„Stoker“ – Meisterhaft inszeniert, inhaltlich ein Fragezeichen

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In dem ersten amerikanischen Film von Kult-Regisseur Park Chan-wook („Oldboy“) geht es weder um den „Dracula“-Erfinder Bram Stoker noch um Vampire, wie der Name oder das Cover vielleicht vermuten lassen könnte: Die Geschichte dreht sich um die in sich gekehrte India Stoker, die auf der Schwelle zwischen Kind und Frau steht, und ihren plötzlich auftauchenden, unheimlichen Onkel Charlie. „Stoker“ ist ein düsterer, unheilsschwerer Psychothriller, der sich durch virtuose Regie, Langsamkeit, unterschwellige Spannung und kontinuierliches Unwohlsein auszeichnet.

Inhalt

An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker (Mia Wasikowska) bei einem Autounfall. Zeitgleich erscheint der mysteriöse, ihr bis dahin unbekannte Onkel Charlie (Matthew Goode), der sich nicht nur für Indiras Mutter (Nicole Kidman), sondern auch sehr für sie selbst zu interessieren scheint. Unterschwellige Spiele um Vertrauen, Gewalt und Lust beginnen …

Rezension

„Stoker“ erscheint wie ein unschöner Albtraum. Die ganze Zeit, auch wenn eigentlich nicht viel passiert, wirkt der Film nicht zuletzt durch seine sterile, perfekt komponierte Inszenierung und die undurchschaubaren Charaktere kontinuierlich irgendwie unecht, aber trotzdem bedrohlich. Man kann das bevorstehende Unheil förmlich spüren, versteht aber die meiste Zeit nicht so recht, woher es kommt und worauf der Film hinaus will. Teils einfach nur ereignislos und lethargisch, surrealistisch und hin und wieder sogar mit leichten Horror-Anklägen ist der Film ein schräg-düsteres, aber sehr intensives und sexuell aufgeladenes Erlebnis.

Der Film spielt zum Großteil auf dem aristokratisch anmutenden Anwesen der Familie Stoker und könnte streckenweise fast in einer anderen Zeit spielen. Dabei konzentriert sich die Geschichte nahezu ausschließlich auf India, ihren Onkel Charlie und ihre Mutter. Trotz des sehr eingeschränkten Figurengeflechts bleibt der Film durchgehend spannend. Stets ist man nicht ganz sicher, ob Übernatürliches im Spiel ist oder nicht.

Die Szene mitten im Film, wo die bis dahin weitgehend lethargische und nicht recht einzuschätzende India sich unter der Dusche selbst befriedigt, während sie brutale Gewalttaten im Kopf hat, lässt den Zuschauer aufhorchen und sich fragen: „Was ist hier eigentlich los? Sind alle drei Hauptfiguren in diesem Film psychisch total gestört?“. Der Film spielt generell mit sexuell aufgeladener Brutalität und einem angedeuteten sexuellen Begehren des Onkels in Bezug auf seine Nichte, womit sich der Film in gefährliche Gewässer begibt und Gefahr läuft, einfach als „total krankes Etwas“ abgetan zu werden.

Mia Wasikowska spielt dabei das zerbrechliche, verschlossene Mädchen, dass auf dem Wege zu Frau ist, sehr einnehmend. Auch Nicole Kidman überzeugt in der Rolle der einsamen, kühlen reichen Lady, in der man sie schon öfter gesehen hat. Wirklich herausragend ist aber Matthew Goode („Watchmen“), der durch übertriebene, regelrecht unheimliche Freundlichkeit seinem eigentlich recht zurückhaltenden Charakter eine starke Aufdringlichkeit verleiht. Seine Person verströmt eine so starke Bösartigkeit, obwohl man nie so recht weiß, warum eigentlich.

Inhaltlich sei nicht zuviel verraten, wirklich ereignisreich ist dieser langsame Film jedoch nicht. Vieles wird angedeutet, aber zum Schluss kann man eigentlich nur raten, wer wann wie aus welchem Grund was getan hat. Da ist man zeitweise nicht so ganz sicher, ob man den Film nicht verstanden hat, oder es einfach nicht so viel zum Verstehen gibt.

Angesichts der überragenden Inszenierung, in der Bildsprache, Schnitt, Geräusch- und Musikuntermalung und Schauspiel perfekt miteinander harmonieren, ist das aber fast zweitrangig. Denn auch wenn der Film so manche Fragezeichen hinterlässt, ist er unheimlich atmosphärisch und intensiv. Ob dabei der Eindruck entsteht, der Schauwert würde über eine nicht vorhandene Aussage hinwegtäuschen, muss jeder selbst entscheiden.

Fazit

Mit „Stoker“ schafft Park Chan-wook erneut ein inszenatorisches Meisterwerk mit drei ausgezeichnet aufspielenden Darstellern, dem man sich trotz seiner Wortkargheit nicht entziehen kann und sofort in den Film eintaucht. Inhaltlich bietet der mit Gewalt und sexueller Spannung spielende Psycho-Film hingegen einen merkwürdig-undurchsichtigen Teppich, der vieles andeutet, letztlich aber wenig verständlich macht. Dennoch auf jeden Fall sehenswert und atmosphärisch absolut intensiv!

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Ein Kommentar

  1. Besonders absurd finde ich, dass das Drehbuch von „Prison Break“-Hauptdarsteller Wentworth Miller geschrieben wurde… ;)

    Ansonsten toll gespielt, düster und geheimnisvoll inszeniert, aber für Park Chan-wook eine recht unblutige Inszenierung.

    „Watchmen“! Ich konnte Matthew Goode die ganze Zeit nicht zuordnen, obwohl er mir so bekannt vorkam!

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