„Chernobyl“ – Verstörende Serie über das russische Atomunglück 1986

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Ich werde nie vergessen, wie ich als Grundschüler von der Schule abgeholt wurde und nicht in den „sauren Regen“ durfte, weil in Tschernobyl irgendwas mit einem Atomkraftwerk passiert war, dessen Strahlung selbst bei uns in Norddeutschland Auswirkungen hatte. Die fünfteilige HBO-Serie widmet sich nun im Detail den Geschehnissen von 1986 in der damaligen Sowjetunion, den wirklich schockierenden Horrorszenarien, die zum Glück abgewendet werden konnten, aber auch den Vertuschungsversuchen der Russen. Dabei verzichtet „Chernobyl“ bewusst auf übertriebenen Pathos oder eine plakative Inszenierung, zeigt aber trotz erschreckender Entscheidungen auf sowjetischer Regierungsseite auch, dass es viele Menschen dort gab, die sich dem System widersetzten und zur Rettung von Abertausenden sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten.

Inhalt

Nach einem Test am 26. April 1986 im Reaktor 4 des Atomkraftwerks im sowjetischen Tschernobyl kommt es zu einer Katastrofe, denn der Atomkern explodiert und die freigesetzte Strahlung droht ein gigantisches Gebiet über Jahrhunderte zu verseuchen. Doch anstatt sofort die entscheidenden Maßnahmen zu ergreifen, um den Schaden möglichst schnell in den Griff zu bekommen, wird durch Leugnung, Vertuschung und die Angst davor, vor dem Westen Schwäche und Versagen zu demonstrieren dafür, dass viele Stunden vergehen, bevor das Außmaß der Katastrofe überhaupt erst klar wird. Erst als der impulsive Atomphysiker Valery Legasov (Jared Harris), der zunächst sehr skeptische Senator Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård) für die Regierung die tatsächliche Situation in Tschernobyl untersuchen sollen, wird auch der sowjetischen Regierung klar, dass hier gerade ein Horrorszenario in Gang gesetzt wurde, dessen Auswirkungen die Kontamierung eines Großteils der Sowjetunion und den Tod von Zehntausenden zur Folge haben könnte. Doch auch die Rettungsmaßnahmen erweisen sich alles andere als leicht, denn einen brennenden Atomreaktor zu löschen, die Ausbreitung der Strahlung einzudämmen und nebenbei ein riesiges Gebiet zu evakuieren sind Aufgaben, die in der Form noch nie durchgeführt werden mussten. Und mit jeder Lösung tauchen neue Probleme auf.

Review

Selbst mir, der tatsächlich persönliche Erinnerungen an den Vorfall hat, war bis zu dieser Serie nicht klar, was für schreckliche Auswirkungen das Unglück in Tschernobyl tatsächlich hätte haben können, wenn nicht ein paar kluge Köpfe und viele Helfer die Katastrophe immerhin in Grenzen halten könnten. So kommt natürlich die russische bzw. sowjetische Führung hier nicht besonders gut weg, aber die Serie wirft ganz klar kein durchweg schlechtes Bild auf Russland. Man muss sich nur fragen, wie andere Regierungen heute reagieren würden, wenn sie noch die Option hätten, ein solches Szenario unter den Tisch kehren zu können, Fukoshima ist auch noch keine zehn Jahre her und dort weiß man auch bis heute nicht, was wirklich passiert ist und welche Auswirkungen der dortige Vorfall im Atomkraftwerk hatte. Natürlich ist das totalitäre System der damaligen Sowjetunion, in der jeder, der nicht mitspielte, um sein Leben fürchten musste, noch mal ein ganz anderer Nährboden für Lügen und Verleugnung von unschönen Tatsachen. Aber letztendlich hat man es damals trotzdem noch geschafft, Schlimmeres zu verhindern.

Die Macher der Serie schaffen es auf wirklich beeindruckende Weise, den Schrecken von damals auf den Bildschirm zu bannen. Und dafür brauchen sie keine großen Explosionen, eine uninformierte Menschengruppe mit Kindern, denen der verstrahlte Wind durch die Haare weht und die vergnügt in den wie schwarzer Schnee vom Himmel regnenden Staubpartikeln vom Brand tanzen, stellt einen ganz anderen Horror dar für alle, die sich vor dem Fernseher der tödlichen Gefahr ganz klar bewusst sind. Zudem bietet die Serie einen sehr interessanten Einblick in die technischen Hintergründe, die Risiken der Rettungsaktionen und das Verhalten des Staatsapperates, was vielleicht gar nicht so im Detail möglich gewesen wäre, wenn Valery Legasov sein Wissen in Verbindung mit seinem Selbstmord der Welt hätte zukommen lassen.

„Chernobyl“ ist beeindruckend und realistisch gefilmt, geht extrem unter die Haut und profitiert vom bis in die kleinsten Nebenrollen toll besetzten Cast. Auch wenn die späteren Folgen etwas an Fahrt verlieren, bleibt die Serie bis zum Ende spannend. Natürlich muss man sich auch hier immer vor Augen führen, dass auch diese Serie nur eine Version der Wahrheit abbildet. Dass man aber gerade in Russland an einer „Gegenserie“ dreht, um die angeblich falsche Darstellung richtig zu stellen und das Unglück unter anderem dem Einfluss des amerikanischen Geheimdienstes zuzuordnen, ist dann doch schon wieder eine Aktion, die zeigt, dass sich in Russland leider doch nicht so viel seit damals verändert hat.

Fazit

Die vielleicht größte Katastrophe der Neuzeit wird in dieser Serie nicht nur beeindruckend in Szene gesetzt, sondern sorgt zum ersten Mal dafür, dass einer breiten Masse die Hintergründe und das Ausmaß der Ereignisse von 1986 umfangreich und nachvollziehbar nähergebracht werden.

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