„Akte X: Staffel 10“ – Dürftiger Wiederbelebungsversuch

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Die neue Miniserie „Akte X“ macht dort weiter, wo die letzten Folgen und der zweite Film aufgehört haben: Qualität bergab. Die Chance, sich auf die Stärken der Serie zurückzubesinnen und ihr eine neue Daseinsberechtigung zu geben, wird leider nicht genutzt. Stattdessen kommt ein wenig Nostalgie auf und jeder „Akte-X“-Fan freut sich, Mulder und Scully nochmal ermitteln zu sehen, aber ansonsten sind die 6 Folgen fast durchgehend Fehlgriffe und es wird deutlich: Chris Carter und sein Team haben selbst nicht die leiseste Ahnung, worauf sie in der heutigen Zeit eigentlich hinaus wollen. Schade.

Inhalt

Nach vielen Jahren treffen Fox Mulder (David Duchovny) und Dana Scully (Gillian Anderson) wieder aufeinander. Sie führen zwar keine Beziehung mehr, werden aber wieder Partner: Nachdem sie Hinweisen des Verschwörungstheoretikers Tad O’Malley auf den Grund gehen, werden schließlich die X-Akten (mal) wieder geöffnet. So gehen sie nicht nur den Machenschaften und Vertuschungen der Regierung hinterher, sondern auch ein paar anderen merkwürdigen und übernatürlichen Fällen …

Rezension

(leichte nicht markierte Spoiler)

Mit einiger Skepsis hatte ich mich auf die mageren 6 neuen Folgen gefreut und die angekündigte Wiederbelebung als Anlass genommen, nochmal die alten Staffeln durchzugucken (wie vom neuen Rechteinhaber Fox intendiert), und gerade die ersten Staffeln machen noch immer Spaß. Trotzdem kann man „Akte X“ wohl als Paradebeispiel dafür nehmen, wie man eine Serie in den völligen Ruin treiben und ihr mit einem hinterhergeschobenen Film noch weiter schaden kann. Insofern war die große Frage: Hat man jetzt wieder etwas zu erzählen? Hat man sich Gedanken gemacht, wie man die Serie interessant weiterführt und welche Qualitäten die Serie einmal hatte und wieder haben könnte?

Nach Folge 6 von Staffel 10 kann ich nun sagen: Keinesfalls. Anscheinend haben alle Verantwortlichen auch nach vielen weiteren Jahren nichts gelernt, so dass diese Miniserie eher die schlechten Seiten der Serie aufgreift und mit einem unausgegorenen Genremix höchstens mittelmäßige Unterhaltung bieten kann.

Zur Mythologie

Erst ein paar Worte zur Alien-Verschwörungs-Grundstory der Serie, dem als ‚Mythologie‘ bekannten „roten Faden“, dessen Folgen immer klar von den davon unabhängigen „Monster of the Week“-Folgen getrennt waren und der in Folge 1 und 6 der neuen Staffel fortgesetzt wird.

Die Mythologie war irgendwann im Verlauf von „Akte X“ nicht einfach nur sehr verschachtelt und völlig unübersichtlich, sondern hat sich bereits in der Serie schlichtweg derart heftig widersprochen und in keiner Form mehr zusammengepasst, dass selbst die Fans irgendwann davonliefen. Nun hat man mit einer Wiederbelebung natürlich das Problem, vor diesem gigantischen Scherbenberg zu stehen. Wie knüpft man daran an? Und der von Chris Carter gewählte Weg scheint vielleicht geschickt, ist aber eigentlich ein bitteres Eingeständnis, dass die ganze Serie irgendwann nur noch Murks war: Es wird alles mehr oder weniger auf Null gesetzt.

Spoiler zeigen

Das Anknüpfen an die Mythologie funktioniert somit keinesfalls – wieder einmal macht Chris Carter das, was die Serie irgendwann kaputt gemacht hat: Sich irgendwas aus der Mythologie herauspicken, was gerade passt, und hoffen, dass die Fans alles andere, was nicht passt, schon vergessen haben. Dass der Hauptplot und die ganze neue Staffel dann plötzlich inmitten einer Szene mit krassem Cliffhanger endet, der Carter wohl den Job sichern soll, ist dann endgültig eine einzige Enttäuschung. Der nicht zusammenpassende Humbug wird also fortgesetzt, anstatt der angeblichen ‚Wahrheit‘ endlich näher zu kommen.

