„Feuchtgebiete“ – Hygiene wird bei Helen kleingeschrieben

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„Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen.“ Die gleich zu Filmbeginn formulierte Kernaussage lässt sich direkt auf Charlotte Roches Bestseller sowie seine Verfilmung übertragen: Die Zuschauer wissen, was sie erwartet – wer sich darauf nicht einlassen will, muss den Film gar nicht erst gucken. Dabei überrascht, wie es Regisseur David Wnendt gelingt, durch inszenatorische Kniffe und Stilisierung den Tabubruch-Film nicht zum reinen Ekelbüffet verkommen zu lassen; auch Hauptdarstellerin Carla Juri erweist sich als Volltreffer für ihre polarisierende, in der Popkultur angekommene Kultfigur, sodass die Verfilmung als durchaus gelungen bezeichnet werden kann.

Inhalt

Die 18-jährige Helen Memel (Carla Juri) sieht Hygiene überbewertet. Durch freies Aussprechen gesellschaftlicher Tabus provoziert sie gerne mal ihr Umfeld. Als sie sich bei der Intimrasur eine Analfissur zuzieht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie wegen ihrer Offenheit auffällt. Damit sieht sie die Chance gekommen, ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenzubringen. Sie lässt einige Episoden ihres Lebens Revue passieren, außerdem entwickeln sich zwischen ihr und Pfleger Robin (Christoph Letkowski) immer mehr Gefühle …

Rezension

Auch wenn man (wie ich) die Vorlage nicht gelesen hat, sollte der ungefähre Inhalt durch den großen Medienrummel über dieses „Skandalbuch“ bekannt sein. Provokant, ekelhaft, überzogen, tabulos, freizügig, offensiv, direkt – die Attribute, die man dem Buch zugeschrieben hat, treffen sicherlich auch auf den Film zu. Der Roman lässt bereits kein Körpersekret aus: Von spermabesamter Pizza, Tamponwechsel mit Freundin oder Muschireiben auf dem wohl widerlichsten öffentlichen Klo der Welt ist so ziemlich alles dabei, was bei manchen die Würgreflexe spielen lässt. Kaum eine Körperausscheidung wird nicht von Helen abgelutscht.

Und Regisseur David Wnendt setzt unvoreingenommen selbst die ekligsten Momente konsequent und buchgetreu um und kneift lobenswerter Weise nicht. Zu Beginn macht er mit besagter Toilettenszene dem Ekelruf des Buches alle Ehre, verzichtet den Rest des Films trotz zahlreicher Gelegenheiten aber auf die reine Reduzierung der Geschichte auf Ekeldarstellung und verharmlost das Geschehen durch eine Hochglanzvisualität, Ironie und ein wenig Humor; trotz großer Freizügigkeit (man sieht für Sekundenbruchteile sogar erigierte Penisse, was im Gegensatz zum weiblichen Genital sonst absolutes Filmtabu ist). So wirkt der Film nie wirklich niveaulos und ambitioniert.

Die stilistisch eher zweifelhafte Buchvorlage weicht somit einer handwerklich sehr guten und einfallsreichen Filmästhetik, die durch Zeitlupen, Splitscreens, visualisierten Tagträumen und animierten Mikroorganismen mit allen erdenklichen Mitteln versucht, dem Film Pep und Witz zu verleihen. Das gelingt manchmal ganz gut, aber wirklich flott wird der Film trotz dieser Versuche nicht.

Bemerkenswerter Weise schafft es Carla Juri, ihrer weitgehend egozentrischen Figur allen Ekeleskapaden zum Trotz Sympathie zuzugestehen und spielt die Rolle hervorragend. Dass sie eigentlich ca. 10 Jahre zu alt dafür ist, kann man somit verschmerzen. Dass die Schweizerin nicht in der Lage scheint, deutsche Sätze vernünftig zu betonen, ist dann allerdings doch ein wenig störend. Gerade ihre wie auswendig gelernt aufgesagten versauten Provokationen im Off-Kommentar klingen so ein wenig befremdlich.

