„Die Bücherdiebin“ – Weichgezeichnete NS-Belanglosigkeit

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„What in Gottes Namen are you Saukerle doing here?“ – Das unfreiwillig komische Denglisch-Mischmasch im Originalton bringt den Kern dieser Bestsellerverfilmung ganz gut auf den Punkt: Es ist ein internationaler Blick auf Nazideutschland, der zwar um Authentizität und Tragik bemüht ist, aufgrund einer eher märchenhaften Atmosphäre aber verfremdet und unecht wirkt. Wenn man aus Deutschland kommt und sich somit mit der Materie immer wieder auch in Filmen auseinandergesetzt hat, bietet der Film kaum neue Herangehensweisen, sondern wirkt eher wie ein oberflächliches „Worst of“ der Nazi-Zeit.

Inhalt

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Die neunjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse) lebt während des Zweiten Weltkriegs im nationalsozialistischen Deutschland und wächst bei ihren Adoptiveltern Hans (Geoffrey Rush) und Rosa Hubermann (Emily Watson) auf. Dort freundet sie sich mit dem netten Nachbarsjungen (Nico Liersch) an und lernt in dieser düsteren Zeit das Lesen. Große Gefahr nimmt ihre Ziehfamilie auf sich, als sie den Juden Max (Ben Schnetzer) bei sich versteckt hält …

Rezension

Der Film hat keinen Verriss verdient. Er ist gut gespielt und stilvoll gefilmt. Auch für eine nur anteilig deutsche Produktion hat man sich Mühe bei der Ausstattung gegeben und alles Deutschgesprochene stammt auch tatsächlich von einem Muttersprachler. Auch versucht man immer wieder, deutsche Wörter und Akzente einzubauen. Er wirkt in dieser Hinsicht ambitioniert, was einem im Vergleich zu den vielen deutschen Verfilmungen aber eher nur ein müdes Lächeln abluchsen kann.

Als Deutscher sollte man sich auch unbedingt die Synchronisation angucken – das grauenhafte Englisch-Deutsch-Gemisch im Original ist kaum zu ertragen. Diese Zugeständnisse ans Ausland sind auch ansonsten kaum zu übersehen: Schilder auf der Straße dürfen noch deutsch sein, aber alles, was irgendwo angeschrieben wird, ist dann auf einmal wieder englisch. Auch die internationale Bücherauswahl kann ihre Herkunft als Zugeständnis kaum verbergen.

Der Film wirkt auch inhaltlich weitgehend belanglos. Da es sich um eine fiktive Geschichte handelt, berührt einen das Gesehene schon mal deutlich weniger als z. B. „Der Pianist“ oder „Schindlers Liste“. „Die Bücherdiebin“ wirkt wie ein Aufguss des Ganzen, ohne eigene Akzente setzen zu können. Viel geschieht eigentlich nicht: Mal verlässt einer das Haus, dann kommt einer wieder … alles bleibt recht ereignislos. Auch die titelgebenden Bücher haben keine wichtige Rolle für das Geschehen.

Und die fiktiven Figuren geben darüber hinaus eben leider auch nicht zu viel her, sondern sind auch eher Stereotypen wie der nette Hitler-hassende Junge von nebenan, die bösen Nazi-Jungen, der supernette Ziehvater, die bissige Ziehmutter mit weichem Kern und natürlich die engelsgleiche Hauptfigur, die nur die besten Seiten eines Bücherwurms mit den besten Seiten eines Wildfangs vereint.

Dabei werden fast alle auch im Ausland bekannten NS-Symbole eingebaut: Jugendkörperkult, „Deutschland, Deutschland“-Lied, Bücherverbrennung, Kristallnacht, in Bunkern vor Luftanschlägen verstecken, Juden heimlich im Haus unterbringen – alles wird so dargestellt, wie man es kennt und dass dabei rekordverdächtig viele Hakenkreuzfahnen vor die Linse gekarrt werden, wirkt auch eher plakativ. Die Geschichte ist zwar anrührend und traurig, aber aufgrund der Ausgedachtheit dann wieder auch nicht so sehr.

Dafür ist der Film auch zu amerikanisch: Die Figuren sind entweder böse Nazis oder gute Nazi-Hasser, die düstere Atmosphäre wirkt immer ein wenig künstlich-märchenhaft und stark stilisiert. Die „Berliner Straße“ in Babelsberg sieht in erster Linie aus wie das, was sie ist – eine unechte Kulisse (da wirken die Drehorte in Potsdam gleich viel realer). Ein (Spoiler) zunächst schreckliches Ende wird gleich von einem Kitsch-Ende abgelöst – und repräsentiert damit den Film ganz gut: (Spoilerende) Irgendwie trotz all der schlimmen Sachen eher weich.

Die Erzählperspektive aus der Sicht des Todes ist vermutlich noch der interessanteste Ansatz des Films, wird aber bis auf den Filmbeginn und des Ende weitgehend ignoriert. Was schade ist – dadurch hätte der Film vielleicht einen neuen Zugang zum Nazi-Deutschland finden können.

Da gab es auch in den letzten Jahren z. B. mit „Der Vorleser“ interessantere Filme zum Thema. Als Jugendbuch und somit eine erste Übersicht gebend ist der Film aber vielleicht ganz gut geeignet. Auch ist das Buch vielleicht ein wenig differenzierter.

Fazit

Ästhetische, handwerklich gut gelungene Verfilmung einer fiktiven Geschichte im NS-Deutschland, gefühlvoll und in stimmigen, aber merkwürdig verfremdet wirkenden Bildern eingefangen. Die Geschichte ist gut gespielt und die emotionalen Szenen überzeugen meist, inhaltlich wirkt der Film jedoch ziemlich belanglos. Er ist um Echtheit bemüht, wirkt aber doch irgendwie unecht. Der Film scheint eher eine Übersicht von außen über zentrale Themen der Nazi-Epoche zu geben, kann aber kaum neue Akzente setzen. Kann man sich mal angucken, hat aber auch nicht wirklich was verpasst, wenn nicht!

Bildergalerie

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