„Her“ – Spezieller Liebesfilm mit zynischen Seitenhieben

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Joaquin Phoenix führt eine Beziehung mit seinem Betriebssystem. Klingt wie eine Komödie oder eine böse Dystopie. Überraschender Weise gelingt Regisseur Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Adaption.“) aber ein hochemotionaler Film über Liebe und Beziehungen, der das ungewöhnliche Liebespaar durchaus ernst nimmt. Dass bei dieser Beziehung jedoch einige Probleme vorprogrammiert sind (pun intended), liegt auf der Hand. Der Film ist ruhig und melancholisch inszeniert, kann aber gerade am Anfang auch einige humoristische und zukunftskritische Klänge einstreuen. Aus einer interessanten Idee wurde ein gut umgesetzter Film, der zum Weiterdenken anregt. Ein kleiner Höhepunkt des Filmjahres!

Inhalt

In einer nahen Zukunft verdient der introvertierte Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) sein Geld damit, „persönliche“ emotionale Auftragsbriefe für Menschen zu schreiben. Da er die Trennung von seiner Frau (Rooney Mara) nicht verarbeitet hat, fristet er selbst hingegen ein tristes Leben zwischen Telefonsex und Videospielen. Doch eines Tages lädt er sich ein persönliches, intelligentes Betriebssystem herunter, das seine Daten verwalten soll. Er und das perfekt mit ihm harmonierende OS Samantha (Scarlett Johansson) verlieben sich jedoch schon kurz darauf ineinander und beschließen, eine Beziehung zu führen. Endlich ist Theodore wieder glücklich …

Rezension

Der Film vereint mit kritischem Unterton einen Ausblick auf die nahe Zukunft mit altbekannten Themen über Zwischenmenschlichkeit.

Dabei gelingt Spike Jonze, anhand der Mensch-OS-Liebe glaubhafte Phasen und Emotionen einer menschlichen Beziehung herauszustellen und Fragen aufzuwerfen, die auch nach Ende des Films nachklingen. Die zentralste davon ist sicherlich: Was ist Liebe? Da der Regisseur die Liebe zwischen Theodore und dem OS nicht ins Lächerliche zieht, muss sich auch der Zuschauer die Frage stellen: Ist diese Beziehung wirklich so absurd? Wie groß ist der Unterschied zu z. B. einem Menschen, der seinen Körper nicht bewegen kann oder zwischen einer menschlichen Fernbeziehung, in der sich die Partner fast nie sehen?

Da außerdem nicht nur das Verhältnis zwischen Theodore und Samantha, sondern auch zwischen ihm und seiner Ex sowie seiner besten Freundin beleuchtet wird, bietet der Film ein großartiges Panorama zentraler Ansichten über Liebe und Partnerschaft.

Der Film zeigt zudem immer wieder interessante Einfälle, die die spezielle Beziehung zwischen Theodore und seinem OS erzeugt. So wird Theodore z. B. längst nicht von allen merkwürdig angeguckt, sondern es scheint einigermaßen gesellschaftlich akzeptiert, eine Beziehung zu einem OS zu führen. Da es sich bei dem OS auch um ein intelligentes, sich selbst weiterentwickelndes System handelt, und nicht bspw. um ein Programm, das nur seinen Besitzer glücklich machen will, ist die weitere Entwicklung der Handlung höchst interessant. Sowohl Theodore, aber auch Samantha machen verschiedene Phasen durch und entwickeln sich weiter.

Die Schauspieler setzen die kluge Idee dabei wundervoll um: Joaquin Phoenix spielt den Schnauzer-Theodore sehr minimalistisch, trifft damit aber ins Schwarze. Aber auch, wie sehr es Scarlett Johansson nur mit ihrer Stimme gelingt, glaubhafte Emotionen zu erzeugen, ist beeindruckend (auch wenn ich mich gefragt habe, ob ihre Stimme schon immer derart verraucht gewesen ist). Auch die Nebendarsteller wie Amy Adams, Olivia Wilde und Rooney Mara machen ihre Sache gut. Doch der Film wird von Phoenix und Johannson getragen, und alleine das ist eine Leistung.

Auch das Zukunftsbild des Films ist nicht übertrieben, sondern (bis auf den Modefrevel vom Hosenansatz bis zum Bauchnabel) sehr glaubhaft und nicht weit von unserer Zeit entfernt: Smartphones sprechen bereits heute mit ihrem Besitzer und ab und zu sieht man auch jemanden mit Knopf im Ohr vor sich hinredend im Supermarkt. Dieses Bild einer Gesellschaft, in der jeder für sich isoliert durch die Welt geht und zwischenmenschliche Beziehungen immer schwieriger werden, scheint sich bereits heutzutage abzuzeichnen, wo Internetkontakte gegenüber sozialen Kontakten triumphieren oder das Smartphone minütlich aus der Tasche gezogen wird.

Ein paar Schwachstellen gibt es dann aber doch. So wirkt die Laufzeit von zwei Stunden auf mich um mindestens 15 Minuten zu lang. Gerade in der zweiten Filmhälfte wird man das Gefühl nicht los, dass der Film in die Länge gezogen wurde, ohne dass die Laufzeit wirklich vom Fortschreiten der Handlung getragen wird.

Auch die zynischen und humoristischen Untertöne des Films sind sehr treffsicher, hätten aber gerne noch ein wenig häufiger vorkommen können. Auch wenn Spike Jonze sehr bedacht ist, den Film nicht zu einer Lachnummer verkommen zu lassen, findet es vielleicht der eine oder andere Zuschauer schade, dass der Film dann doch in erster Linie ein Liebesfilm mit großen Emotionen ist und weniger die (erschreckenden?) Auswirkungen des technischen Fortschritts auf unser Leben reflektiert.

Dennoch besitzt der Film viele raffinierte Einfälle, sowohl in Bezug auf die Zukunft als auch auf die Beziehung zwischen Mensch und OS. Auch gelingt ihm selbst die vermeintliche Auflösung erstaunlich gut. So schrammt der Film zwar an einigen Stellen knapp am Kitsch vorbei, kann den jedoch die meiste Zeit gekonnt umschiffen.

Fazit

Mal wieder einer der wenigen Filme mit wirklicher guter Idee, der auch sehr konsequent umgesetzt wurde und großartig von Joaquin Phoenix und der Stimme von Scarlett Johansson getragen wird. Wer viel Zukunftskritik erwartet, wird vielleicht ein wenig enttäuscht werden, denn es handelt sich in erster Linie um einen sich ernst nehmenden Film über Liebe und Beziehungen, der trotz zynischer Seitenhiebe zwar kritisch, aber nie wirklich pessimistisch auf die technologielastige nahe Zukunft blickt. Der Film ist ausgesprochen langsam und zurückgenommen inszeniert, was jedoch ins melancholische Gesamtbild passt. Mal wieder ein Film, der zum Nachdenken anregt. Sehenswert!

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