieht. Trotzdem gilt auch hier weiterhin das Problem, dass der Film seinen artifiziellen Look nicht verbergen kann und obwohl mich viele CGI-Orte wie das Innere des Erebors überzeugt haben, hinken selbst die besten Animationen den großartigen Miniaturen und aufwändigen Außensets der Ring-Trilogie hinterher.

So sehr ich das Seestadt-Design mochte, wäre eine tatsächlich auf einem See gebaute Stadt à la Edoras noch um einiges eindrucksvoller gewesen als diese Mischung der (tollen) Studiosets und Bluescreen. So bleibt auch Thranduils Thronsaal nur ein interessantes Design, das leider ziemlich unecht aussieht. Immer, wenn mal eine echte Landschaftsaufnahme vorbeischaut (auffällig z. B. als Gandalf zu den Nazgulgräbern klettert), erinnert man sich schmerzlich daran, dass im HdR noch die meiste Zeit in realen Landschaften gedreht wurde.

Die HFR-3D-Version hat das viele CGI meiner Meinung nach erneut besser verschleiern können als die 2D-Version, auch fand ich das HFR generell nicht so störend wie beim Vorgänger (vielleicht aber auch einfach, da man nun EuR als Referenz nimmt und weniger HdR). Ich bevorzuge dennoch das Old-school-24fps-2D. Ohne aufdringliche Riesenhummeln.



Bolg: Oh nein, er hat es erneut getan!

Sehr ärgerlich ist auch die Tatsache, dass PJ erneut kurzfristig einen Oberork in den Film integriert hat. Während im Trailer noch Azog die Zwerge verfolgt (siehe hier), tut dies im Film nun Bolg. Allerdings nicht der ursprüngliche von Conan Stevens gespielte Bolg, dessen cooles Design schon seit Jahren im Internet ist (siehe hier), sondern PJ scheint wie bei Azog kurzfristig entschieden zu haben, den Ork komplett neu zu animieren (neuer Bolg / Vergleich: alter/neuer Azog, alter/neuer Bolg). Und somit wird Bolg zum Azog dieses Films: Er sieht unecht aus, trägt nichts zur Handlung bei und nervt mit jedem Auftritt. Ärgerlich und unnötig. Immer dann, wenn sich mal ein paar Orks mit Maske ohne CGI-Gesicht ins Bild verirren, werden die Verfolger gleich ein wenig haptischer und man ärgert sich, dass PJ neben den Miniaturen auch die Masken weitestgehend durch Animationen ersetzt hat.

Das Hin-und-her-Geschiebe der Oberorks und ihrer Rolle in der Handlung scheint erneut der späten Entscheidung verschuldet zu sein, aus dem bereits gedrehten Zweiteiler-Material einen Dreiteiler zu machen. Trotz längerer Vorarbeitszeit wirken sie ziemlich unausgegoren. Auch die Szene, in der Gandalf in Dol Guldur auf Thrain trifft, ist erneut gestrichen worden. Einige aus Trailern bekannte Einstellungen davon kamen im Film vor (siehe hier) – nur ohne Thrain. Dafür bekommt Gandalf an dieser Stelle jetzt von Azog eins übergezogen, kann ihm irgendwie aber schnell entkommen und kloppt sich dann mit Sauron. Dieser Flickenteppich lässt die einzelnen Szenen nicht gerade besonders durchdacht, sondern eher beliebig zusammengeschustert wirken (gute Übersicht der merkwürdigen Rollen- und Schauspielerwechsel von Azog und Bolg: siehe hier).

2/3 des Films sind frei erfunden

Generell ist der Buchanteil des Films ziemlich gering. Buchliebhaber werden sich vermutlich umso mehr ärgern, dass die Szenen des Buches kaum ausgebaut wurden, sondern teilweise schnell abgehandelt (Beorn, Düsterwald) und dafür gänzlich neue Handlungsstränge entworfen werden. Was mich – im Gegensatz zu einigen Buchpuristen – grundsätzlich sogar freut, da PJ so die Möglichkeit hatte, aus der einfachen Kindergeschichte einen komplexen Film zu machen.

Nur leider hinterlässt der Film das Gefühl, dass Peter Jackson und sein Autorenteam es nicht mehr schaffen, kluge Szenen und Dialoge zu schreiben (oder ist dies ebenfalls der späten Dreiteilung verschuldet?). Während sich im HdR fast alle Szenen – auch die ausgedachten, die nicht im Buch stehen – nahtlos in die Mittelerdewelt integriert haben, blieben die meisten Dialoge und neu ausgedachten Handlungsstränge in „Smaugs Einöde“ enttäuschend oberflächlich.

