„Stephen Kings ES“ – Geniale Neuauflage des Horrorclowns!

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Für mich war Tim Currys Pennywise die Horrorgestalt meiner Jugend und die „ES“-TV-Verfilmung aus den 90ern mit das Gruseligste, was ich bis dahin gesehen hatte. Noch Jahre später verfolgte mich die Clownsfratze in meinen Träumen, wenn ich den Film erneut sah. Doch dann nahm ich mir die 1000-Seiten-Buchvorlage von Stephen King vor und die alte Verfilmung war plötzlich nur noch billig und harmlos, so viel brutaler, gruseliger, aber auch inhaltlich genialer war die Vorlage. Heute habe ich mich in den ersten Teil der Neuauflage von Andy Muschietti getraut und die hat es wirklich in sich. Nicht nur, dass die Schockszenen und die Verwandlungen von Pennywise eine ganz neue Dimension annehmen, der Film wird der Vorlage deutlich mehr gerecht und kann vor allem mit seinem wirklich grandiosen Kindercast und einer wirklich beängstigend guten Mischung genialer Settings und fieser Akustik überzeugen. Nichts für schwache Nerven, aber absolut sehenswert!

Inhalt

Ende der 80er verschwinden immer wieder Kinder in der Kleinstadt Derry. Ein paar Außenseiter finden jedoch heraus, dass sich offensichtlich ein böses Wesen in der Stadt herumtreibt, das als dämonischer Clown Pennywise in Erscheinung tritt, Kinder mit ihren dunkelsten Ängsten konfrontiert, um diese dann in die Kanalisation zu verschleppen und zu töten. Gemeinsam versucht der „Club der Verlierer“ sich dem Monster zu stellen, doch das stellt sich als gerissener und gefährlicher heraus als angenommen. Ihre Recherche über die Vergangenheit des Ortes bringt dann eine noch schlimmere Erkenntnis ans Licht, offenbar ist das Monster nicht das erste Mal unterwegs.

Review

Lange Zeit habe ich auf diesen Kinobesuch hingefiebert, spätestens seit dem ersten Trailer. Nicht nur, weil die Buchvorlage für mich einer der besten Romane aller Zeiten ist, sondern auch, weil ich mich auf eine cineastische Grenzerfahrung vorbereitet habe, schließlich erwartete mich mein fiesester Albtraum in völlig neuer Dimension. Herausgekommen bin ich aus dem Kino absolut begeistert, der Film trifft viel mehr die Stimmung der Vorlage, die Horror- und Schockmomente sind wirklich krass, aber doch passend eingebettet in die Handlung, sodass es sich hier keinesfalls um einen reiner Schocker handelt. Das wäre auch falsch gewesen, Stephen Kings Romane sind vom Grundprinzip her immer Dramen, deren Horroraspekte die Erfahrungen der Protagonisten nur potentieren. Das gilt auch für „ES“. Regisseur Andy Muschietti hat das verstanden, in „ES“ geht es um die Kinder, ihre Freundschaft, ihre Ängste und das Erwachsenwerden. Pennywise und seine fiesen anderen Formen sind in gewisser Weise nur Beiwerk zur Geschichte des „Clubs der Verlierer“.

Damit das aber funktioniert, brauchte Muschietti Darsteller, die eben diese Kinder perfekt in Szene setzen und selber ein Gespür dafür, wie man diese in ihren Rollen echt wirken lässt. Beides ist ihm gelungen, die Kinder spielen großartig, man kann mit ihnen lachen und leiden, sie wirken absolut authentisch und oft ist man über einen neuen, miesen, pubertierenden Spruch von „Stranger Things„-Star Finn Wolfhard echt dankbar, um mitten zwischen Gewalt, Trauer und Verzweiflung einmal kurz schmunzeln zu dürfen. Doch auch Jaeden Lieberher, Jack Dylan Grazer, Nicholas Hamilton und Jeremy Ray Taylor spielen großartig und vor allem Sophia Lillis dürfte am Anfang einer wirklich großen Karriere stehen.

Doch ebenso erwähnenswert ist Bill Skarsgård, der mit seiner Neuinterpretation von Pennywise dem wohl bekanntesten Horrorclown seinen ganz eigenen Stil verpasst. In Tim Currys Fußstapfen zu treten, war sicher schwer, sinnvollerweise versucht er daher auch nicht, diesen zu imitieren, sondern lässt stattdessen eine viel verrücktere, perversere und brutalere Version von Pennywise auf die Zuschauer los. Es ist weiterhin schwer, Curry abzulösen, aber Skarsgård tritt dessen Erbe absolut großartig an.

Trotz seiner viel größeren Nähe zum Buch merkt man als Fan dessen sehr schnell, dass der Stoff auch drei Filme hätte füllen können. Ist der Clown erst mal aus dem Sack, folgt Schocker auf Schocker. Die Kinder bekommen zwar genug Platz für die Entfaltung ihrer Charaktere, aber manchmal wirkt auch die Neuauflage etwas gehetzt. Das macht aber insgesamt nichts, „ES“ versteht es auf der einen Seite bombastisch zu schocken und zu gruseln, auf der anderen Seite lässt er einem den „Club der Verlierer“ aber auch ans Herz wachsen und einen an den Sorgen ihrer Kindheit teilhaben, so bitter sie bei manchen auch sein mögen. So stört es auch nicht, dass die Handlung in die 80er verlagert wurde und auch die Erscheinungen von Pennywise vom Buch abweichen, Muschietti hat es tatsächlich geschafft, den Horror, den Tiefgang, aber auch den Humor des Buches auf die Leinwand zu bringen.