Auch die anderen Darsteller, von Pfleger Robin bis zu Helens Eltern, spielen natürlich, bemüht und glaubhaft. Somit ist der Film schonmal deutlich bodenständiger als z. B. der völlig vermurkste „Vollidiot“. Der Regisseur versucht, die Figuren ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Aber bei allem Bemühen geben die Figuren so wirklich viel dann nunmal doch nicht her, sodass 90 Minuten Laufzeit wohl besser gewesen wären; im Verlauf des Films nutzt sich die Geschichte immer mehr ab.

Ohne zu tief in die bereits vielfach geführte Diskussion über Buch-/Filminhalt vorzudringen: Auch wenn man dem Buch vieles vorwerfen kann – mies geschrieben, berechnend provokant als Bestseller konzipiert, in der ganzen Muschisaft-/Penis-/Kotz-Thematik zu niveaulos etc. – so ist Charlotte Roches Grundanliegen, nämlich mehr Natürlichkeit und weniger Gesellschaftstabus, durchaus anzuerkennen. So lädt auch der Film dazu ein, sich seines eigenen Körpers bewusster zu werden und einen gesellschaftlichen Diskurs über all die natürlichen Funktionen des menschlichen Körpers zu ermöglichen.

In dieser Hinsicht bestehen in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft nämlich jede Menge Tabus. Man fragt sich, wie der Mensch derart verklemmt werden konnte, dass Toiletten in Japan mit künstlichen Wasserfallgeräuschen das eigene Pinkeln übertönen sollen und 100 Knöpfe für allerlei pseudohygienischen Firlefanz besitzen; oder dass Haare – insbesondere zwischen den Beinen – auch in unserem Kulturkreis immer mehr als regelrecht widerlich und unsauber angesehen werden. Dass die Römer in öffentlichen Toiletten wie selbstverständlich ohne Trennwände nebeneinander saßen, scheint uns kaum denkbar (an dieser Stelle einen Gruß ans Sotschi-Klo).

Bekommt man mit Helen Memel nun eine aufgeklärte Teenager-Identifikationsfigur, die zur biederen, erzkonservativen „Twilight“-Bella einen Gegenpol anbietet? Irgendwo sicherlich, und alleine deshalb sind Buch/Film trotz aller Mängel nicht nur Schrott. Doch leider ist auch Helen letztlich kaum emanzipierter als ihre Konkurrenten. Obwohl ich es mutig fand, dass sie sterilisiert ist, ist sie nicht nur direkt und offen, sondern schlichtweg rücksichtslos, um wirklich Vorbild sein zu können. Auch träumt sie dann doch wieder von spießiger Familienidylle, was ihrem frechen, aufgeklärten Ansatz entgegenläuft. Dennoch hat mich positiv überrascht, dass trotz Kuss im Regen auch zum Schluss weitgehend auf den von mir befürchteten richtig dick aufgetragenen Kitsch verzichtet wird. Sowohl die Lovestory als auch das Drama um die vermeintliche Elternzusammenführung bleiben halbwegs bodenständig und werden nicht groß ausgewalzt.

Der Film macht aus der Buchvorlage sicherlich das Beste und findet einen angemessenen Stil, der weder zu platt ist noch zu sehr Richtung Comedy abdriftet. Ist er deshalb sehenswert? Nicht unbedingt. Wie das Buch stößt er sicherlich die Debatte um gesellschaftliche Tabus des menschlichen Körpers an, was nicht das Schlechteste ist. Wenn man den Film guckt, kann man auf die miserable Schreibweise des Buchs verzichten, bekommt dafür einiges Unangenehmes visualisiert. Wenn man da zartbesaitet ist, sollte man den Film lieber nicht gucken. Wer das Ganze total großartig findet: Charlotte Roches zweites Buch „Schoßgebete“ kommt bereits am 18.09.2014 in die Kinos.

Fazit

Der Film stellt eine ideale Verfilmung des Buches dar und wird ihm in allen umstrittenen Aspekten gerecht. Muss man wohl trotzdem nicht sehen; die von Buch/Film angestoßenen Debatten sind weitaus interessanter. Kann man aber trotzdem machen, da er trotz jeder Menge provokantem Rumgespiele an Körpersekreten aller Art durch die stilisierte und ironische Inszenierung einiges wieder abschwächt. Carla Juri spielt hervorragend, sollte aber vielleicht ein wenig sprechen üben. Dennoch nichts für Leute mit schwachen Nerven und niedriger Ekelschwelle!

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