„Blau ist eine warme Farbe“ – Voyeuristische Einblicke in Adèle

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Der im französischen Original „La vie d’Adèle“ betitelte ‚Skandalfilm‘ und Cannes-Gewinner über die lesbische Beziehung zwischen Adèle und Emma stellt eine Montage vieler einzelner Momentaufnahmen aus dem Leben der Protagonistin dar. Geradezu voyeuristisch sieht der Zuschauer der Titelfigur beim Tanzen, durch die Gegend gehen, Sex haben oder irgendwo rumstehen zu – dabei klebt die Kamera meist effektiv sehr dicht am Körper von Adèle. Auch die berüchtigten Sexszenen sind weitgehend gelungen (das Marketing darüber auch) und der 3 Stunden lange Film kann mit einer langsamen, fragmenthaften Erzählung viele Emotionen und Spannung erzeugen.

Inhalt

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Adèle (Adèle Exarchopoulos) hat in der Schule damit zu kämpfen, sich nicht wirklich für Männer zu interessieren. Eines Tages trifft sie auf die freigeistige Emma (Léa Seydoux) und beginnt mit ihr eine lesbische Beziehung. Doch nicht nur die unterschiedlichen Lebenseinstellungen der beiden sind problematisch …

Rezension

Trotz der Debatte über die vermeintlich zu erotisierten Sexszenen bleibt „Blau ist eine warme Farbe“ ein toller Film mit großartigen Darstellern und einem sehr guten Inszenierungskonzept.

Der immer wieder gefallene Begriff ‚voyeuristisch‘ trifft allerdings hundertprozentig auf den Film zu – wenn auch nicht unbedingt in so pervers-abwertender Weise, wie er oft verwendet wird: Über die Hintergründe der Figuren und auch der fragmenthaften Szenen, zwischen denen nicht selten viel Zeit liegt, erfährt der Zuschauer nichts – die beiden Frauen sieht man z. B. fast nie über ihre Beziehung mit ihren Vorzügen und Problemen reden -, sondern der Zuschauer muss sich die Umstände immer aus der jeweiligen Szene zusammenreimen. Dies, die immer sehr nahe, beengte Kameraführung und die vielen Szenen, in denen nicht gesprochen wird, sondern man Adèle nur bei scheinbar Banalem zusieht, erzeugen ein sehr realistisches und privates Gefühl.

In diesem Zusammenhang sind auch die z. T. langen Sexszenen absolut angebracht, stellen sie einen (den?) zentralen Punkt der Beziehung zwischen den zwei Frauen dar und sind für den intimen Einblick in Adèles Leben wichtig. Entgegen einiger Meinungen sind natürlich zwar die beiden makellosen Frauenkörper perfekt in Szene gesetzt, aber trotzdem wirkt der Sex keinesfalls softporno-like überästhetisiert und künstlich, sondern durchaus realisitsch – stets ist der Schweiß und die Anstrengung der beiden zum Greifen nah.

Auch wenn man sich fragt, ob die Szenen mit ihren ganzen Positionswechseln zu den Figuren passen, hat man selten in Spielfilmen natürlichere Sexszenen gesehen (vielleicht nur bei Lars von Trier, der jedoch ebenfalls nicht ohne Ästhetisierung auskommt). Alleine deshalb können sie als gelungen gelten und schaden unserer vermeintlich aufgeklärten Welt sicherlich nicht. Doch da ja ausgerechnet ein Mann Lesben-Sex mit zwei hübschen Frauen inszenieren musste, waren die Vorwürfe der Pornografie natürlich vorprogrammiert und jeder Mann, der die Szenen nicht kritisiert, wird von einigen zum stumpfen ‚Aufgeiler‘ degradiert. Hätte Regisseur Abdellatif Kechiche mal zwei unattraktive Schauspielerinnen genommen oder zumindest seinen Film weniger vorteilhaft ausgeleuchtet.

Dass er natürlich den Körpern der beiden huldigt (nicht selten sieht man außer Adèles halb geöffnetem Mund nichts anderes im Bild), kann kritisiert werden, ist aber in unserer Gesellschaft, wo man immer mehr auf Körperlichkeiten reduziert wird, auch nicht unangebracht – schließlich ist das in einer realen Beziehung nunmal auch für viele Menschen von Bedeutung. Dass der Film trotzdem authentisch und nur selten gekünstelt wirkt, demonstriert dies und ist umso bemerkenswerter. Und gerade bei Adèle und Emma scheint die körperliche Anziehungskraft eine Schlüsselrolle einzunehmen.

Weiterhin steht auch der merkbare gesellschaftliche Klassenunterschied des ungleichen Paares stets im Mittelpunkt – perfekt auf den Punkt gebracht in zwei unterschiedlichen Abendessen des Paars bei ihren jeweiligen Familien: Die elitäre Mutter von Emma und ihr neuer Mann genießen zu freigeistigen Themen ausgewählten Weißwein und Schalentiere; bei der Familie von Adèle aus der Mittelschicht gibt es Spaghetti. Hier wird besonders deutlich, dass der Film dadurch, dass er stets nur derartige Auszüge aus Adèles Leben zeigt, trotz langsamer Erzählweise über die gesamte Laufzeit von 3 Stunden Spannung erzeugen kann.

Im Verlauf des Films erlebt der Zuschauer sämtliche Stadien einer Beziehung – von den glücklichsten Momenten bis hin zu Eifersucht und Verzweiflung. Doch fast nie wirkt der Film konstruiert oder kitschig, sondern auch durch das umwerfend gute Spiel aller Beteiligten glaubhaft. Auch die Tatsache, dass die Beziehung unterschwellig stets durch die unterschiedlichen Lebensstile und -vorstellungen der zwei Frauen bedroht wird, trägt dazu bei. Die Vorlage des zugrundeliegenden Comics ist somit höchstens in einigen Kleinigkeiten zu erahnen.

Auch generell die Probleme von Adèle, die sie damit hat, dass die auf Frauen steht, werden klug inszeniert, ohne zu platt zu wirken. Somit wirft der Film auch einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft in Bezug auf Homosexualität, auch wenn er in erster Linie ein Liebesfilm ist und im Film ebenfalls zahlreiche Positivbeispiele im Umgang mit Homosexualität vorkommen.

Der Film wirft indirekt Fragen danach auf, was in einer Beziehung wichtig ist. Gehen die Beiden richtig mit ihrer Beziehung um? Wer macht warum welche Fehler? Oder ist die Beziehung zwischen Adèle und Emma durch unterschiedliche Interessen und Freunde ohnehin klar zum Scheitern verurteilt?

Nach dem Film hat man das Gefühl, Adèle so nahgekommen zu sein, wie selten einer Filmfigur – nicht nur durch die zahlreichen Nahaufnahmen ihres Körpers, sondern auch durch die ausgezeichnete Leistung von Adèle Exarchopoulos, die ihre Figur mit großem Einsatz belebt.

Fazit

Der Film liefert eine sehr intime Montage aus Auszügen des Lebens von Adèle und ihrer Beziehung zu Emma. Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux wirken sehr natürlich, der Film fängt die einzelnen Momente authentisch ein und hinterlässt das Gefühl, einer realen Beziehung sehr nahegekommen zu sein. Zweifellos einer der besseren Liebesfilme der letzten Jahre!

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