Unabhängig vom hanebüchenen Inhalt der neuen Mythologie-Folgen sind diese auch völlig überladen und die Figurenkonstellationen zu schnell geklärt, ohne dass wirklich Spannung oder Atmosphäre aufkommt. Für die Figuren und gerade die Beziehung Mulder/Scully nimmt man sich viel zu wenig Zeit, schließlich wäre gerade dies interessant gewesen. Wie gehen die beiden miteinander und mit den X-Akten um? Ein Problem, das alle 6 Folgen besitzen.

Dass man ausgerechnet mit der mehrfachen (!) Thematisierung des gemeinsamen Alien-Kindes William konsequent an die bisherige Mythologie anknüpft, hätte nun auch wieder nicht sein müssen, hat dieses Element bereits in der Serie schon nicht gut funktioniert.

Zu den Monster-of-the-Week-Folgen

Dass man in Folge 2 dann auf einmal so tut, als wäre es völlig normal, Scully und Mulder wieder bei den X-Akten zu sehen, schlägt dem Fass dann den Boden aus, hat man weder ihre Rückkehr zu diesen miterleben dürfen noch werden ihre Gefühle dabei in irgendeiner Form thematisiert. Unglaubliche dramaturgische Fehlleistung. Dass man nachträglich Folgen beliebig hin- und her geschoben hat, hat diesen katastrophal misslungenen Übergang vom Auftakt zum ‚business as usual‘ wohl nur verstärkt.

Können denn wenigstens die „Monster of the Week“-Folgen als einzelne, unabhängige Folgen überzeugen? Leider auch nicht, sie sind eher überladen bis belanglos. Die Fälle an sich waren alle nicht mehr als ganz nett; etwas wirklich Begeisternswertes war nicht dabei. Man hat dabei teilweise regelrecht das Gefühl, innerhalb einer Folge zwei völlig unabhängige Folgen zu sehen: Am krassesten war dies der Fall bei Scullys Mutter im Krankenaus und dem Müllmann. Der Versuch am Ende der Folge, einen inhaltlichen Bogen zu spannen mit dem Satz „I need to believe that we didn’t treat him like trash“, wirkt dann nur noch verzweifelt.

Aber unabhängig von der nicht gelungenen Konzeption sind die Folgen auch tonal derart unterschiedlich, dass man das Gefühl hat, mit jeder Folge eine andere Serie zu sehen. Klar, diese Vielseitigkeit war immer eine Stärke der Serie, so hat sie schon immer Mystery, Thriller, Sci-Fi, Drama und Comedy miteinander verbunden. Aber bitte in dieser Reihenfolge! ‚Unheimliche Fälle des FBI‘, anyone?

Dass in den wenigen Folgen so gar kein einheitlicher Grundton zu erkennen ist, der eigentlich spannend-unheimlich mit höchstens einigen komödiantischen Nebentönen sein sollte, schadet den Folgen sehr. Neben einer reinen Klamauk-Folge und so einigen weiteren klar auf Comedy abzielenden Szenen (siehe Drogentrip oder Mulders/Scullys neue Ebenbilder beim FBI) geht der unheimlich-ermittelnde Aspekt der Serie (eigentlich ja der Kern) völlig unter. Selbst die einzelnen Folgen haben oft keinen stimmigen Grundton, was besonders in Folge 5 auffällt, in der zwischen bierernsten Selbstmordattentäterszenen und Mulders lustigem Drogentrip (samt überflüssigem Cameo der ‚Lone Gunmen‘) hin- und hergeschnitten wird.

Die albernen, selbstironischen Aspekte der neuen Folgen scheinen dabei allen Beteiligten leichter gefallen zu sein als eine ernsthafte Fortführung der Serie. Auch wenn ich die humoristische Folge 3 zwar mit am besten fand, ändert das nichts an der Tatsache, dass die Serie erstmal wieder eine fesselnde Atmosphäre schaffen sollte, bevor solche Comedy-Ausnahmefolgen gezeigt werden. Aber Ironie, Mythologie und Nostalgie bilden in Staffel 10 trotz ihres Unterhaltungswertes so gar kein Ganzes.

Zur Staffel insgesamt

Generell sind Mulder und Scully fast in jeder Folge über weite Strecken voneinander getrennt. Haben Duchovny und Anderson solche Probleme miteinander, dass sie erneut (wie schon beim zweiten Film) nicht so viel gemeinsam drehen wollen? Anders ist diese Tatsache eigentlich kaum zu erklären – deren tolle Chemie sowie die ihrer Figuren ist schließlich immer ein zentraler Aspekt von „Akte X“ gewesen. Wenn man nicht mal das ordentlich aufgreift, was hat die Serie dann überhaupt noch für eine Daseinsberechtigung?