Interessanterweise waren die Horrorszenen in der Neuauflage zwar um einiges heftiger, brutaler und vor allem aufwendiger inszeniert, aber ich fühle mich trotzdem nicht so, als würde jetzt überall ein fieser Clown hinter mir stehen. Die Zeiten haben sich wohl geändert, vielleicht hat man gerade im Horrorbereich einfach zu viel gesehen, um noch wirklich Grenzerfahrungen zu sammeln. Vielleicht haben auch gerade die einfachen Möglichkeiten damals dafür gesorgt, dass Tim Currys Pennywise bei so vielen diesen Albtraum-Charakter hatte, der neue Pennywise ist aufgrund der technischen Möglichkeiten heutzutage vielleicht sogar schon zu überladen. Aber wenn die kommende Nacht vorbei ist, sehe ich das ja vielleicht doch noch anders.

Daher kann ich auch schwer sagen, ob die Angst derer, die sich aufgrund ihrer „ES“-Albtraum-Vergangenheit nicht in den Film trauen, berechtigt ist. Der Film ist nichts für schwache Nerven, hier verliert Georgie durchaus sichtbar seinen Arm, Pennwise‘ gigantisches Gebiss inmitten seiner Clownsfratze kommt mehrmals zum Einsatz und auch seine anderen Personifizierungen sind nicht von schlechten Eltern. Aber unterm Strich ist es das wert, denn hier wird nicht sinnlos mit Gewalt und Blut übertrieben, auch die Horrorszenen sind einfach sehenswert, aber wer sich aus Angst davor gar nicht ins Kino traut, verpasst einen wirklich guten Film.

Nun kann man auf die Fortsetzung gespannt sein. Bewusst hat man dieses Mal auf die Zeitebene mit den erwachsenen Kindern verzichtet und diese komplett in die Fortsetzung ausgelagert. Die Entscheidung ist auch gut so, die Zeitsprünge hätten den Film eher ausgebremst und den Kindern noch weniger Platz zur Entfaltung gegeben, trotzdem hoffe ich, dass wir vieles noch nicht vom jungen „Club der Verlierer“ gesehen haben und die tollen Darsteller im zweiten Teil in Rückblenden erneut zu sehen bekommen. Nach dem ganzen Hin und Her bei der Neuauflage über die letzten Jahre hat sich „Mama„-Regisseur Andy Muschietti jedenfalls als die perfekte Wahl herausgestellt, somit erwarte ich auch, dass die Qualität des zweiten Teils nicht weniger gut daherkommen wird. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon darauf.

Fazit

Der erste Teil der Neuauflage von „Stephen Kings ES“ ist absolut sehenswert, der Film ist handwerklich gut gemacht und großartig gespielt, er versteht es, seine Horrorelemente maximal auszuspielen, aber der Drama-Anteil um den „Club der Verlierer“ ist das Herzstück und das ist einfach gelungen. Also los, ab ins Kino, lasst euch schocken, aber lasst euch genauso begeistern von vermutlich einem der besten Kinofilme in diesem Jahr.

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3 Kommentare

  1. Der Film ist handwerklich gut gemacht, kann aber letztlich nicht hundertprozentig überzeugen. Man merkt, dass der Regisseur aus der Werbebranche kommt, ist der Film – wie man auch schon an den Trailern erkennen konnte – ausgesprochen gutaussehend gefilmt. Die Kameraarbeit ist fantastisch.
    Auch die Entscheidung, nur die Kinder-Zeitebene zu verfilmen, war richtig. Trotzdem hat man am Ende das Gefühl, nicht wirklich viel über die Figuren erfahren zu haben: Sie sind alle eher Typen denn wirkliche Figuren. Auch die Darsteller sind nicht überragend. Sie machen ihre Sache zwar alle solide bis gut, wirklich herausstechen kann aber nur Sophia Lillis, die fantastisch ist. Auch die bösen Bullys sind unglaubhafte Karikaturen, die selbst in der TV-Verfilmung vielschichtiger angeegt waren. Nach der TV-Verfilmung hatte ich eherlich gesagt das Gefühl, den Kindern nähergekommen zu sein als hier. Schade, denn das Hauptaugenmerk liegt eben auf Coming of Age, mit dem derzeit trendy 80s-Setting verknüpft. Ansonsten hat man tatsächlich häufiger das Gefühl, der Film nimmt sich keine Zeit, die Handlung schlüssig voranzutreiben, sondern zeigt stark fragmenthaft viele Horrorszenen mit dem Clown.
    Und hier bleibt der Film enttäuschend. Ist bereits das Pennywise-Design sehr überzogen-bedrohlich, und eben nicht im Spannungsfeld vom harmloser Clown und Monster stehend, setzt der Film fast ausschließlich auf platte Jumpscares und kaum auf Grusel, Spannung und Atmosphäre. So zuckt man zwar regelmäßig zusammen, aber wirkliche (Ur-)Ängste werden hier nicht bedient, was ja einen qualitativ hochwertigen Horrorfilm ausmacht. Das häufige Auftreten und das teilweise (gerade im Finale) Darstellen von Pennywise als eher mittellos tut ihr Übriges.
    Auch gerade die Fülle an CGI, das Pennywise stets unecht wirken lässt, verhindert, dass man sich wirklich vor dem Clown gruseln kann. Weniger wäre mehr gewesen. Die Effekte sind aber an sich gut – bis auf das peinlich aussehende Gemälde-Wesen.
    Alles in allem noch immer eine gelungene Verfilmung und ein guter Film, aber in vielen (und einigen wichtigen) Punkten dann eben doch nicht vollends überzeugend. Ein Meisterwerk ist es leider nicht geworden.

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