Kurz kritisiert 24: Von Büchern, Bühnen und Toten

Es ist echt verblüffend, wie viele Biopics derzeit im Kino laufen, zu „Bohemian Rhapsody“, „Rocketman“, „Astrid“, „Stan & Ollie“, „Tolkien“, „Vice“, „Brexit“ und „Aufbruch zum Mond“ habe ich ja schon ausführlicher meine Meinung gesagt, aber im ersten Schwung der noch offenen Kurzkritiken will ich kurz noch was zu Filmen über Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg“, „Der Junge muss an die frische Luft“), „Mary Shelley“, Sidonie-Gabrielle „Colette“, „Maria Stuart“, „White Boy Rick“, Bertolt „Brecht“ und seinen „Dreigroschenfilm“, Lyndon B. Johnson („LBJ“), Fritz Honka („Der goldene Handschuh“), Ted Bundy („Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“) und Vincent „Van Gogh“ sowie die DDR-Ballonflucht („Ballon“) und die Verfolgung von Bonnie & Clyde („The Highwaymen“) loswerden.

The Highwaymen (USA 2019)

Über das Gangsterpärchen Bonnie & Clyde gab es schon einige Filme, dieser ist aber aus der Sicht der beiden ehemaligen Texas Ranger, die diese zur Strecke gebracht haben. Der Film funktioniert auf viele Arten gut, obwohl man weiß, wie er am Ende ausgehen wird. So ist zum einen die Sichtweise interessant, die einen umso mehr daran zweifeln lässt, warum es damals so viele Fans gab, die die beiden Mörder auf ihrer Flucht unterstützten. Was mir persönlich aber am meisten gefallen hat, war die Tatsache, dass dieser Film nach langer Zeit mal wieder wie „Kevin-Costner-Film“ aus alten Zeiten gewirkt hat, Costner versprüht nach Jahren uninteressanter Rollen endlich wieder die stoische, sympathische Ruhe, die damals bei „Perfect World“, „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „The Untouchables“ so einzigartig war. Natürlich trägt auch Woody Harrelson dazu bei, dass der Film bis zum Ende unterhält. Ein interessanter Trip in die 1930er und eine ernüchternde Sicht auf ein völlig zu Unrecht glorifiziertes Gangsterduo.


Der Junge muss an die frische Luft (D 2018)

Ich habe Hape Kerkeling nur als Komiker und Entertainer gekannt, seine biografischen Romane sind bisher an mir vorbei gegangen. Da ich die Vorlage, Kerkeling gleichnamigen Romans über seine Kindheit (noch) nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie gut diese umgesetzt wurde, als Film funktionieren die Auszüge aus Kerkelings problematischer Kindheit, deren Schicksalsschlägen er mit Humor und Verstand bestmöglich entgegen wirken will. Dass das so gut klappt, hängt sicher auch mit an dem jungen Julius Weckauf, der den kleinen Hape so einzigartig und überzeugend spielt, dass es eine echte Freude ist. So ist auch Hape Kerkeling jemand, dem man eine so bittere Vergangenheit gar nicht zugeordnet hätte, umso interessanter ist es dann zu sehen, welche Freude für uns alle aus diesen Erfahrungen letztendlich wachsen konnte. Das Buch bzw. Hörbuch steht aber noch ganz oben auf meiner Liste.

Ich bin dann mal weg (D 2016)
Die Verfilmung von Hape Kerkelings erstem Roman über seine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg habe ich mir dann natürlich auch gleich noch angeschaut. Dieser ist auch durchaus gelungen, beleuchtet den Charakter Kerkeling aber aus einer ganz anderen Richtung. Hier gibt es zwar auch kurze Rückblenden in die Kindheit, aber letztendlich sehen wir hier den uns bekannten Hape, den Komiker, dem das Schicksal wegen Stress und Übergewicht einen plötzlichen Dämpfer verpasst. So will auch der nachdenkliche, die meiste Zeit einsame Kerkeling so gar nicht in das Bild passen, was man eigentlich von ihm hat. Doch auch dieser Film kann einen fesseln und hat mit Devid Striesow auch einen perfekt besetzten Hape im Gepäck. Tolle Aufnahmen der Pilgerstrecke und viele nachdenklich stimmende Kommentare aus dem Off sorgen dafür, dass man selber ganz tief in den Selbstfindungsprozess Kerkelings eintaucht. Auch hier will ich unbedingt noch die Vorlage lesen bzw. hören, denn auch ich kann nach dem Film schon nachvollziehen, warum nach dem Erscheinen des Romans der Jakobsweg einen enormen uwachs an Pilgern erfahren hat.

