„Gladbeck“ – Erschreckend realistische Umsetzung!

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Es gibt Kriminalfälle, die Spuren hinterlassen und sich ins Gedächtnis einbrennen. Ich war damals 1988 fast elf Jahre alt, als Rösner und Degowski die Deutsche Bank in Gladbeck überfielen und danach eine der absurdesten Geiselnahmen in der deutschen Geschichte durchführten. 30 Jahre später widmet man sich nun in einem TV-Zweiteiler, der unlängst auch schon auf DVD und Blu-ray erschienen ist, den bis heute unglaublichen Ereignissen. Gerade, wenn man sich im Anschluss die zugehörige Dokumentation anschaut, wird einem nicht nur klar, wie detailgetreu und minutiös recherchiert die Filmemacher ans Werk gegangen sind, es wird einem außerdem auf erschreckende Weise vor Augen geführt, wie chaotisch und fehlerhaft die Polizei damals vorging und warum die schreckliche Ereignisse gar nicht so weit hätten gehen müssen. Ebenso zeigt der Film die absolut verantwortlunglose Vorgehensweise der Presse, die den Entführern ein öffentliches Forum boten und gleichzeitig die Geiseln mehrfach in Gefahr brachten..

Inhalt

Als am 16. August 1988 Dieter Degowski (Alexander Scheer) und Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak) die Deutsche Bank in Gladbeck überfallen und zwei Angestellte als Geiseln nehmen, will die Polizei das Leben der Geiseln nicht gefährden und lässt die beiden Bankräuber samt Geiseln und Lösegeld im Auto entkommen. Man bleibt ihnen zwar auf den Fersen, doch zahlreiche Versäumnisse bei der Polizei und das immer weiter aufkommende Medieninteresse sorgen dafür, dass die Entführung sich immer weiter zuspitzt.

Review

Wenn man den sowohl dramaturgisch als auch optisch gelungenen Zweiteiler ansieht, kann man kaum glauben, was man da sieht. Der Fall hat sich zwar ins Gehirn eingebrannt, aber auf Basis aktuellster Erkenntnisse so detailliert vor Augen geführt zu bekommen, was damals passierte, raubt einem dann doch den Atem und erwischt einen an vielen Stellen eiskalt und lässt einen gleichzeitig wütend und kopfschüttelnd zurück. Die Gladbeck-Entführung stellt ein Verbrechen dar, wie es in Deutschland kein zweites gegeben hat, vielleicht auch gerade deshalb, weil die Polizei und die Presse, die 1988 ganz offensichtlich überhaupt nicht auf so eine Situation vorbereitet waren, letztendlich aus ihrem Versagen Lehren ziehen mussten.

Regisseur Kilian Riedhof und seinem Filmteam gebührt ganz eindeutig der Respekt, dass er zwar durchaus spannend und mitreißend die Ereignisse wiedergibt, aber trotzdem versucht, möglichst sachlich und ohne übertriebene Wertung die Ereignisse wiederzugeben. Man hat versucht, jedes Detail so originalgetreu wie möglich wiederzugeben, das wird einem gerade im Vergleich mit den Originalaufnahmen deutlich. Die Darsteller sehen den echten Personen extrem ähnlich, aufgrund der Masse an Bild- und Tonmaterial war es zudem möglich, die Entwicklungen der schrecklichen drei Tage so nah wie möglich an der Realität wiederzugeben. Man sollte die Dokumentation unbedingt am Ende sehen, die Verfilmung erwischt einen am meisten, wenn man eben nur seine spärlichen Erinnerungen hat und einem das Ausmaß der Ereignisse erst während das Anschauens (wieder) bewusst werden.

Man kann es einfach nicht glauben, mit welcher Kaltblütigkeit die Entführer vorgingen, andererseits vermittelt der Film immer dann die schrecklichsten Gefühle, wenn einem wieder vor Augen geführt wird, wie die Polizei an Zuständigekeiten scheitert, Chancen zum Eingriff verstreichen lässt und wichtige Vorkehrungen wie das Absperren der Gefahrenzone und das Bereitstellen von Krankenwagen im Chaos einfach vergisst. Wenn auf der anderen Seite Vertreter der Presse wie Kumpels mit den brutalen Entführern sprechen, Bilder mit Waffe an der Schläfe der Geisel fordern und ins Auto steigen, um den Weg zur nächsten Autobahn zu zeigen, fällt einem ebenso die Kinnlade runter.

„Gladbeck“ ist ein tolles Zeitdokument, das ähnlich wie „Der Baader Meinhof Komplex“ die Möglichkeiten des Films nutzt, um ein deutsches Trauma möglichst realistisch wieder in die Köpfe der Menschen zu holen und gleichzeitig den aktuellen Stand der Hintergründe zu verdeutlichen. Dass es derzeit Kritik gibt, der Film würde zu reißerisch daher kommen, kann ich nicht nachvollziehen. „Gladbeck“ funktioniert zwar ganz klar auch als wirklich spannender Thriller, aber da jedem bewusst sei sollte, dass diese Dinge genauso passiert sind, der dürfte danach schon getroffen sein und sich sein eigenes Bild davon machen, ob nur die Terroristen allein für den Ausgang ihrer Taten verantwortlich waren, oder ob vielleicht Polizei und Presse nicht ganz unbeteiligt waren

Fazit

Die Ereignisse in Gladbeck im August 1988 stellen bis heute einen der brisantesten deutschen Kriminalfälle dar. In einem rundum gelungenen TV-Zweiteiler werden jetzt die damaligen Ereignisse, die Skrupellosigkeit der Entführer und gleichzeitig das unverzeihliche Vorgehen bei Polizei und Presse auf schockierend realistische Art und Weise rekonstruiert. Eine gelungene Umsetzung, die gleichzeitig als historisches Dokument und als spannender Krimi funktioniert.

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