„Black Mirror“ – Beeindruckende Sammlung dystopischer Kurzfilme!

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Mit „Black Mirror“ folgt eine weitere wirklich sehenswerte Serie, deren vierte Staffel gerade herausgekommen ist. Interessant an der Sammlung dystopischer Geschichte ist, dass die inzwischen 19 Folgen weder zusammenhängend noch chronologisch daher kommen, jede Folge funktioniert wie ein eigenständiger Film. Was die Serie so großartig macht, ist die Erzählweise der völlig unterschiedlichen Episoden. Fast immer folgt man dem Schicksal von einer oder mehrerer Personen durch eine schwere Lebensphase mit der Hoffnung, dass Ihnen eine neuartige Technlogie helfen könnte, sich aber oft eher als Fluch entpuppt. Die Erzählweise ist eher düster, der Stil immer zwischen Drama und Science-fiction. Beeindruckenderweise schafft es aber fast jede Folge, einen immer wieder zu überraschen und die Sicht auf die Dinge und die Personen mitunter vollständig umzukrempeln. Hier wird versucht Kinder per Chip zu überwachen, mit dem künstlichen Abbild eines Verstorbenen zu telefonieren oder sich dessen Bewusstsein in seinen Kopf zu übertragen, in einer von Likes bestimmten Gesellschaft zu überleben oder den brutalen Anweisungen von Cyberkriminellen zu folgen. Jede Geschichte ist interessant und brilliant und erschreckenderweise erstaunlich nah an der Realität.

Inhalt

Der englische Premierminister (Rory Kinnear) muss sich zwischen einer persönlichen Demütigung oder dem Tod eines entführten Mitglieds der royalen Familie entscheiden, allerdings ist er abhängig von der öffentlichen Meinung. In einer trostlosen Zukunft versuchen Bing (Daniel Kaluuya) und Abi (Jessica Brown Findlay) über eine Castingshow ihre Lebenssituation zu verbessern. Martha (Hayley Atwell) gibt alle Daten ihres verstorbenen Mannes Ash (Domhnall Gleeson) frei, um mit seinem digitalen Abbild kommunizieren zu können. Um ihr schon recht gutes Ranking von 4,2 noch mehr Richtung Maximum von 5,0 zu steigern, tut eine Frau (Bryce Dallas Howard) alles, um als Trauzeugin bei einer hochgerankten Freundin (Alice Eve) zu erscheinen. Zwei Ermittler (Kelly Macdonald, Benedict Wong) versuchen, einen Killer aufzuhalten, der jeden Tag über einen Hashtag abstimmen lässt, wer als nächstes sterben soll. Eine Mutter (Rosemarie DeWitt) versucht ihre Tochter über ein Implantat vor Gefahren zu schützen. Ein Programmierer (Jesse Plemons) verbringt seine Freizeit in einer digitalen „Star Trek“-Welt mit Abbildern seiner Kollegen (Cristin Milioti, Jimmi Simpson).

Review

Drehbuch-Autor Charlie Brooker schafft es bei allen Geschichten, dass man sich während der ganzen Handlung fragt, was wäre, wenn die (nahe) Zukunft wirklich so aussehen würde und wie man selber mit dem technischen Fortschritt umgehen würde. Während man in einem Moment noch Mitleid mit den Protagonisten hat, kann das in wenigen Sekunden zu totaler Verachtung umschwenken. Und doch weiß man im Innern, dass man in vielen Fällen zuerst genauso gehandelt hätte, oder doch nicht? Die Serie spielt bewusst mit den Themen Social Media Ranking, digitale Übertragung von Erinnerungen oder Gefühlen, Überwachung, künstliche Intelligenz, Casting-Shows, Smartphone-Besessenheit, Partnerbörsen oder dem Einfluss der sozialen Medien auf die Gesellschaft. Hier findet sich jeder wieder mit dem Wissen, dass schon heute zu viele Grenzen durch die zunehmende Technisierung und die Verlagerung des Lebens in die digitale Welt gefallen sind, und die Serie zeigt in leicht überzogener und doch nicht unrealistisch anmutender Form, wohin die Reise gehen kann.