Ballon (D 2018)

Obwohl ich grundlegend von der spektakulären Flucht 1979 mit dem selbstgebauten Ballon aus der DDR weiß, hat es mir tatsächlich bei diesem Film die Spannung noch etwas ausdehnen können, dass ich nicht genau wusste, wie die Flucht letztendlich für alle Beteiligten ausgegangen ist. Michael Bully Herbig zeigt mit seinem Film eindrucksvoll, dass er weit mehr drauf hat als nur „Bullyparade“. Der Film ist nicht nur spannend inszeniert und großartig ausgestattet, sondern von seinem Cast um Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross und Thomas Kretschmann auch wirklich toll gespielt. Hier dürften selbst die, die die Ereignisse genau kennen, in jeder Sekunde mitfiebern. Man darf also gespannt sein, was der Herr Herbig uns noch so zu bieten hat in den nächsten Jahren.


Extremely Wicked, Shockingly Evil And Vile (USA 2018)

Erst am Ende des Films habe ich realisiert, wie großartig sich dieser Film dem wohl bekanntesten Serienkiller Amerikas nähert, Ted Bundy, der in den 1970ern und 1980ern junge Frauen auf brutalste Weise umbrachte. Denn auch hatte ein menschliches Monster lange Zeit Fürsprecher und Fans, was angesichts seiner unfassbar brutalen Taten völlig unverständlich erscheint. Doch mit Zac Efron hat Regisseur Joe Berlinger, der zuvor eine mehrteilige Dokumentation über Bundy drehte, den perfekten Darsteller, attraktiv, überzeugend und eindringlich. Der Film schildert die Ereignisse bewusst zu einem Großteil aus der Sicht von Bundys langjähriger Freundin Liz, die wie viele andere lange Zeit daran zweifelt, ob der sympathische, intelligente Ted tatsächlich für die Morde verantwortlich sein kann, die man ihm vorwirft. So verzichtet der Film nahezu komplett darauf, die Taten Bundys zu zeigen, der Zuschauer bekommt die gleiche Fassade zu sehen, die damals alle hatten, einen Mann, der einen irgendwie in seinen Bann zieht und seine Unschuld so überzeugend beteuert, dass man nachvollziehen kann, warum viele über die erdrückenden Beweise hinwegsehen wollten. Doch die Geschichte Bundys bietet zudem die mehrfache Flucht aus der Gefangenschaft und hat einen Höhepunkt im Prozess, der letztendlich zur Todesstrafe führen soll. Zusammen mit Jim Parsons als Ankläger und wirklich großartig John Malkovich als Richter sind die Szenen im Gericht einfach klasse. Ich fand es schon erschreckend, wie man heute durch die mediale Effekthaschrei geprägt ist und sich während des ganzen Films fragt, wann es denn jetzt endlich vor der Kamera zur Sache geht. Wenn das dann für einen kurzen Moment passiert, wird einem erst klar, warum es vor diesem Moment völlig falsch gewesen wäre und dass man für die Geschichte eines Serienmörders nicht zwingend direkt sehen muss, was er Grausames getan hat.


Der Goldene Handschuh (D 2019)

