„The Witch“ – Toller Indie-Horror mit verstörender Atmosphäre

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Das Indie-Horror-Drama „The Witch“ bietet keinen plumpen Grusel-Schocker, sondern einen langsamen düster-atmosphärischen Albtraum im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Die übernatürlichen Elemente des dunklen Waldes halten zwar die Siedlerfamilie wie die Zuschauer gleichermaßen in Schrecken, der Horror entsteht allerdings eher durch das streng ausgelegte Christentum der Familie, was die Familienmitglieder aus Angst vor dem Satan zermürbt. Die Geschichte um eine böse Hexe im nahen Wald ist wenig komplex, die angeschnittenen Themen um Schuld, Fanatismus und das Böse jedoch durchaus. Kameraführung, Schnitt und die Soundkulisse sind dabei wirklich überragend! Lange gab es keinen Film, der eine derart verstörende Atmosphäre erzeugen konnte.

Inhalt

Im Neuengland 1630 wird das Siedlerehepaar William (Ralph Ineson) und Katherine (Kate Dickie) aufgrund ihrer strengen Auslegung des Christentums dazu genötigt, isoliert in der Neuen Welt am Rande eines Waldes mit ihren fünf Kindern ein neues Leben zu beginnen. Doch schon bald muss Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) erleben, wie im Wald das jüngste Kind entführt wird. Eine Hexe scheint ihr Unwesen zu treiben. Die unheimlichen Ereignisse häufen sich immer mehr, sodass die Familie bald aus Misstrauen, Angst und Verlust verstört zurückgelassen wird und befürchtet, Familienmitglieder seien besessen und für die teuflischen Taten mitverantwortlich …

Review

Dass es sich bei „The Witch“ um das Spielfilmdebüt von Regisseur Robert Eggers handelt, kann man kaum glauben angesichts der regelrecht virtuosen Inszenierung, die den Film erst wirklich sehenswert macht.

Denn die größte Stärke liegt in der audiovisuellen Inszenierung. Der Film setzt dabei nicht auf plumpe Jump Scares, sondern die intensive, unheimliche Atmosphäre entsteht durch Suspense und die psychologischen Entwicklungen innerhalb der Familie. Bildkompositionen, Kamerabewegung, Schnitte, Geräuschkulisse und Farbgebung führen zu einem fantastischen Seherlebnis, das seine düstere Geschichte unheimlich-brilliant einfängt.

Der Film ist leider falsch beworden worden als typischer 08/15-Hexen-Horrorstreifen, weshalb einige Zuschauer enttäuscht aus dem Kino gegangen sind. Doch den Shyamalan-Filmen (insbesondere „The Village“) nicht unähnlich, bietet „The Witch“ etwas ganz anderes – deutlich mehr Psychodrama und eine spannungsgeladene, langsame Erzählstruktur, die eine dichte und bedrohliche Atmosphäre aufbaut, die seinesgleichen sucht.

Doch der Film bietet mehr als unheilsvolle Stimmung. Auch das Setting ist faszinierned und durch die wirklich guten schauspielerischen Leistungen, insbesondere von den beiden aus „Game of Thrones“ bekannten Darstellern Ralph Ineson und Kate Dickie, aber ebenso Newcomerin Anya Taylor-Joy, wird es glaubhaft.

Der Film schafft es wie kein anderer, so akkurat wie möglich das karge, koloniale Leben darzustellen, wodurch er sich von anderen Genrevertretern stark abhebt und seine ganz eigene Stimmung bekommt. Der englische Untertitel „A New-England Folktale“ ist Programm. Die Schauspieler sprechen sogar durchgehend im Englisch des 17. Jahrhunderts (unbedingt im englischen Originalton anschauen!). Die Dialoge und Gebete sind zeitgenössischen Texten nachempfunden und Eggers hat sogar mit Historikern zusammen die Darstellung des kolonialen Lebens der Familie entwickelt und prüfen lassen. Die letztlich dadurch erlangte Authentizität ist beeindruckend!

Und umso mehr verstörend, dass die wahnhaften Dialoge der Familienmitglieder über Zweifel, Glaube, Sünde und Satan weitgehend realen Dokumenten entnommen sind. Es ist eher ein psychologisches Drama mit surrealen Elementen, das sich auf unheimliche Weise mit dem harten Leben in einer düsteren Zeit beschäftigt, und dabei eindrucksvoll aufzeigt, dass die wörtlich genommene Bibel und der strenge, christliche Glaube mit seinem (euphemistisch ausgedrückt) ambivalenten Verhältnis zu Frauen trotz Hoffnung auf eine bessere Welt nach dem Tod nicht die Lösung ist.

Denn auch wenn im Film – anscheinend zumindest – der Satan tatsächlich am Werk ist und in diesem Kontext die christliche Lehre vielleicht tatsächlich wörtlich interpretiert werden dürfte, zeigt der Film den Fanatismus der Familie mit all seinen Schrecken und fürchterlichen Auswirkungen. Da müssen die Kinder auch vor dem Frühstück beten, dass sie durch Adams Sünde in Frevel geboren worden sind und dies lebenslänglich mit sich tragen. Ganz zu schweigen von den in der Pubertät aufkommenden Problemen durch sündiges sexuelle Interesse. Dieses finstere Leben war von Aberglauben und religiösen Überzeugungen bestimmt, während eigenständiges, kreatives und freiheitliches Denken für die Lebenswelt kaum Bedeutung besessen hat.

Der Film bietet also über den reinen Unterhaltungsgrusel hinaus durchaus Ansatzpunkte für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Bösen. Der wirkliche Schrecken geht nicht von den übernatürlichen Elementen im Film aus, sondern von der Familie selbst: Intoleranz, Isolation und Fanatismus spielen dabei eine ebenso interessante Rolle wie das alteingesessene Übel durch die fruchtbare Frau (= Hexe), welche als Handlager des Satans verteufelt worden ist.

Trotz frühem Auftritt einer Hexe spielt der Film dabei mit der Frage nach Realität. Lauert im Wald wirklich eine Hexe? Treibt der Satan wirklich sein Unwesen? Halluzinationen oder Realität? Wer ist besessen? Wem ist zu trauen?

Insgesamt bietet der Film ein besonderes und intensives Filmerlebnis. Es ist kein Popcorn-Horror für zwischendurch, sondern durchaus harte Kost, die nachwirkt. Selten hat man sich so vor Ziegen und Hasen gefürchtet. Nicht umsonst wird in Horror-Insiderkreisen „The Witch“ wie auch die neue ikonische Ziege ‚Black Phillip‘ gefeiert.

Fazit

Der Film ist ein klarer Geheimtipp für Fans von anspruchsvollem Horror à la „Babadook„. Böse Kräfte sind am Werk, aber diese liegen eher in den menschlichen Abgründen als im Überirdischen. Das historisch authentisch dargestellte Setting mit den angeschnittenen menschlichen Tiefen sowie die langsame, atmosphärisch dichte Inszenierung führen dazu, dass man den Film so schnell nicht verdaut.

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