„Game of Thrones“ – Was stimmt da nicht in Westeros?

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90% aller Abonnenten vom HBO schauten das Finale der siebten Staffel der Fantasyserie „Game of Thrones“. Neben allen Websites, die auch nur entfernt mit Serien und Filmen zu tun haben, berichten inzwischen wirklich alle großen deutschen Zeitungen online über jede Folge und jedes potentielle Mysterium, um über die Ereignisse, die Intrigen, die Personen und die noch zu lüftenden Geheimnisse zu diskutieren und alles zu analysieren. Denn fast die ganze Welt besteht jetzt aus „Game of Thrones“-Experten. Das kann für die ursprünglichen Fans, die schon vor der Serie die Bücher liebten, mit deren Stil die neuen Staffeln immer weniger zu tun haben, ganz schön nervig sein. Ich gehöre dazu und kann so langsam sogar verstehen, warum man auf die fehlenden Bücher von George R. R. Martin vielleicht ewig warten muss.

 

Alles begann mit dem „Lied von Eis und Feuer“

Ich habe schon immer Fantasy geliebt, habe die „Herr der Ringe“-Romane und auch die „Belgariad“-Saga verschlungen, aber als mir mein Bruder die Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ ans Herz legte, tauchte ich in eine völlig neue Welt ein. George R. R. Martin hatte eine einzigartigen Kosmos geschaffen, eine mittelalterliche Fantasy-Welt, die trotz ihrer übernatürlichen Elemente den Schwerpunkt auf Gesellschaft und Politik legte, mit interessanten Charakteren und fesselnden Konflikten. Die ersten Romane waren unglaublich interessant und spannend, schließlich erkannte man schnell, dass der Tod jeden Charakter treffen konnte. Martin hielt sich nicht an Normen, an kein typisches Format, seine Bücher waren etwas Besonderes, ein Geheimtipp, mit einer Handvoll treuer Fans. Die natürlich unglaublich gespannt waren, als eine Serienverfilmung von HBO unter dem Titel „Game of Thrones“ angekündigt wurde.

„Game of Thrones“ überzeugt anfangs auch im Fernsehen

Mit der ersten Staffel brachte HBO eine Serienumsetzung ins Fernsehen, die die Herzen der Fans höher schlagen ließ. Man hatte sich wirklich Mühe gegeben, die Optik stimmte, die Darsteller passten und trotz dem für HBO damals typischen Überschuss an Sex und Gewalt war die erste Staffel eine runde Sache. Man konnte als Fan der Bücher anscheinend auch die Serie lieben. Und musste jedem davon erzählen. Doch Fantasy schreckte viele ab, so hatte die Serie zwar schon bald mehr Fans als die Bücher, galt aber immer noch als Geheimtipp.

Das änderte sich mit den Jahren immer mehr und die Buchfans hatten plötzlich ein Problem, mit dem keiner gerechnet hätte: Die fehlenden Romane kamen nicht! Was sich zuerst keiner hätte vorstellen können, passierte tatsächlich! Die Serie überholte den Stand der Bücher, die alten Experten konnten nicht mehr mit ihrem Wissen punkten, schließlich hatte die Serie bis dahin nur einen Bruchteil der Geschehnisse abbilden können, die in den Büchern passierten. Und auch die zahlreichen Änderungen, die inzwischen vorgenommen worden waren, sorgten dafür, dass die Begeisterung bei den Buchfans etwas abebbte, dafür wuchsen auf einmal neue Fans in unfassbarer Menge nach. Es hatte sich herumgesprochen, dass der Stoff gut war, dass „Game of Thrones“ großartig inszeniert war, dass man die Charaktere wie in einer Seifenoper so herrlich hassen und lieben konnte und dass gefühlt jeder darüber sprach, da musste man ja mitreden.

Wo stehen wir heute nach Folge 7 der siebten Staffel?

Seit der sechsten Staffel gab es keine Buchvorlagen mehr, wir warten bis heute darauf und werden regelmäßig heiß gemacht und dann doch wieder vertröstet. Doch warum stiegen seitdem die Serienfans immer weiter an bis zu dem Stand von heute, wo man ja schon suchen muss, um jemanden zu finden, der in den letzten Wochen nicht mitfieberte und mit allen anderen um die Wette heulte, wie schrecklich doch das Warten auf die finale achte Staffel werden würde? Waren die Bücher doch so schlecht, dass man mit den Freiheiten ohne konkrete Vorlage besser punkten konnte? Zwar kannten die Macher den großen Masterplan des Buchautors, aber wenn man bei Dialogen und Ereignissen aus einer schier endlosen Vorlage schöpfen kann, sollte man doch besser davor sein, oder?