Gerade im Vergleich zum Film über Ted Bundy schlägt Fatih Akins Film über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka die völlig falsche Richtung ein. Die Romanvorlage von Heinz Strunk war etwas Besonderes, ungewohnt passiv beschrieb der eigentlich extrem überdrehte Komiker die Taten Honkas so ekelhaft genau, aber doch so, dass man einen Zugang zu dem Killer und seinen Opfern bekam. Zudem gewann das Buch durch die (erfundenen) Geschichten einer reichen Kaufmannsfamilie, in der die Mitglieder aus ganz anderen Gründen in der berüchtigten Säuferhöhle „Der Goldene Handschuh“ landen, in der auch Honka viel Zeit verbringt und seine Opfer aussucht. Im Film wurde Hauptdarsteller Jonas Dassler nicht nur übertrieben maskiert, der Film reduziert Strunks interessante Gesellschaftsstudie auf perverse Szenen, in denen ziemlich detailliert gezeigt wird, wie Honka alkoholisierte Frauen abschleppte, vergewaltigte, misshandelte, brutal umbrachte, zerstückelte und in einer Abstellkammer verstaute. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen, auch wenn der Film hinsichtlich Ausstattung das Säufermilieu schon sehr gut gearbeitet hat. Aber auch die Gestalten in der Kneipe wirken zu überzogen und peinlich witzig, dass man bei dem Film überhaupt nicht weiß, was und für wen er eigentlich sein will. Den Roman oder besser noch das Hörbuch kann ich aber wirklich empfehlen, Strunk hat sich tief in die Polizeiberichte vergraben und gibt die Abgründe von Honka und seinem Umfeld wirklich interessant wider. Der Film schafft das überhaupt nicht, die Darsteller lassen einen völlig kalt und so kann man trotz der drastischen Szenen eigentlich keine Emotionen aufbauen.


Mary Shelley (GB 2018)

Auch bei Mary Shelley, der Autorin von „Frankenstein“ hätte man wohl erwartet, dass ihr Leben vorrangig mit Leichen und Experimenten zu tun gehabt hat, doch auch hier zeigt das Biopic mit Elle Fanning in der Hauptrolle, dass die traurige Geschichte aus ganz anderen Erfahrungen der jungen Schriftstellerin resultiert. Fanning spielt wie gewohnt gut und auch die Ausstattung ist. Wie viele andere Filme über berühmte Schriftstellerinnen wird auch hier deutlich, wie schwer es weibliche Autorinnen trotz offensichtlichem Talent hatten. Mary Shelleys Leben ist geprägt von Trauer und Entbehrung, Tot und Enttäuschung, so hat man nach diesem Film einen ganz anderen Blick auf ihr Meisterwerk.

Colette (USA 2018)

Auch Keira Knightley macht eine gute Figur als die berühmte französische Autorin Sidonie-Gabrielle Colette, deren frivole Romane über eine junge Frau zwar ein riesiger Erfolg sind, aber immer unter dem Namen ihres Mannes veröffentlicht werden. Während die Autorin lange Zeit mit diesem Zustand leben kann und ihre Liebe und Freiheit auch außerhalb ihrer Ehe auslebt, verzweifelt ihr Mann an der Tatsache, dass er als Schriftsteller zwar den Ruhm erntet, aber nicht in der Lage ist, selber einen solchen Roman zu schreiben. Doch als sich die Ereignisse zuspitzen, muss Colette viel durchstehen, um die Rechte an ihrer Schöpfung wiederzubekommen. Auch wenn die Romane mir nichts sagen, ist der Film unterhaltsam und interessant, nicht zuletzt dank einer wirklich gut aufgelegten Keira Knightley.

Maria Stuart, Königin von Schottland (USA 2018)

Die Geschichte von Maria Stuart, die im 16. Jahrhundert als rechtmäßige Erbin der schottischen Krone auch die Krone ganz Englands anstrebt, ist schon unzählige Male verfilmt worden. So fängt der Film auch direkt mit der Köpfung Stuarts an, den Ausgang der Geschichte kennt man sowieso. Interessant ist an diesem Film viel mehr, dass sowohl die von Saoirse Rona gespielte Maria Stuart als auch die von Margot Robbie dargestellte Elisabeth I. hier mehr als Spielball der dominanten Männer in ihrem Umfeld dargestellt werden, zwar zwei starke Persönlichkeiten, die aber kaum eine Chance haben, gegen den Einfluss und die Druckmittel der männlichen Entscheidungsträger im politischen Umfeld zu bestehen. Während Robbie mit ihrer tollen Darstellung als erkrankte englische Königin voll überzeugen kann, wirkt Ronan als Stuart oft zu eingebildet, um wirklich Sympathien wecken zu können. Die beste Szene ist ein historisch nicht belegtes Treffen der beiden Rivalinnen, aus dem hervorgeht, dass die beiden unter anderen Umständen gut hätten zusammenarbeiten können. Grundsätzlich interessant, aber unterm Strich kein historisches Pflichtprogramm.