Die eigenständigen Episoden sind optisch beeindruckend und immer passend zur Handlung, keine gleicht der anderen, trotz der ähnlichen Grundausrichtung. Auch die Schauspieler sind jedes Mal perfekt besetzt, neben vielen unbekannten Darstellern gibt es aber auch Gastauftritte von Stars wie Bryce Dallas Howard, Daniel Kaluuya, Domhnall Gleeson, Hayley Atwell, Cristin Milioti, Jimmi Simpson, Jesse Plemons, Toby Kebbell, Alice Eve oder Benedict Wong. Zudem gibt es auch Prominente auf dem Regiestuhl, so inszenierte beispielweise Jodie Foster eine Folge der aktuellen vierten Staffel.

Aus meiner Sicht sind wirklich alle Folgen sehenswert, daher würde ich auch bei Staffel 1 starten. Schon die erste Folge „Der Wille des Volkes“ mit dem Premierminister zeigt, wie sehr die Serie mit den eigenen Emotionen spielt, lässt sie einen doch mehrfach an seiner eigenen Einschätzung der Situation zweifeln. Daher gehört sie auch immer noch zu meinen persönlichen Favoriten. Ansonsten gehören zu meinen persönlichen Highlights die Folgen „Das Leben als Spiel“ (1-2) mit einer absurden Zukunftsversion, in der die Menschen den ganzen Tag mit Fernsehen und Punkte sammeln verbringen, um so die Chance auf die Teilnahme an einer Castingshow zu verdienen, „Wiedergänger“ (2-1) mit Domhnall Gleeson und Hayley Atwell sowie der Frage, ob das digitale Wiederbeleben eines geliebten Verstorbenen sinnvoll ist. Dann ganz klar „Abgestürzt“ (3-1) mit einer wirklich einzigartigen Bryce Dallas Howard in einer über Rankings definierten Welt, „Mach, was wir sagen“ (3-3) über die Folgen digitaler Erpressung sowie „Von allen gehasst“ (3-6) über die Gefahr von todbringenden Hashtags und künstlichen Bienen. Zuletzt kommen dann noch die neuen Folgen „Arkangel“ (4-2) von Jodie Foster über die Gefahren der digitalen Kontrolle von Kindern, „Hang The DJ“ (4-3) über eine Zukunft, in der der endgültige Lebenspartner über von einem System vorgegebene Test-Partnerschaften ermittelt wird und letztendlich die geniale und zugleich sehr spannende „Star Trek“-Folge „USS Callister“ (4-4) mit Jesse Plemons, Cristin Milioti und Jimmi Simpson über die Zukunft der Virtual Reality und der DNA-Analyse, die einen einsamen Programmierer schon mal seine Kollegen und ihr Bewusstsein digital nachbauen lässt, hinzu.

Interessanterweise steht gar nicht im Vordergrund, ob die gezeigte Technik tatsächlich so vorstellbar wäre, viele Technologien werden in ihren Möglichkeiten sicher weit über den Rand des Möglichen gestreckt, aber vorrangig stellt man sich halt immer wieder die Frage „Was wäre wenn?“ und „Wie würde ich mich verhalten?“. Denn vieles stellt nur eine überspitzte Form von Dingen dar, die schon heute allgegenwärtig sind. „Black Mirror“ führt einem schonungslos die Zwänge und Abhängigkeiten vor Augen, denen wir uns bereits heute schon viel zu sehr verschrieben haben. So stellen die gezeigten Entwicklungen tatsächlich immer eine Version dar, der man im ersten Moment durchaus irgendwie positiv gegenüber steht, aber schnell erkennt, welchen persönlichen Identitätsverlust oder welche Einschränkungen und auch Gefahren eine solche Entwicklung mit sich bringen würde. Denn so mancher wäre der Möglichkeit, in unserer gefährlichen Welt seine Kinder jederzeit ausfindig machen zu können, einen Verstorbenen oder im Koma liegenden doch in irgendeiner Form wieder um sich zu haben, alle schönen Lebenserfahrungen irgendwie abspeichern zu können oder problemlos den perfekten Partner zu finden, nicht unbedingt abgeneigt. Aber zu welchem Preis, das ist letztendlich die Frage.