Auch viele wenig subtile Anspielungen auf den HdR wirken wenig gekonnt, sondern unnötig: Im Gegensatz zu EuR beschränkten sich diese in erster Linie auf wiederholte Formulierungen wie „It never ceases to amaze me: the courage of Hobbits”, “It’s not natural, none of it”, „Ishkhaqwi ai durugnul“, “It is our fight, are we not part of this world?” etc.



Legolas wird zum Prequel-Jedi-Ritter

Dass Legolas in die Geschichte geschrieben wurde, obwohl er im Buch nicht vorkommt, finde ich prinzipiell gut, um eine sinnvolle Brücke zum HdR zu schlagen – schließlich geht es um seine Heimat und seinen Vater Thranduil. Nur leider zeigt sich erneut, dass PJ und Co. anscheinend nicht so recht wissen, wie sie etwas Sinnvolles mit den Figuren machen sollen. So bleibt Legolas kaum mehr als ein stierender Poser.

Er und die Elben generell werden in „Smaugs Einöde“ zu überdurchchoreografierten, unantastbaren Alleskönnern – und damit langweilig. Peter Jackson macht mit ihnen den gleichen Fehler, den George Lucas mit den Jedi-Rittern in der Star-Wars-Prequel-Trilogie gemacht hat: Während Elben und Jedis in der HdR- bzw. der alten Star-Wars-Trilogie durch selten gezeigtes übermenschliches Können cool waren, springen nun beide pausenlos und gerne auch mal künstlich-animiert aussehend durch die Vorgeschichten, was ihren Reiz zerstört. Weniger ist oft mehr.

Obwohl der Film laut Jackson die Vater-Sohn-Beziehungen thematisieren sollte, ist dies nicht der Fall: Legolas hat viel Screentime, darf aber nur eine Actioneinlage nach der nächsten liefern oder Tauriel hinterherstarren. Interessante, neue Seiten an seiner Figur wie das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater? Fehlanzeige. Hinzu kommen das krasse digitale Facelifting (was beim alten Bilbo in EuR schon schrecklich in die Hose gegangen ist) und viel zu helle Kontaktlinsen, was ihn komplett ausdruckslos und kalt wirken lässt.

Frauenquoten-Tauriel für ein Liebesdreieck

Gleiches trifft auf das Quotenmädel Tauriel zu. Generell hat es mich nie gestört, dass man eine Frauenfigur erfindet, um das weibliche Geschlecht in dieser reinen Männergeschichte vertreten zu lassen. Und Evangeline Lilly fand ich in „Lost“ immer klasse. Doch bereits ihr Design erinnert durch die rote, lange Perücke und die überdimensionierten Ohren eher an eine Fantasyconvention als an einen um Authentizität bemühten Mittelerdefilm.

Aber wirklich traurig ist, dass man auch mit ihr nicht mehr anzufangen wusste als „Hm, ist ne Frau, die müssen heutzutage ja auch emanzipiert sein – dann ist das halt so ne Ultrakämpferin und – ach egal, geben wir der mal trotzdem nur eine hanebüchene Lovestory. Oder noch besser: Love-Triangle!“. Und damit wurde der geschlechterfreundliche Ansatz auch gleich wieder ruiniert. Die Liebesstory zwischen ihr und dem „hot dwarf“ widerspricht nicht nur allem, was Tolkien kreiert hat, sondern ist einfach total unglaubwürdig und gipfelt in der vollkommen unlogischen Heilungsszene (MORGUL-Pfeil?! Hat auf einmal jeder x-beliebige Ork und kann nun mal schnell mit Athelas geheilt werden?), die auf Teufel komm raus „Die Gefährten“ wiederspiegeln soll und damit Frodos Wunde im HdR ad absurdum führt.

Hinzu kommt leider, dass Evangeline Lilly die Rolle auch noch ziemlich hibbelig spielt und weniger wie eine erhabene Elbin, sondern mehr wie ein unausgeglichenes Etwas mit sexueller Vorliebe für verfeindete Völker wirkt. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, sie zu mögen, aber es hat nicht geklappt.



Was geht da ab mit Sauron?

