„Die Sopranos“ – Ein Gesamtkunstwerk

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Die Mafiaserie „Die Sopranos“ gilt von Seiten vieler Kritiker als die beste Serie aller Zeiten, sie ist zumindest wirtschaftlich gesehen eine der erfolgreichsten Serien. 21 Emmy-Awards und fünf Golden Globes, sowie etliche andere Preise, teilweise bis zu 18 Millionen Zuschauer und eine Million Gage bekam der Hauptdarsteller James Gandolfini für jede Folge in der sechsten und letzten Staffel. Hier in Deutschland floppte die Serie im Fernsehen und feierte nur auf DVD seinen Erfolg. Was nun folgt ist ein spoilerloses Fazit ohne dem Kenntnisstand der letzten Staffel.

“ Ich bin Berater in der Abfallbranche.“
Tony Soprano, der Mafiaboss in New Jersey, bekommt im Garten einen Ohnmachtsanfall, als er Gänse sieht und fängt an, ohne das Wissen seiner Gangsterfreunde, regelmäßig zur Psychiaterin zu gehen. Dies ist der skurrile Auftakt von insgesamt 86 Folgen, wo Humor, Krimi und Drama miteinander vermischt werden. Die einzelnen Folgen ähneln mehr einem kurzen Spielfilm mit rund 55 Minuten Länge und sind in sich jeweils abgeschlossen, erzählen aber zusammen die Geschichte um den Mob New Jerseys und dies unglaublich realistisch. Pro Staffel fallen maximal 10-15 Schüsse, die Gewalt ist somit recht spärlich gesät, doch wenn sie kommt, dann auch nicht zu knapp.

Es geht in der Serie um die Familie. Tony Soprano muss sich zum einen um seine eigene, leibliche Familie kümmern und zum anderen um seinen Mafiaclan. Dabei sorgen beide Familien, dass er regelmäßig Panikattacken bekommt, Blutbäder zwischen den Clans verhindern muss und dafür sorgt, dass das Geld durch schmutzige Geschäfte, Drogenhandel und Pokerspiel noch reinkommt.

Die Serie besitzt dabei ein so derart hohes Niveau, was nur wenige andere Serien besitzen. Sie verliert sich weder in Soap-Kitsch noch versucht sie die Massen mit Blut und coolen Sprüchen bei der Stange zu halten. Die Serie ist realistisch, nicht nur in der Darstellung der Mafia sondern viele werden auch von Tonys Familie starke Merkmale zur eigenen erkennen. Und nach rund 55 Minuten fädelt die Musik in jeder Folge langsam aus, was ebenfalls ein Merkmal der Serie ist.

Es geht dabei nicht um Gut und Böse, sondern um den Widerstreit beider in einem Menschen. Paradebeispiel ist die Hauptperson, Tony Soprano, der sich um seine Familie kümmert und jeden davon liebt. Trotzdem ist es gar falsch, ihn auch nur als „Anti-Helden“ zu bezeichnen. Tony ist viel böser als jede Figur, die diesen Titel bekommen hat. Das Böse bedroht hier nicht die Hauptpersonen, sondern steht selber im Mittelpunkt und wohnt in einem netten Haus in einem guten Viertel mit Pool.

David Chase, der Erfinder der Serie, hat Figuren erschaffen, die trotz ihrer Bosheit sympathisch sind. Weder sind sie alle nur gut oder nur böse, noch bekommen sie im Laufe der Zeit einen Wandel, eine Art Reife, die sie besser und erwachsener macht. Und auch von der filmischen Erzählung hat sich Chase weit von den normalen Serien entfernt. Obwohl jede Folge für sich steht, führt jede Folge Handlungsfäden so elementar und konsequent weiter, dass man nichts verpassen darf. Denn zusätzlich erklärt wird nichts. Wer bei all den unzähligen Bossen, Captains und Familienmitglieder nicht aufpasst, verliert schnell den Überblick.

Dass die Serie in Deutschland nicht ankam, hängt wohl mit den schwierigen Sendungszeiten, ZDF Sonntagnachts, zusammen, oder einfach, weil die meisten Menschen eine derart langsame Erzählweise gerade beim Fernsehen nicht mehr gewohnt sind. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Sopranos so uramerikanisch sind wie Baseball und sich so eine markante Tradition nicht schnell in fremde Kulturräume verpflanzen lässt.

Die Sopranos, angelehnt an „Good Fellas“ und „Der Pate“, gehört zu den Medienereignissen, die Kult geworden sind. Die letzte Finalfolge sahen sich so viele Menschen an wie sonst nur beim „Superbowl“ und in einem Kino in L.A. läuft nahezu rund um die Uhr die erste Staffel.

Sicherlich ist die Serie nicht perfekt und ist, aufgrund des Genre-Mix, nicht für jeden gedacht. Die erste Staffel kann man als relativ schwach bezeichnen und es stört sehr, wie unübersichtlich die Serie bezüglich der unglaublich vielen Charaktere ist, trotzdem sollte jeder versuchen, sich diese Serie anzuschauen. Für mich persönlich ist sie ein Meilenstein der Fernsehgeschichte.

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3 Kommentare

  1. Hm, reizt mich irgendwie nicht. Vermutlich aufgrund des Themas, bin auch bei „Der Pate“ mehrmals eingeschlafen und kann nicht verstehen, wieso er „The Godfather Of Movies“ (Wenn das mal kein Pleonasmus ist!) sein soll…

  2. Hach, wo soll ich anfangen? Ich liebe die Serie, obwohl ich auch erst fünf Staffeln geschaut hab. Ich hab keine Ahnung, wie das Ding an mir vorbeigehen konnte. Ich find Mafiageschichten eh immer total Klasse, Der Pate 1 und 2 sind genial, Goodfellas und Casino rocken auch. etc etc.

    Die Wirrungen in der Serie sind schon etwas hart und es gibt immer „nette“ Überraschungen, mit denen man nicht wirklich gerechnet hat. Aber irgendwie sehen trotzdem alle „neuen“ gleich aus und man hat Probleme dem zu Folgen. Egal, muss man durch, denn der Rest schockt einfach nur. Man weiß nie, ob man Tony Soprano schlagen, erschießen, bewundern, bemitleiden oder auslachen soll. Es ist natürlich alles etwas überspitzt dargestellt, aber trotzdem wirkt es echt und glaubwürdig.

    Von mir klare 5 Sterne!

  3. Ich bin mal auf die Seite des Synchronsprechers Peter Weis gestossen. Er war es der in so genialer Weise den Paulie Gualtieri in Deutsch gesprochen hat. Ich habe ihm dann eine Mail geschrieben und mich für seine wundervolle Arbeit bei den Sopranos bedankt. Am nächsten Morgen hatte ich eine Antwort von ihm. Er schrieb dass er sich sehr über meine Mail gefreut hätte da er als Synchronsprecher eher selten Publikumsreaktionen zu hören bekommt.

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