White Boy Rick (USA 2018)

Richard Wershe Jr. hatte in den 1980ern in Detriot noch vor seiner Volljährigkeit ein beachtliches Drogenimperium aufgebaut, der Film zeigt auf unterhaltsame Weise den Aufstieg und Niedergang des jungen Drogenbarons. Auch wenn „White Boy Rick“ trotz seiner kriminellen Machenschaften hier eigentlich viel zu gut weg kommt, ist der Film durchaus unterhaltsam. Das liegt zum einen an Matthew McConaughey, der Ricks in allem versagenden Vater wirklich großartig spielt, aber sicher auch an Newcomer Richie Merritt, der den Rick wirklich überzeugend auf die Leinwand bringt. Ein netter Film für zwischendurch.

Brecht (D 2019)

Nachdem sich Regisseur Heinrich Breloer schon in allen Formen den Buddenbrooks und den Autorenbrüdern Mann gewidmet hat, zeigt er in diesem TV-Zweiteiler wichtige Stationen des berühmten deutschen Autors Bertolt Brecht, dessen sehr spezielle gesellschaftskritische Dramen und Theaterstücke ihren Höhepunkt mit der „Dreigroschenoper“ haben. Von seinen Anfängen in jungen Jahren, der Flucht ins Exil vor den Nazis und die Zeit im Staatstheater der DDR, der Zweiteiler widmet sich wichtigen Stationen in Brechts Leben. Der Autor wird großartig von Tom Schilling und Burghart Klaußner dargestellt, für Interessierte auf jeden Fall ein gelungener Einstieg in das Verständnis eines der berühmtesten deutschen Autoren.

Mackie Messer: Brechts Dreigroschenfilm (D 2018)

Und noch mal Bertolt Brecht, dieses Mal mit einem überdrehten Film über die Versuche des Autors, sein Erfolgsstück „Dreigroschenoper“ 1928 als Filmversion umzusetzen. Dabei lässt der Film bewusst die Handlung des Stücks mit der Rahmenhandlung vermischen. So wird auf amüsante Art verdeutlicht, warum die völlig unterschiedlichen Ansichten von Brecht und der Produktionsfirma letztendlich dazu führten, dass der Film nie fertiggestellt werden konnte. Vor allem Lars Eidinger in der Titelrolle dreht richtig auf, aber auch die prominenten Nebendarsteller Robert Stadlober, Hannah Herzsprung, Joachim Król und Tobias Moretti machen ihre Sache gut. Trotzdem ist der Film wie auch schon Brechts Werk alles andere als massentauglich und daher wohl nur was für Interessierte.

LBJ (USA 2017)

Woody Harrelson ist auch als der ehemalige US-Präsident Lyndon Baines Johnson wirklich sehenswert, den Film über den Demokraten, der nur Präsident wurde, weil er als Vize für den ermordeten John F. Kennedy übernahm, muss man aber nicht zwingend gesehen haben. Er gibt zwar einen interessanten Einblick in das Leben und die Ansichten von LBJ sowie in die Ereignisse rund um die Ermordung Kennedys und die schwere Bürde für dessen ehemaligen Konkurrenten, aber nach diesem Film hat sich bei mir Johnson weiterhin nicht unbedingt zu den bekanntesten US-Präsidenten gesellt.

Van Gogh: An der Schwelle zur Ewigkeit (FR 2019)

Willem Dafoe spielt den berühmten Maler Vincent van Gogh wirklich einzigartig und aus künstlerischen Aspekten ist der Film sicherlich etwas Besonders, aber das macht ihn mitunter auch recht anstrengend. Wer sich für den Maler interessiert, sollte diesen Film aber auf jeden Fall sehen, Dafoe spielt den Maler, der seinen inneren Dämonen nicht entfliehen kann und sich zeitweise sogar selber in die Psychiatrie einweist, wirklich eindringlich, viele Szenen gehen unter die Haut. Zudem zeigt der Film eine kontroverse Version seines Todes, über die bis heute viel spekuliert wird. In erster Linie was für Fans von Malerei und Willem Dafoe, für die dann aber auch Pflichtprogramm.

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