Ebenfalls ein wenig unbefriedigt hinterlässt mich auch die Entscheidung, Sauron und Azogs Rache zusammenzuführen und Sauron als übermächtig in Szene zu setzen, der Gandalf problemlos plattmacht. Der Kampf Gandalf vs. Sauron wurde immerhin relativ simpel gehalten und beschränkte sich auf Licht vs. Dunkelheit – ich hatte schon ein Effektfest à la Dumbledore vs. Voldemort befürchtet. Der Kampf an sich gefiel mir sogar recht gut. Inwiefern tatsächlich in diesem Kampf der zwei Maiar der noch schwache Sauron gegen Gandalf gewinnen würde, lasse ich mal lieber in Tolkienforen diskutieren.

Aber aus dem „Hobbit“ ein zweites „Herr der Ringe“ zu machen, in dem Sauron nicht als noch schwaches, sich versteckendes Wesen vorkommt, sondern als mächtige Präsens, die bereits eine große Armee besitzt und aktiver in Szene tritt als in der gesamten Ring-Trilogie, war ein wenig zu dick aufgetragen für meinen Geschmack. Und irgendwie wissen auch noch alle davon: Orks, Waldelben und selbst Smaug deutet (warum auch immer) sowas an. Ich blicke ein wenig mit Sorge auf Teil 3 mit dem Aufeinandertreffen des Weißen Rates und Sauron und bin gespannt, wie sie die 60 Jahre zwischen „Hobbit“ und „Die Gefährten“ erklären wollen.

Eine rein psychische Darstellung des Nekromanten hätte mir mehr zugesagt, weshalb ich dieses Auge-in-Auge-in-Auge sogar ganz gelungen fand. Meiner Meinung nach hätte man auch länger damit spielen können, das unklar ist, was in Dol Guldur haust, und wie im Buch z. B. erstmal einen Ringgeist vermuten zu lassen; vielleicht den Hexenkönig. Aber PJ liebt den Holzhammer: dickes Auge, Sauron-Silhouette und Gandalf muss auch noch „Sauron!“ schreien. Wo sind eigentlich die vielversprochenen Nazgul? Warum hat man Gandalf nicht gegen die kämpfen lassen?

Die Musik bleibt im Hintergrund

Auch liefert Komponist Howard Shore nur durchschnittliche Kost ab. Seine Musik läuft kontinuierlich im Hintergrund, ohne wirklich bemerkbar zu sein. Bis auf das passable Seestadt-Thema, die Erebor-Melodie oder die Chöre in den Nazgulgräbern gibt es kaum Momente, in denen die Musik wirklich auffällt. Schade, da Shores Arbeit im HdR große Höhepunkte alleine durch die Musik geschaffen hat. Aber wer von Shore in Film1 enttäuscht war und wie ich gehofft hatte, dass er mit Film 2 für das Waldlandreich, Seestadt, Smaug, Bard etc. wieder einprägsame Themen im HdR-Stil komponiert, wird vermutlich enttäuscht werden.



Synchronisation

HdR ist für mich ein Paradebeispiel für perfekte Synchronisation – sowohl die Stimmen als auch die Texte passten. Im „Hobbit“ ist dies hingegen nicht mehr der Fall. Während Smaugs Synchronisation zwar nicht an Cumberbatch heranreicht, aber dennoch gut funktioniert, hat man Thranduil eine sehr langweilige Stimme verpasst, die der großartigen, erhaben-heuchlerischen Stimme von Lee Pace überhaupt nicht entspricht. Auch Beorns Christian-Bale/Johnny-Depp-Synchro ist unpassend. Dass auch Gandalf und Bilbo im Original um eines besser wirken, ist bereits bekannt. Wenn möglich, im Originalton gucken!

Ein Cliffhanger in Mittelerde?

Ich fand es immer ziemlich beeindruckend, wie PJ „Die zwei Türme“ als mittleren Trilogieteil in sich absolut stimmig und in allen Handlungssträngen abgeschlossen adaptieren konnte. Die Entscheidung, alle Höhepunkte der „Hobbit“-Geschichte nun in Film 3 zu verlegen und den zweiten Film mit krassem Cliffhanger enden zu lassen, passt nun kaum zu den anderen Filmen. Ich hätte stattdessen dem Film mit Smaugs Angriff auf Seesstadt ein rundes Ende verpasst – zumal sein plötzlicher Gesinnungswandel, wegzufliegen, ziemlich konstruiert scheint.