Also was war passiert? Bücher und Verfilmungen sind immer zwei Dinge, so wurde auch schon vorher viel an der Handlung gedreht, um sie tauglicher für das Fernsehen zu machen. Das wurde spätestens in der siebten Staffel so übertrieben, dass man endlich auch mal wieder Kritik lesen konnte. Das war während der sechsten Staffel kaum noch möglich, zu toll fand die ganze Welt das „Game of Thrones“-Phänomen, selbst viele Hardcore-Buchfans hatten sich einlullen lassen und bedachten jede noch so kleine Kritik mit enormem Shitstorm. Staffel 7 schoss dummerweise über das Ziel hinaus, bombastische Effekte ließen nicht mehr über gigantische Lücken in der Handlung hinwegtäuschen, die früher so facettenreichen Charaktere wurden so sehr in schwarz und weiß aufgeteilt, dass man nicht mehr überlegen durfte, wen man hasste und wen man mochte, die Serie schrieb alle Grautöne aus den Charakteren raus.

Während man in den ersten Staffeln noch wochenlang für die Reisen brauchte, scheint man inzwischen das Beamen in Westeros erfunden zu haben. Hinter der Mauer schleichen die Untoten seit Ewigkeiten auf eben diese zu, während man dort zu Besuch auch fix mal einen Raben ans andere Ende der Welt schicken kann, damit ein Drache ebenso fix geflogen kommt und (wieder einmal) in der letzten Sekunde die Rettung bringt. Oder kann mir einer erklären, warum man sich im Finale in King’s Landing trifft, dort die drohende Gefahr im Norden bespricht und dann vor dem Marsch dorthin mit allen doch noch mal wieder auf die andere Seite des Kontinents nach Dragonstone zur kurzen Lagebesprechung schippert und wandert? Hier stehen wir, am Ende der vorletzten Staffel, mit einem einzigen vorhersagbaren Cliffhanger. Das Warten wird dieses Mal entspannt, keiner unser Lieblinge wurde geopfert, eigentlich sind sie momenten so kuschelig vereint wie nie zuvor. Der ultimative Hasscharakter steht endlich allein da und wenn da nicht die Eiszombies im Anmarsch wären, könnte man gemütlich schlafen, ohne jemals wieder Angst um einen liebgewonnenen Charakter haben zu müssen. Und irgendwie ist das bei dieser Serie alles andere als befriedigend, es fühlt sich sogar falsch an!

Klagen auf hohem Niveau

Wenn ich ehrlich bin, kann ich natürlich nicht sagen, dass ich kein Fan der Serie mehr bin. Dass ich nicht mitgefiebert habe oder mich doch immer wieder von ködernden Artikel jeglicher Art zum Lesen habe verleiten lassen. Aber irgendwie ist da dieser üble Beigeschmack, irgendwas stört mich so sehr, dass ich diesen Text schreiben musste. Vielleicht habe ich mich noch wohler gefühlt, als man unter „Gleichgesinnten“ war, Buchfans die zu Serienfans wurden. „Game of Thrones“ ist weiterhin bombastisch, fesselnd und auch sicher keine schlechte Serie, ganz im Gegenteil, qualitativ gibt es in dem Genre wohl kaum Konkurrenz, aber es stört einfach, wenn jeder meint, zu dem Thema alles zu wissen, wenn die Serie auf einmal ein Publikum bedient, dem die intelligente Grundstory noch zu komplex war, die neue weichgespülte Effekthascherei aber selbst für den dümmsten Zuschauer nachvollziehbar ist, weil sich im Notfall zwei Charaktere hinsetzen und plump den aktuellen Stand auch für den letzten zusammenfassen.

Aber ich liebe weiterhin die Optik, ich mag die (meisten) Schauspieler und natürlich auch ihre Charaktere in der Serie und natürlich will ich wissen, wie es endet. Aber ich bin trotzdem enttäuscht, dass man der Massentauglichkeit wegen so viel Qualität über Bord geworfen hat, nur um endlich jeden als Fan überzeugen zu können.