„Black Mirror“ ist eine absolute Empfehlung für Fans von dystopischen Zukunftsrealitäten, aber unterm Strich eigentlich für jeden, der sich noch nicht wirklich damit auseinander gesetzt hat, wie sehr wir bereits heute unter der Kontrolle vom Smartphones, Internet, sozialen Medien und der allgemeinen Meinungsmache stehen. Eben ein „schwarzer Spiegel“ der Realität!

Fazit

„Black Mirror“ ist eine brandaktuelle Serie mit tollen für sich alleine stehenden Episoden voller düsterer Geschichten darüber, wie die Weiterentwicklung der heutigen Technik sich auf die Menschen und die Gesellschaft auswirken könnten. Von schmunzelnd bis bitterböse, alle Folgen der Serie treffen einen Nerv und sind dank der tollen Mischung aus intelligenten, spannenden Handlungsbögen, der immer rundum stimmigen Optik und den tollen Darstellern absolut sehenswert.

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Ein Kommentar

  1. Nun habe auch ich (reichlich spät) alle 4 Staffeln der Serie nachgeholt. Ich bin an sich begeistert – was für ein fantastisches, einmaliges Konzept, das dem Zuschauer auf kluge Art und Weise ermöglicht, die aktuelle Welt und die mögliche nahe Zukunft mit Schwerpunkt auf den technischen Möglichkeiten kritisch zu hinterfragen. Grandios! Lange habe ich schon nicht mehr so interessante Denkanstöße bei einer Serie oder auch bei Filmen bekommen, selten war ich nach einer Serienfolge so sprachlos, wie es mehrfach bei „Black Mirror“ gewesen ist.

    Sicherlich liegt es am Konzept, dass die Qualität der Folgen nicht gleichmäßig gut ist und neben wahren Perlen auch Mittelmäßiges dazwischen ist.

    Doch leider muss ich feststellen, dass die Serie zunehmend abgebaut hat und die vierte Staffel – so befürchte ich zumindest – der Startschuss für den qualitativen Untergang der Serie gewesen ist.

    Während die ersten zwei Staffeln und das „White Christmas“-Special gerade durch ihre Kompaktheit begeistert haben, wurden ab der dritten Staffel die Episoden länger. Auch die Abschnittseinblendungen („Ende Abschnitt 3 – Abschnitt 4“) verschwanden und somit auch ein markantes Stilmittel, dass die Episoden bis dahin trotz der immer wieder neuen Figuren und Geschichten als Teil eines Ganzen zusammengeführt hat. Schon in der dritten Staffel hatte ich bei fast allen Folgen das Gefühl, dass ihnen 45 min bessergetan hätten als die meist mindestens 60 min.

    Geist der Serie war ja eigentlich, vor den nahen Folgen einer konkreten Technologie zu warnen, deren Grundstein schon heute gelegt ist. Mit Staffel 4 wurden jedoch nicht nur die Folgen wie in Staffel 3 schon zu lang (und für die jeweilige Aussage zu sehr in die Länge gezogen), sondern teilweise wurde eben kein klarer Bezug zu einer Technologie mehr hergestellt – in einigen Folgen wie der saudämlichen „USS Callister“ wurde einem sogar nur noch hanebüchender Technologie-Unsinn vorgeführt, der hauptsächlich unterhalten sollte. Die nicht nur moralisch fragwürdige, sondern auch stark inhaltlich recycelte letzte Folge der vierten Staffel schien dann endgültig zu zeigen: Der Geist der Serie hat sich verschoben von klugen dystopischen Technologieanalysen zu voyeuristischer Mainstream-Unterhaltung.

    Auch Staffel 3 und selbst die vierte Staffel sind durchaus sehenswert und haben auch einzelne Episoden, die wirklich gut sind, aber es ist leider insgesamt eine Entwicklung der Serie zu erkennen, dass sie ihren Kern verwässert. Schade, wenn Staffel 5 dort weitermacht und eher an den Haaren herbeigezogene Freakshow-Unterhaltungsfolgen bietet.

    Ich hoffe, dass man sich auf den anfänglichen, extrem starken Grundgedanken der Serie zurückbesinnen wird, aber es ist wohl leider kein Zufall, dass mit deutlich ansteigender Zuschauermasse auch der Inhalt massentauglicher und so leider bedeutungsloser wird.

    Fazit: Für die ersten Staffeln hätte ich glatte 5 Punkte gegeben! Dann baut die Serie ein wenig ab.

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