Blick in die Zukunft: Extended Edition und „Hobbit 3“

Trotz all der Kritik ist der Film dennoch stimmiger als sein Vorgänger. Da einen im „Hobbit“-Finale „Hin und zurück“ wohl in erster Linie nur noch ein gigantisches Schlachtenpanorama geboten wird (Smaugs Angriff auf Seestadt, Kampf zwischen Weißem Rat und Sauron, Schlacht der fünf Heere), hatte ich nach dem enttäuschenden EuR alle Hoffnungen in „Smaugs Einöde“ gesteckt. Nun hoffe ich auf die Extended Edition, die – im Gegensatz zur SEE von EuR – diesmal wirklich eine Bereicherung werden könnte, wenn sie einige ruhige Charaktermomente nachgeliefert. Gespannt bin ich nach wie vor, wie das Thrain-Rätsel um Karte und Schlüssel gelöst wird (kommt angeblich in der SEE), Beorn und Thranduil werden mehr Szenen bekommen und auch bin ich gespannt auf die anscheinend aus der Kinoversion geschnittene Szene mit dem zerstörten, verschneiten Thal.



Fazit

Peter Jackson setzt mit diesem Film viele richtige Akzente in Richtung Ring-Trilogie: Düsterer, weniger Humor, mehrsträngige Geschichte. Leider schafft er es trotz dieser Herangehensweise kaum, Komplexität zu erzeugen. Zu flach bleiben neu ausgedachte Figuren und Handlungsstränge. Auch merkt man dem Film erneut seine Künstlichkeit an, auch wenn das viele CGI immerhin besser aussieht als im Vorgänger. Trotzdem vermisst man nach wie vor reale Außensets und Miniaturen. „Smaugs Einöde“ ist temporeich, kurzweilig und unterhält, ohne dass man dauernd die Hände über dem Kopf zusammenschlagen muss wie in „Eine unerwartete Reise“. Gemessen an „Herr der Ringe“ ist oberflächliche Actionunterhaltung allerdings ein bisschen zu wenig. Mal schauen, was uns in „Hin und zurück“ erwartet.

Filmdetails

Start (DE): 12.12.2013 / Länge: 161 min / FSK: 12 / Originaltitel: The Hobbit: The Desolation of Smaug / Regie: Peter Jackson / Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro / Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Orlando Bloom, Evangeline Lilly, Benedict Cumberbatch, Lee Pace, Luke Evans, Aidan Turner, Stephen Fry, Sylvester McCoy, Cate Blanchett

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9 Kommentare

  1. Ich stimme mit der Kritik in weiten Teilen überein. In Smaugs Design wurde viel Potetial verschenkt, trotzdem ist er aber gelungen. Ich persönlich mag Bolg nicht, da Jackson schon Azog als Antagonisten eingeführt hat, der im zweiten Teil auf der Strecke bleibt und auch ein im Trailer geteaserter Auftritt in Düsterwald bleibt aus. An Azog selbst störe ich mich allerdings nicht so. Was mich storytechnisch am meisten stört, ist das fehlen von Bilbos Schlüsselfunktion an Smaugs Tod. Im Buch ist er es, der die Schwachstelle entdeckt und ohne ihn hätte Bard nie davon erfahren. Auch finde ich die Schwarze-Pfeil-Geschichte maßlos überzogen. In Bezug auf Special Effects muss ich sagen, dass der Film beeindruckend die heutigen Möglichkeiten demonstriert, abgesehen vom schmelzenden Gold, was unglaublich unecht und nahezu ungerandert aussah.
    Zusammenfassend finde ich den Film besser als den Vorgänger, doch dürfen wir finde ich nicht vergessen, dass er auf einem Kinderbuch basiert und daraus einen „Erwachsenenfilm“ zu machen ist eigentlich unmöglich, das hat bei Harry Potter schon nicht geklappt.

  2. Diese beiden Hobbitfilme waren bisher zwei der besten Beispiele dafür, dass sich die Zeiten nunmal geändert haben. Es fehlt an Herzblut, undzwar an nahezu allen Stellen.

  3. Peter Jackson hat nun bekannt gegeben, dass die Extended Edition von Teil 2 ganze 25 Minuten länger als die Kinoversion sein weird.

    Außerdem wird der Titel von Film 3 nicht mehr „The Hobbit: There and Back Again“ heißen, sondern nun „The Hobbit: The Battle of the Five Armies“. Der alte Titel hätte gut zum ursprünglich geplanten Zweiteiler gepasst, aber zu Film drei nicht mehr, da Bilbo schon lange „there“ ist.

  4. Die filme sollen unterhalten und das tun sie auch. Aus einem kurzen Kinderbuch ein dreiteiliges Epos zu machen fordert eine Menge Fantasie. Alles hinterfragen und kleinreden zeugt von einem Mangel an eben jener.

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