Morgen ist der erste Montag seit sieben Wochen ohne „Game of Thrones“, die Medien sind weiterhin voll davon, aber auch das wird weniger. Irgendwie bin ich froh, dass erst mal wieder Ruhe einkehrt, auch wenn ich natürlich ebenso keine Lust habe, möglicherweise sogar zwei Jahre auf die letzte Staffel zu warten. Aber ich werde die Ruhe genießen und versuchen, etwas Abstand zu gewinnen, um mich dann trotz meiner Enttäuschung ein letztes Mal zum Mitfiebern nach Westeros entführen zu lassen.

Was ist mit den letzten „Lied von Eis und Feuer“-Büchern?

Wenn ich ehrlich bin, würde ich das Finale immer noch lieber zuerst in den Büchern lesen als im Fernsehen sehen, aber das wird nicht passieren. Selbst wenn es nur noch zwei (englische) Bücher sein sollten, wird bestenfalls eins davon noch vor dem TV-Finale erscheinen, aber ganz sicher nicht beide. Trotzdem möchte ich irgendwann erfahren, wie es „wirklich“ ablaufen sollte und ob die Charaktere sich wirklich mitunter so bescheuert verhalten hätten wie in der Serie. Doch vielleicht werden wir das nie erfahren!

Wenn man sich ansieht, wie George R. R. Martin sich schon mit dem vorletzten Band schwer tut, der ist nämlich seit fünf Jahren heiß erwartet, wird es mit dem letzten noch schlimmer werden. Neben dem ungünstigen Lebenswandel des Autors, der ihm und damit auch seinen Romanen schon morgen den Garaus machen könnte, und wenn man sieht, was andere Autoren aus seinem Stoff machen, sollte man dann auch nicht darauf hoffen, dass jemand anderes das Werk zu Ende bringt, steht den letzten Romanen ebenso die riesige Serien-Fangemeinde im Weg. Man kann sich ja mal in Martin hineinversetzen, der schon bei den letzten Romanen damit zu kämpfen hatten, welchen Druck die Buchfans ausübten, jetzt stehen da noch mehr Leute, die ein Auge auf sein Werk haben. Und man kann sich wohl nicht vorstellen, wie es für einen Autor sein muss, wenn jemand alle Geheimnisse seines von Mysterien überfüllten Werkes schon vorab herausposaunt hat und irgendwie sowieso jeder schon weiß, was passiert. Vielleicht sogar mehr als der Autor selber. Wird es dann überhaupt noch jemanden interessieren? Wie wird die Reaktion sein, wenn im Buch die Lieblinge eben doch früher das Zeitliche segnen oder am Ende jemand ganz anderes auf dem Eisernen Thron sitzt? Ich will es wissen und mir ist in dem Fall die Serie egal, das Buch war zuerst und das Buch hat recht.

Also bitte, George R. R. Martin, gib dir einen Ruck und lass uns Buchfans nicht im Stich. Wir brauchen diese letzten Romane, denn das Finale der Serie wird uns wohl nicht zufriedenstellen können, wenn es inhaltlich weiter so nachlässt wie in den letzten Staffeln.

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Ein Kommentar

  1. Von dieser lauwarmen Kritik „Ich bin noch immer Fan der Serie … fiebere mit … fesselnd … keine schlechte Serie, ganz im Gegenteil … 4/5 Sterne“ wird wohl keiner angefressen sein – wie richtig erkannt stehen die Zeichen selbst beim Massenpublikum momentan eher auf Kritik.

    Dem Ansatz kann ich zustimmen, den Details nicht. Ich bin Fan der Bücher und war damals brandheiß auf die Serie, die mit der ersten Staffel auch überzeugen konnte – trotz einiger Schwächen, die aber gegen die Stärken klar zu vernachlässigen waren. Viele Schwierigkeiten wurden klug adaptiert, die Stärken der Bücher um vielschichte Figuren und komplexe Handlungsoptionen mit in die Serie gebracht.

    Ich bin mittlerweile kan Fan der Serie mehr, fiebere nicht mehr mit und halte auch die Serie insgesamt nicht mal mehr für eine gute Serie. Und das muss ich leider wirklich so radikal sagen.

    Nur in einem Punkt wird die Serie von Staffel zu Staffel besser: die Visualität. Was da mittlerweile an Geld hereinfließt, sodass selbst bombastische Animationen auf Kino-Blockbuster-Niveau fast Normalität geworden sind, ist unfassbar und einzigartig. Das hätte ich mir niemals auch nur im Ansatz träumen lassen, als ich – wie viele andere Buchfans damals – Angst hatte, dass die Serie nach der ersten Staffel abgesetzt werden könnte.