Die Inszenierung ist es leider nicht (mehr). Damals weichenstellend für fast alles, was im Serienformat folgen sollte, wirken sowohl Regie als auch Drehbuch in der 10. Staffel nicht gelungen. Dass es heutzutage im Serienbereich an jeder Ecke sowohl technische als auch inhaltliche Qualität gibt, lässt „Akte X“ zusätzlich alt aussehen, spielt es in beiden Aspekten keinesfalls mehr in der ersten Liga. Einige schlechte Effekte und miese Dialogzeilen verstärken den Eindruck. Anrechnen muss man Carter vielleicht, dass er auch nicht krampfhaft versucht, den alten Inszenierungsstil zu ändern.

Es bleibt nur Nostalgie. Zweifelsohne schlägt das Herz höher, Mulder und Scully wieder gemeinsam ermitteln zu sehen. Mulder hebt das „I want to believe“-Poster (was da nicht mehr liegen dürfte – weiterer Anschlussfehler) in seinem alten Büro auf, schmeißt Stifte dagegen und in gefühlt jedem zweiten Satz wird irgendwas mit „want to believe“ eingebaut. Selbst das alte Intro wurde in verkürzter Form (mit schlecht reingeschnittenem Skinner) einfach übernommen, anstatt es gelungen zu erneuern (wie es in Staffel 9 halbwegs gut geklappt hat).

Aber mit den Figuren wird nichts Gescheites gemacht. Skinner tut wirklich rein gar nichts, außer mit neuem Bart und Hornbrille cool auszusehen, und der Raucher ist halt (nachdem man in Großaufnahme eine Rakete in ihn hineinfliegen gesehen hat) mal wieder da und redet dummes Weltherrschaftszeug. Wenn man nicht nur anscheinend mit der Beziehung Mulder/Scully nicht mehr weiterweiß, sondern auch alle anderen bekannten Figuren höchstens oberflächlich einzubauen versteht, dann hätte man es auch echt sein lassen können.

Schließlich sehen Duchovny und Anderson auch nicht mehr ganz frisch aus. Das Alter ist nicht mal wirklich schlimm, auch wenn beide eher müde den Fällen nachgehen, aber die doch recht zugebotoxten Gesichter machen es nicht leichter, Mulder und Scully wiederzuerkennen. Dass Andersons (Original-)Stimme mittlerweile nicht mehr sexy-tief, sondern nur noch verraucht-heiser klingt, lenkt auch des Öfteren ab. Auch ihre furchtbare Perücke (die gerade in den ersten Folgen nicht einmal rot aussieht) hätte nicht sein müssen.

Dass Duchovny weder seine „richtige“ Synchronstimme (Benjamin Völz) noch die Stimme aus dem zweiten Film (Johannes Berenz) verpasst bekommt, sondern vom völlig unpassenden Sven Gerhardt gesprochen wird, ist letztlich nur noch eine Lappalie.

Wer gehofft hat, die Serie würde einen würdigen Abschluss oder eine stimmige Neuausrichtung finden, hätte sich kaum größer irren können. Man kann es nie allen Fans recht machen. Aber in diesem Fall dürften nur wenige wirklich überzeugt worden sein. Neue Fans wird die Serie mit diesem inhaltlich und tonal völlig unzusammenhängenden Zeug nicht gewinnen.

Hoffentlich wird „Twin Peaks: Staffel 3“ besser.

Fazit

Wenn diese sechs Episoden tatsächlich das Beste waren, zu dem Chris Carter und sein Team noch imstande sind, dann wäre es wohl besser gewesen, die X-Akten wären geschlossen geblieben. Insbesondere in Zeiten von vielen qualitativ hochwertigen Alternativen war dieses Revival eher dürftig. Alte Qualitäten hat man nicht genutzt, sondern liefert hier einen unzusammenhängenden, tonal völlig widersprüchlichen, langweiligen bis uninteressanten Blödsinn ab. Ich würde wirklich gerne ein gutes „Akte-X“-Revival sehen und glaube, dass es noch immer einen Platz der Serie in der heutigen Zeit geben könnte. Vielleicht mit Staffel 11? I don’t want to believe anymore.

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