    Plumpen Bombast liefert aber nun auch jeder Marvel-Film wie auch alle anderen langweiligen derzeitigen Kino-Blockbuster ab – das ist sicherlich nicht das, was ich an „Game of Thrones“ geschätzt habe. Und das Maß, in dem spätestens seit Staffel 5 kontinuierlich die Qualität der erzählerischen Aspekte der Serie abgenommen hat, ist wirklich erschütternd.

    Figuren machen keinen Sinn mehr, sondern sind nur noch Stichwortgeber für die Handlung. Diese wird auf ein Minimum reduziert, jegliche Komplexität wurde abgeschafft, alles wurde vorhersagbar, Jon und Dany werden noch immer von schlechten Schauspielern verkörpert, Zeit und Entfernungen werden bis zur Absurdität ignoriert und je mehr die Produzenten ohne Vorlage schreiben müssen, desto schlechter und hanebüchender wird es.

    Der Dorne-Strang ab Staffel 5 war der erste wirklich gigantisch unterirdische Plot der Serie, doch mittlerweile muss man wirklich suchen, ob es noch irgendeinen interessanten erzählerischen Ansatz gibt. Mir fällt vielleicht noch die Dilemma-Situation von Tyrion ein, aber selbst dieser ist seit Staffeln schlecht entwickelt und unlogisch geschrieben worden, dass selbst ein herausragender Schauspieler wie Dinklage es nicht mehr retten kann.

    Einzelne Szenen gelingen bis heute immer wieder – in Staffel 5 waren „Hardhome“ und der „Walk of Shame“ fantastisch, in Staffel 6 war es das Sprengen der Kirche durch Cersei, in Staffel 7 war es der Drachenangriff auf den Beutezug der Lannisters.

    Doch was in den technischen Aspekten Spitzenqualität hat – dazu gehört auch die tatsächlich relativ komplexe Musik – fehlt mittlerweile in den grundlegenden Bereichen der Erzählung, sodass es wirklich schmerzt. „Game of Thrones“ ist zum Massenphänomen geworden – Indiz genug dafür, dass es nicht besonders klug mehr sein kann. Mit den Stärken der ersten Staffel – geschweige denn der Bücher – hat die Serie in ihrem derzeitigen Format nur noch sehr wenig gemein. Viele Buchfans und Serienfans der ersten Stunde sind mittlerweile auch von der Serie abgesprungen; es hat sich eine neue – mit einfachem Quatsch zu befriedigende – Fanmasse gebildet, die leider von den Produzenten auch noch gefügig mit jeder Staffel mehr bedient wird. Man merkt, dass die Produzenten nur noch Fanservice betreiben und einfach nur noch endlich mit der Serie fertigwerden wollen.

    Dass jedoch selbst die wenig kritische Masse in großem Ausmaß diese Staffel – insbesondere den angedachten Höhepunkt in Folge 6 – als nicht gelungen bewertet, hatte ich nicht erwartet. Das zeigt, wie unglaublich schlecht und hanebüchern die Serie stellenweise geworden ist.

    Ich genieße die Landschaften, die Musik, die fantastischen Bilder und die (wenigen übriggebliebenen) guten Schauspieler der Serie bis heute, aber insgesamt kann man die Serie leider nicht mehr als gut bezeichnen. „Jammern auf hohem Niveau“ ist das für mich eher nicht mehr.

    Mit den Büchern hat das alles ja schon lange höchtens noch am Rande in einigen Plotpoints zu tun – was ich mittlerweile schon fast nicht mehr bedauere, sondern was mich noch mehr auf die nächsten Bücher freuen lässt, denn umso mehr bleibt vielleicht noch unverraten. Ich hätte mir gewünscht, dass die Serie es – auch im Zweifel mit einer ganz anderen Story als die Bücher – schaffen würde, mich zu fesseln und eine kluge, spannende Geschichte mit tollen Figuren zu zeigen. Aber die Serie ist spätestens nach der Staffel 7 kaum mehr als ein Trümmerfeld, das höchstens noch punktuell überzeugen kann. Schade.

    Ich befürchte auch stark, dass Martin die Buchreihe nicht mehr beenden wird. Sein Alter und sein Gesundheitszustand sehen leider nicht danach aus. Und da stimme ich Pau zu: Wenn man sieht, was die Serienproduzenten aus seinen Notizen für einen Blödsinn zusammengeschrieben haben, habe ich gerade auch wenig Hoffnung, dass jemand anderes einen vernünftigen Buchabschluss findet. Aber hoffen wir das Beste, ich hoffe weiterhin auf die Bücher.

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